Pädagogikpaket: "Notenwahrheit eine Illusion"

    6. November 2018, 12:54
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    Dem Gesetzesvorhaben fehlt es an "wissenschaftlicher Evidenz", sagen Bildungsexperten. Alternative Beurteilungen seien deutlich förderlicher. Die Opposition fordert ein Expertenhearing

    Wien – Kritik an vielen Maßnahmen des Pädagogikpakets übt die Österreichische Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (Öfeb). Insgesamt fehle es dem Gesetzesvorhaben an "wissenschaftlicher Evidenz", bemängelten die Bildungsforscher am Dienstag.

    "Notenwahrheit" sei "eine Illusion", hält die Öfeb fest. "Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Evidenz dafür, dass Ziffernnoten das Lernen der Schüler/-innen fördern. Dennoch ist im Pädagogikpaket vorgesehen, Ziffernnoten ab der zweiten Schulstufe der Volksschule verpflichtend einzuführen." Alternative Leistungsbeurteilungen hätten sich in der Forschung und Praxis als "deutlich förderlicher" für Lern- und Entwicklungsfortschritte erwiesen.

    Auch die Möglichkeit zur Einführung dauerhafter Leistungsgruppen in den Neuen Mittelschulen (NMS) bzw. künftig Mittelschulen sehen die Forscher skeptisch: Diese seien "dysfunktional". Die Öfeb schreibt: "Länder mit hoch leistungsstarken Schulsystemen setzen aus gutem Grund verstärkt auf innere Differenzierung anstatt auf die Einrichtung dauerhaft getrennter Leistungsgruppen." Die Öfeb ersucht die Regierung daher "dringend, wissenschaftliche Erkenntnisse – im Sinner einer Evidenzbasierung – bildungspolitisch zu nutzen und Vorhaben, die dem Stand der Wissenschaft widersprechen, zurückzunehmen".

    Fehlende Freiräume

    Zum geplanten Pädagogikpaket waren bis zum Ende der Begutachtungsfrist vergangenen Freitag insgesamt 79 Stellungnahmen eingegangen, darunter viele von Lehrern und Schulleitern. Am häufigsten wurden in den Schreiben die Verpflichtung zu Ziffernnoten mit Ende der 2. Klasse Volksschule und die Möglichkeit, in den Mittelschulen fixe Leistungsgruppen einzuführen, bemängelt. Aus Sicht der Stadt Wien werden damit etwa "schulautonome Freiräume in der Notengebung zurückgedrängt". Dass Eltern trotz Entscheidung der Klasse für eine Alternative Beurteilung zusätzlich auch Ziffernnoten einfordern können, führt für den Landesschulrat Kärnten "den Klassenforumsbeschluss ad absurdum".

    Keine Freude hat man in der Stadt Wien außerdem mit den möglichen Leistungsgruppen an NMS. Auch eine Notenskala von "Sehr gut" bis "Nicht genügend" auf zwei Leistungsniveaus ("Standard", "Standard AHS") bedeute "Separierung, Aussortierung bzw. soziale Selektion". Der Kärntner Landesschulrat warnt ebenfalls vor mangelnder Durchlässigkeit. Die Industriellenvereinigung besteht auf der Möglichkeit, flexibel zwischen den beiden Leistungsniveaus zu wechseln und warnt, dass diese "keinesfalls an den früheren A- und B-Zug anknüpfen" dürften.

    Wie der burgenländische und Tiroler Landesschulrat pocht Wien in seiner Stellungnahme darauf, dass der Bund auch in Zukunft für die Differenzierung an den Mittelschulen zusätzliche sechs Lehrerstunden finanzieren müsse. Gleichzeitig befürchtet Wien durch die Möglichkeit, ein freiwilliges zehntes Schuljahr an den polytechnischen Schulen zu verbringen, höhere Kosten.

    Frage der Spielregeln

    Ziffernnoten sagen wenig über das Leistungsniveau und viel darüber aus, wie Schüler mit den Spielregeln und Verhaltensnormen von Schule zurechtkommen, sagt auch Bildungsforscher Bernhard Hemetsberger von der Uni Wien. Kinder mit anderen kulturellen Hintergründen und Erstsprachen haben laut Hemetsberger oft mehr Schwierigkeiten, sich an das soziale Setting Schule anzupassen, als Kinder aus so genannten bildungsnahen Familien. "Das macht es politisch scheinbar relativ einfach, mittels Schulnoten diese Differenz zu markieren. Wenn man noch eines draufsetzt, indem man Sitzenbleiben kann oder Schüler ausschließen kann, kann man damit Sozialpolitik betreiben", sagt der Wissenschafter mit dem Forschungsschwerpunkt Notengebung.

    Die Ziffernnoten würden auch nicht dazu führen, dass Eltern einen besseren Eindruck bekommen, wo ihr Kind steht. "Isolierte Bezeichnungen helfen niemandem wirklich weiter, außer dass vielleicht einmal das Geldtascherl der Oma aufgeht, wenn man einen Einser bekommt." Soll eine Leistungsbeurteilung sinnvoll sein, müssten Kinder und Eltern mit der Rückmeldung gemeinsam mit der Schule produktiv weiterarbeiten können.

