Merkels Rückzug: Zwischen Häme und Respekt

Kolumne5. November 2018, 17:00
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Alles wird anders, auch in der Europapolitik

Nach dem angekündigten schrittweisen Rückzug der Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Telefonat mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker teilte dessen Sprecherin mit: "Alles bleibt beim Alten." Man kann diese Aussage nur als einen frommen Wunsch oder eine banale Lüge betrachten. Alles wird nämlich anders, auch in der Europapolitik. Merkel ist zweifellos die ungewöhnlichste Erscheinung, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europäischen Zeitgeschichte. "So fand in diesem Land noch nie ein Rückzug aus dem Kanzleramt statt. Aus dem Amt heraus, angekündigt, zumindest geplanterweise in Schritten und ohne Rechthaberei und als Ergebnis des Innehaltens einer Staatsdienerin vorgetragen", betont Jürgen Knaube in der "FAZ".

In ihrer Erklärung sagte die Bundeskanzlerin: "Ich habe mir immer gewünscht und vorgenommen, meine staatspolitischen und parteipolitischen Ämter in Würde zu tragen und sie eines Tages auch in Würde zu verlassen." Angesichts der Häme und Genugtuung in vielen heuchlerischen Kommentaren über den halben Rücktritt, noch dazu auch in den gleichen Blättern, die ihr vor kurzem noch diese Vorgangsweise empfohlen haben, sollte man betonen, dass die Art ihres Rückzugs, begleitet von Blitzreisen nach Kiew und Warschau, der Würde des Amtes völlig angemessen war. Darüber hinaus sollte man die dreizehn Jahre ihrer Kanzlerschaft und auch die achtzehn Jahre ihres Vorsitzes der CDU mit der Amtszeit und Persönlichkeit der drei US-Präsidenten und vier britischen Premiers und französischen Präsidenten vergleichen, mit denen sie es zu tun hatte.

Schnellschüsse

Merkel war und ist anders als alle anderen Spitzenpolitiker. "Vollkommen skandalfrei, vollständig auf Politik konzentriert und ohne jede Ambition auf etwas anderes als Machtgebrauch nach demokratischen Prinzipien, ohne hasardeurhaftes Verhalten und präpotentes Getue, fast desinteressiert an der eigenen Außenwirkung", hebt Knaube zu Recht in seiner klugen Betrachtung hervor. Eine Journalistin schrieb kürzlich, die spöttischen Kommentare über Merkel seien die Folge einer Frau an der Macht, als besäßen Männer eine größere Berechtigung zu herrschen. Ich glaube allerdings, eher handelt es sich um den Mechanismus der oberflächlichen Schnellschüsse und um die auch von den sozialen Medien diktierte personenbezogene Jagd der Medien nach dem Neuen.

Die Floskeln über "eine Chance mit Neuwahlen ohne Merkel für einen echten Neuanfang" ("Der Spiegel", 3. 11.) übersehen nicht nur die Bedeutung der internationalen Marke Merkel, die auch das weltweit positive Echo ihrer Kanzlerschaft widerspiegelt. Es geht bei der Regelung ihrer Nachfolge auch um den Mut, das Augenmaß und die Verantwortung, gekoppelt mit dem moralischen Rüstzeug, Eigenschaften also, die ihre Anerkennung als "De-facto-Führerin der freien Welt" ("New York Times", 29. 10.) durch diese ungewöhnliche Politikerin gerechtfertigt und zugleich auch in der deutschen Innenpolitik Standards gesetzt haben, die bei der Suche nach Lösungen nicht ignoriert werden sollten. (Paul Lendvai, 5.11.2018)

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