Mord und Totschlag im US-Wahlkampf: Republikaner werben mit Angst

    6. November 2018, 17:22
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    Vor der Kongresswahl schockierten Präsident Trump und die Republikanische Partei mit offen rassistischen Werbespots

    Das mit pochenden Klängen und schrillen Tönen unterlegte Video, das US-Präsident Donald Trump am Abend des 31. Oktober auf Twitter veröffentlichte, ist kein gewöhnliches Halloween-Gruselvideo. Es ist ein Wahlwerbespot für die Republikanische Partei, die bei der Midterm-Wahl am Dienstag doch noch gut abschneiden will. Das Video zeigt Luis B., einen Mexikaner, der zwei Polizisten umgebracht hat und dafür verurteilt wurde, und Migranten aus Mittelamerika, die in Richtung USA flüchten. Die Message: Demokraten lassen Kriminelle rein und lassen sie auch hier bleiben.

    Dass Luis B. in die USA einreiste, als der Republikaner George W. Bush Amerikas Präsident war, scheint Trump nicht zu stören. CNN nennt das Video "den schlimmsten Wahlwerbespot seit 30 Jahren". Inzwischen haben nicht nur Facebook und der TV-Sender NBC das Video entfernt, sondern auch der prorepublikanische Sender Fox News. Es ist aber nur eines von vielen Videos in diesem Wahlkampf, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und dabei auch noch rassistische Töne treffen.

    Irreführende Videountertitel

    Im Bundesstaat New York wird ein Kandidat für das Repräsentantenhaus in einem Werbespot seines konservativen Kontrahenten Chris Collins gezeigt, wie er Koreanisch spricht. Die originale Videobotschaft hatte Nate McMurray vor Monaten zur Unterstützung des Friedensprozesses zwischen Nord- und Südkorea veröffentlicht. In der Wahlwerbung wurden aber Untertitel über McMurrays Ansprache gelegt, die andeuten, dass er sich für die Auslagerung amerikanischer Jobs an chinesische und koreanische Arbeiter einsetzt.

    Dass politische Kontrahenten in den USA versuchen, einander in TV-Wahlwerbungen anzuschwärzen, ist kein neues Phänomen. Auch die Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney und Barack Obama lieferten sich 2012 eine Schmutzkübelkampagne, die die Amerikaner noch nicht vergessen haben. Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 1988 sagte George Bush seniors Kampagnenmanager, dass er den Kontrahenten Michael Dukakis so lange mit dem afroamerikanischen Mörder William Hornton in Verbindung bringen wolle, bis "man Hornton für den Vizepräsidentschaftskandidaten hält".

    Zwei Amerikas, zwei Rassismus-Definitionen

    Der Historiker Kevin Kruse von der Universität Princeton sagt, dass Trumps Taktiken noch schlimmer seien. Denn im Gegensatz zu dem Willie-Horton-Werbespot, der von der Bush-Kampagne heimlich bei Dritten in Auftrag gegeben wurde, stammt Trumps Werbevideo direkt vom persönlichen Twitter-Account des Präsidenten. Dass Rassismus in diesem Wahlkampf so offen eingesetzt wird wie schon lange nicht mehr, sieht auch der Politologe Ian Haney Lopez von der Universität Berkeley so. "Das Problem ist aber, dass der Rassismus nur für eine Hälfte der amerikanischen Gesellschaft offensichtlich ist", sagt Haney Lopez dem STANDARD. "Die andere Hälfte sagt, dass es nicht rassistisch ist, sich über illegale Einwanderung zu ärgern."

    Diese Einstellung vertritt zum Beispiel Brian Kemp: Der republikanische Kandidat für den Gouverneursposten in Georgia bringt sich in seiner offiziellen Wahlwerbung erst mit seinem Schießgewehr und dann mit seinem Truck in Pose und sagt in die laufende Kamera, dass er bereit ist, Migranten selbst zusammenzutreiben und zurückzubringen. Seine Parteikollegin Marsha Blackburn, die für den Nachbarstaat Tennessee Senatorin werden will, beschreibt in ihrem offiziellen Wahlvideo genau diese Migranten als "Gangmitglieder, bekannte Kriminelle, Menschen aus dem Nahen Osten und möglicherweise Terroristen".