    Schwierige Rückmeldung

    Alternative Methoden der Leistungsbeurteilung sind allerdings nicht uneingeschränkt die bessere Methode. "Wenn Rückmeldungen in einer Art und Weise an Eltern herangetragen werden, die ihren Lebenszusammenhängen eher ferner stehen oder vielleicht auch schwierig zu verstehen sind, könnte ein gewisses Missverständnis oder sogar Unverständnis bedient werden", sagt Hemetsberger.

    Diese Erfahrung hat man auch bei Romano Centro gemacht, einem Verein, der jedes Jahr über 100 Roma-Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau betreut. Problematisch ist aus Sicht des pädagogischen Leiters Ferdinand Koller vor allem die sogenannte "Leistungsbeurteilung im Gespräch" ohne jegliche Niederschrift. Vielfach werden diese Gespräche ohne Dolmetscher geführt und die Eltern bekämen deshalb wenig mit. Zusätzlich würden sie oft nur das hören, was sie auch hören wollen – "nämlich dass die Kinder eh brav sind" – und folglich den Ernst der Lage nicht erkennen. Hier wäre aus Kollers Sicht der Einsatz von Dolmetschern oder interkulturellen Mediatoren, wie Romano Centro sie stellt, sinnvoll. Allerdings gebe es zu wenige, um den tatsächlichen Bedarf zu decken.

    Hilfreiche Arbeitsmappen

    Auch verbale Benotung auf dem Zeugnis in wertschätzender Sprache, die an den Schüler adressiert ist, eigne sich nur bedingt, um Eltern mit wenig Bildungserfahrung über die Leistungen der Kinder zu informieren, heißt es seitens des Romano Centro. "Wenn bei einem Kind in der zweiten Klasse steht: 'Übe im Sommer noch die Buchstaben', ist jedem, der den Volksschullehrplan kennt, klar, dass das eine absolute Katastrophe ist." Wenn dies allerdings den Eltern nicht eindeutig kommuniziert werde, seien Ziffernnoten "fast besser. Denn wenn ein Fünfer drinnen steht, sehen sie, was Sache ist." Das sei allerdings keineswegs als grundsätzliches Plädoyer für Ziffernnoten zu verstehen, betont Koller. Wesentlich hilfreicher und verständlicher seien zum Beispiel Arbeitsmappen, in denen etwa mit Smileys das Niveau des Kindes in den diversen Teilgebieten ausgewiesen wird. "Da können die Eltern selbst verstehen, ob es Förderbedarf gibt."

    Auch bei der Diakonie hat man mit Leistungsrückmeldung in Form von Leistungs- und Lernzielmappen gute Erfahrungen gemacht. "Das verstehen alle Eltern", so Sozialexperte Martin Schenk. Klar sei aber auch: "Wenn Eltern Noten gewohnt sind und die Arbeiten des Kindes nicht verstehen, dann müssen die Pädagogen erstens in Kommunikation mit den Eltern investieren und zweitens Formen des Feedbacks entwickeln, die verständlich sind." Er warnt außerdem grundsätzlich davor, die Entscheidung, ob das Kind Nachhilfe braucht, der Familie zu übertragen. "Die pädagogische Förderarbeit haben die Pädagogen zu machen, das hilft gerade den Kindern aus einkommensschwächeren Haushalten ." Lehrer könnten dem Kind etwa – in Absprache mit den Eltern – ein Lerncafé oder Nachhilfeinstitut nahelegen.

    Auf Ziel konditioniert

    Eine sinnvolle Begleitmaßnahme bei der alternativen Leistungsrückmeldung wäre aus Schenks Sicht neben Dolmetschern etwa eine schriftliche Zusammenfassung auf einer A4-Seite. Die Ausweitung der sogenannten KEL-Gespräche sieht er ebenfalls als Chance, den Eltern sinnvolle Rückmeldung darüber zu geben, was ihr Kind kann und wo es Unterstützung braucht – vorausgesetzt, die Lehrer seien dafür entsprechend ausgebildet.

    Ziffernnoten stehen für Schenk in den ersten Volksschuljahren im Widerspruch zu entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Kinder könnten da noch schwer zwischen sich selbst als Person und der Note unterscheiden, was dazu führe, dass eine Sechsjährige sich selbst als "Nicht genügend" sehe, nicht ihre Rechenleistung. Die Schüler würden dadurch auch sofort auf das Ziel konditioniert, einzig für die Note zu arbeiten. "Was Kinder dann als Erstes verlieren, ist die Freude und, noch problematischer fürs Lernen, die Neugier." Studien würden außerdem belegen, dass Ziffernnoten stark vom sozialen Status von Lehrer und Schüler abhängen.

    "Bildungspolitischer Rückschritt"

    Die Oppositionsparteien fordern angesichts zahlreicher kritischer Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf ein Expertenhearing zum Pädagogikpaket. SPÖ, Neos und Liste Pilz kritisieren in einer gemeinsamen Aussendung erneut einen "bildungspolitischen Rückschritt" und wollen eine öffentliche Anhörung im Unterrichtsausschuss des Nationalrats. (APA, 6.11.2018)

    • Die Armutskonferenz ist gegen Schulnoten in den ersten Volksschuljahren.
      foto: apa/techt

      Die Armutskonferenz ist gegen Schulnoten in den ersten Volksschuljahren.

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