"Das traurige Ende": EU-Urheberrecht löst Panik bei Youtubern aus

    6. November 2018, 10:23
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    Videomacher fürchten Ende der Plattform – Videos sind jedoch übertrieben, da Youtube sowieso schon Uploadfilter anwendet

    Die geplante Urheberrechtsreform der EU soll zahlreiche negative Konsequenzen für die Zukunft des Internets mit sich ziehen. Diese kritisierte auch die Youtube-Chefin Susan Wojcicki zuletzt in einem offenen Brief und rief Youtuber dazu auf, dagegen zu protestierten. Nun finden sich im deutschsprachigen Raum zahlreiche Videos, die zum Teil klingende Titel tragen – das aktuell viralste heißt "Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt". Wie etwa "Motherboard" und die Süddeutsche Zeitung" berichten, führt das in Kommentarspalten zu teils dramatischen Reaktionen, wie etwa Hilferufen und Nutzern, die behaupten, zu weinen.

    wissenswert

    Panik für Klicks

    Das Ziel vieler Videomacher scheint offenbar zu sein, durch die ausgelöste Panik große Mengen an Klicks zu generieren, wie teils übertriebene Video-Titel suggerieren. Die Youtuber weisen vor allem auf sogenannte Uploadfilter hin, welche das neue EU-Urheberrecht unter anderem vorsehen würde. Webseiten, die auf nutzergenerierte Inhalte setzen, müssten demnach bereits vor der Veröffentlichung von Content automatisiert prüfen, ob eine Urheberrechtsverletzung vorliegt – und wenn dem so ist, den Upload verhindern.

    Youtube hat bereits Uploadfilter

    Dass die Reform wirklich das Ende von Youtube bedeutet, bleibt jedoch wohl eher zu bezweifeln, ist Google doch eines der wenigen Unternehmen, die bereits jetzt einen Uploadfilter anwenden. Er heißt Content ID und hat dieselbe Funktion, wie jene Filter, die durch das neue Gesetz vorgeschrieben werden sollen.

    Uploadfilter könnten Internet zensieren

    Die Urheberrechtsreform trifft seit der Vorstellung des ersten Entwurfs auf weitreichende Kritik. Betroffen wären nämlich nicht nur Googles Videodienst, sondern jegliche Plattformen im Internet, die nutzergenerierte Inhalte anbieten. Welche Gefahren das birgt, zeigt bereits Youtube, wo das Phänomen des "Overblockings" immer wieder Kritik auslöst. Da es sich um eine technische, und nicht menschliche, Schranke handelt, werden oft Inhalte blockiert, die in Wahrheit keine Verletzung darstellen, da Content ID keinen Kontext setzen kann: Etwa Urlaubsvideos mit Musik im Hintergrund oder Zitate. Mit der Reform könnte der Filter noch schärfer gestellt werden, um Verletzungen vorzubeugen.

    Eine weitere Befürchtung ist, dass Youtube künftig aus Kostengründen (und Angst vor Klagen) nur mehr für große Kanäle angeboten wird. Wojcicki erwähnte dies – wohl, um Inhalteersteller mobil zu machen – in ihrem offenen Brief. Eine solche Entscheidung ist jedoch unwahrscheinlich, da Youtube, anders als die meisten anderen europäischen Plattformen, bereits über die notwendigen Mechanismen verfügt, um Verstöße zu verhindern.

    Reaktion der EU-Kommission

    Die EU-Kommission hat die scharfe Kritik von Wojcicki an der geplanten Urheberrechtsreform entschieden zurückgewiesen. Wer auch immer etwas Nützliches und Konstruktives zum derzeitigen Gesetzgebungsverfahren beizutragen habe, sei sehr willkommen, sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde am Dienstag.

    Diesen Prozess jedoch für die Behauptung zu nutzen, die EU sei gegen das Internet, sei "Unsinn". Der Sprecher betonte: Der Gesetzesvorschlag der EU-Kommission ziele nicht auf YouTube-Nutzer oder andere Plattformen. "Sie werden weiterhin in der Lage sein, das zu tun, was sie heute tun, etwa Anleitungen oder andere kreative Inhalte hochladen." Stattdessen solle die Position von Rechteinhabern gestärkt und ihre Inhalte besser vergütet werden. Derzeit würden EU-Staaten und Europaparlament über eine ausgewogene Reform verhandeln.

    Wojcicki hatte Anbieter von Videoinhalten auf der Google-Plattform vor zwei Wochen mit drastischen Worten dazu aufgerufen, in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform gegen mögliche Upload-Filter zu protestieren. Sie sollten sich darüber informieren, wie der umstrittene Artikel 13 der geplanten Richtlinie ihre YouTube-Kanäle betreffen werde "und sofort handeln".

    Wojcicki warnte

    Artikel 13 sieht in der zuletzt im September vom Europaparlament verabschiedeten Fassung vor, dass sich Online-Plattformen Lizenzen von Rechteinhabern sichern müssen – und für Urheberrechtsverletzungen von Nutzern haften. Obwohl Upload-Filter nicht ausdrücklich erwähnt werden, halten Kritiker sie die wahrscheinlichste technische Lösung für die neuen Vorgaben. Wojcicki warnte, "der Vorschlag könnte Plattformen wie YouTube zwingen, nur Inhalte von einer Handvoll großer Unternehmen zuzulassen". Die Neuregelung könne das Internet, wie man es heute kennt, "drastisch verändern". (muz, APA, 6.11.2018)

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