    "Illegale sind keine Rasse, sondern Verbrecher"

    Die Werbevideos geben vor, ausschließlich Verhaltensweisen zu kritisieren, sagt Haney Lopez. "Illegale sind keine Rasse, Illegale sind Verbrecher" sei ein Spruch, den Republikaner gerne verwenden. Denn die Republikanische Partei versuche seit 50 Jahren, Rassismus auf Hautfarbe und rassistische Schimpfwörter zu reduzieren. Sie behaupteten, lediglich eine Debatte über Religion, Kultur und Herkunft zu führen – Tatsache sei aber, dass Menschen mithilfe dieser Bildsprache als inhärent gewalttätig dargestellt werden und ihnen somit eine angeborene Unterlegenheit zugeschrieben werde, von der sie und ihre Nachfahren sich nicht lösen könnten, sagt Haney Lopez.

    Schon bei der Präsidentschaftswahl 2016 hatte Trump diese Ambiguität des Rassismusbegriffs ausgenützt – jetzt machen es ihm die Kandidaten für Senat und Repräsentantenhaus mitsamt furchteinflößender Musik und Spezialeffekten nach. Der Rhetorikexperte Lex Paulson sagt dem STANDARD, dass Trump vorgezeigt habe, wie schnell man mit Angstbotschaften Menschen mobilisieren könne. Es gehe auch bei diesen Wahlen nicht darum, die Wähler zu überzeugen, sondern sie zu den Urnen zu locken – und dabei sei Angst eben besonders effektiv.

    Es geht allerdings nicht nur um Angstmache vor Migranten. Obwohl Amerika noch um seine Toten nach der Attacke auf die Pittsburgh-Synagoge trauert, sind am Wahltag in mehreren Wahlkreisen antisemitische Flugblätter aufgetaucht. Sie richten sich in allen Fällen gegen jüdische Kandidaten der Demokraten, die gegen Republikaner antreten. Das Motiv der Karikatur: Die jüdischen Kandidaten mit einem Bündel Geld in der Hand. (Flora Mory, 6.11.2018)

    • Zwei Jahre nach der Wahl von Trump wählen die USA einen neuen Kongress.
      foto: reuters

      Zwei Jahre nach der Wahl von Trump wählen die USA einen neuen Kongress.

    • Rassismus spielte bei dem Wahlkampf eine große Rolle.
      foto: reuters

      Rassismus spielte bei dem Wahlkampf eine große Rolle.

    • Die Bildschrift erinnert an Untertitel, allerdings sagt der Demokrat McMurray in diesem Video etwas ganz anderes.

      Die Bildschrift erinnert an Untertitel, allerdings sagt der Demokrat McMurray in diesem Video etwas ganz anderes.

    • Ein republikanischer Wahlwerbespot behauptet, dass der christliche Kandidat Ammar Campa-Najjar von der Muslimbrüderschaft unterstützt wird – ganz ohne Beweise.
      foto: bildschirmausschnitt duncan hunter wahlwerbung

      Ein republikanischer Wahlwerbespot behauptet, dass der christliche Kandidat Ammar Campa-Najjar von der Muslimbrüderschaft unterstützt wird – ganz ohne Beweise.

    • Brian Kemp will mit diesem Truck Migraten selbst zusammentreiben –"ich bin euer konservative politisch unkorrekter Kandidat".
      foto: bildschirmausschnitt brian kemp wahlwerbung

      Brian Kemp will mit diesem Truck Migraten selbst zusammentreiben –"ich bin euer konservative politisch unkorrekter Kandidat".

    • Im Video von Marsha Blackburn werden Photos von Migranten mit einem dramatischen Farbfilter und einer schrillen und stigmatisierenden Schrift überlegt.
      foto: bildschirmausschnitt marsha blackburn wahlwerbung

      Im Video von Marsha Blackburn werden Photos von Migranten mit einem dramatischen Farbfilter und einer schrillen und stigmatisierenden Schrift überlegt.

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