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6. November 2018, 08:18

In Österreich gibt's doch nur Berge, warum schlagen uns die Österreicher? Das fragen sich die Engländer und Spanier, wenn sie hinter uns ankommen. Und als Österreicher sind wir ja wirklich Exoten im Segeln. Wobei – eigentlich sind wir in fast jeder Sportart Exoten. Richtig ausgenommen ist nur der Skisport.

Österreich definiert sich nicht über den Sport, nicht so, wie das andere Länder tun. Der Sport müsste Teil der österreichischen Kultur werden und sein. Sport sollte als Kulturgut wahrgenommen werden. Aber in Österreich fehlt die emotionale Bindung, der Sport fristet ein Nischendasein. Da sind uns andere Nationen weit voraus.

Nur beim Skifahren bringen wir eine Bindung zustande, aber nicht im Sport generell. Im Fußball ist es mal so, mal so. Wenn die Fußballer gut spielen, ist Österreich auch ein Fußballland. Bei schlechten Ergebnissen wird alles gleich verdammt.

foto: apa/fohringer
"Spitzensportler", sagt Thomas Zajac, "sind Botschafter dieses kleinen Landes. Das hat einen großen Wert."

Andere Länder feiern alle ihre Olympiateilnehmer, vor den Spielen, bei den Spielen, nach den Spielen. Und es ist gar nicht so wichtig, wie die Ergebnisse waren. Olympiateilnehmer zu sein hat einen riesigen Stellenwert. Bei uns wird das nicht wahrgenommen. Nur eine ganz kleine Auswahl schafft es zu den Spielen, man muss sich gegen sehr viele andere durchsetzen, die auch unbedingt hinwollen. Olympiateilnehmer bist du ein Leben lang.

Mein Vater war 1980 für Polen bei Olympia, er ist in der Soling-Klasse auf Rang neun gesegelt. Der hat damals so viel Anerkennung erfahren, dass er sich fast schon wie ein Volksheld vorgekommen ist, und allen anderen polnischen Olympiateilnehmern ist es genauso gegangen.

Du bist als Sportler schnell abgestempelt

In Österreich bist du schnell ein Olympiatourist. Du bist als Sportler schnell abgestempelt und wirst durch den Dreck gezogen. Das passiert teils medial, aber manchmal auch auf politischer Ebene. Da sieht man, wie viel Österreich zur Sportnation fehlt.

Wir müssten zumindest acht Jahre vorausdenken. Aber in unserem Fördersystem wird ständig etwas neu erfunden. Ich bin seit gut 15 Jahren im Spitzensport, ich hab das oft genug erlebt. Und wenn sich politisch etwas ändert, geht eine Zeitlang erst recht nichts weiter.

Ob Schwarz, Rot oder Blau – egal welche Partei für den Sport zuständig ist, es muss immer erst anlaufen, allein dadurch ergibt sich ein Stillstand. Man müsste längst schon über die Sommerspiele 2024, vielleicht schon über 2028 nachdenken. Doch in Österreich denkt man nicht mehr als zwei, drei Jahre voraus. Das Pferd wird vielleicht nicht von hinten, aber viel zu spät aufgezäumt.

foto: apa/groder
16. August 2016, Rio: Steuermann Thomas Zajac und Vorschoterin Tanja Frank hissen Rot-Weiß-Rot. Sie haben jene Olympiamedaille geholt, auf die das Land seit 2008 gewartet hat.

Ohne langfristige Strategie und öffentliche Anerkennung fehlt das wirtschaftliche Interesse. Ich habe nach der Olympiamedaille trotz großer Bemühungen keinen zusätzlichen Sponsor gefunden, im Gegenteil, ich habe meinen wichtigsten Partner verloren.

Ein neuer CEO, ein neuer Marketingleiter, andere Interessen, es kann sehr schnell gehen. Das tut schon weh. Zumal man ja nicht reich werden, sondern einfach nur eine professionelle Olympiakampagne hinkriegen will. Seit kurzem, seit meiner Aufnahme ins Candidate Sailing Team, habe ich diesbezüglich wieder etwas Oberwasser. Es ist ein tolles Projekt mit vielen Facetten, ich kann mich da sehr gut einbringen.

Im Segelverband wird seit vielen Jahren kontinuierlich gearbeitet, das liegt vor allem an Sportdirektor Georg Fundak, der nicht nur an morgen und übermorgen denkt, sondern auch schon an überüberübermorgen.

Die Erfolge und Olympiamedaillen von Roman Hagara, Hans-Peter Steinacher, Christoph Sieber und Andreas Geritzer haben einiges bewirkt. Aber auch der Segelverband ist weit davon entfernt, aus dem Vollen zu schöpfen. Er hat seit dem Jahr 2000 keinen Hauptsponsor mehr.

Wir sind sieben Boote im Nationalkader, es ist nicht einfach, die über Wasser zu halten. Im Sommer waren wir erstmals in Tokio, um im Olympiarevier 2020 zu trainieren. Andere Nationen waren schon ein Jahr vorher dort, dafür fehlte bei uns das Geld. Das Revier in Tokio ist sehr speziell, das Kriterium ist die Welle. Deshalb ist es wichtig, möglichst viel vor Ort zu trainieren. In Europa gibt es kein Revier mit einem ähnlichen Wellenmuster.

foto: apa/fohringer
Die Segler galten in Rio 2016 als größte Hoffnungsträger. Wobei man eher auf andere Duos denn auf Zajac/Frank gesetzt hätte, die vor dem Zuckerhut ihre Bronzene präsentierten.

Österreich ist ein kleines Land, Österreichs Spitzensportler agieren auf der ganzen Welt als Botschafter dieses kleinen Landes. Vor einem Jahr war ich in Schanghai in einem TV-Sportstudio zu Gast, da haben vierzig Millionen Menschen zugesehen. In Rio hat die "New York Times" eine Geschichte über uns österreichische Segler gemacht, nach dem Motto: Wie kann es sein, dass Exoten aus einem Binnenland in einer Weltsportart so erfolgreich sind? Spitzensportler sind Aushängeschilder. Das hat einen großen Wert.

Wenn du als Österreicher im Winter eine von 15 Medaillen gewinnst, kriegst du von deiner Gemeinde vielleicht ein Grundstück geschenkt. Im Sommer kriegst du ein paar Münzen. Bitte nicht falsch verstehen – ich gönne es den Wintersportlern. Wintersport ist in Österreich riesig und wichtig, global gesehen halt etwas weniger wichtig. Wir wollen ja auch nicht viel. Aber eine Absicherung wäre fein, etwas, worauf man nach der Karriere aufbauen kann. Bist du 45 Wochen im Jahr unterwegs, bleibt keine Zeit für ein berufliches Standbein. Dein Job ist der Profisport. Aber der hat leider ein Ablaufdatum.

Überrascht, wie gering das Echo war

Ich bin nach Rio in kein Loch gefallen. Aber ich war schon überrascht, wie gering das Echo war. Die Bronzene, die Tanja Frank und ich 2016 ersegelt haben, war immerhin die erste ÖOC-Medaille im Sommer seit 2008. Jetzt haben wir 2018, also kann man sagen, es war die einzige österreichische Medaille im vergangenen Jahrzehnt. Ich hatte gehofft, dass sich mehr tun würde. Aber als im Winter nach Rio die ersten Schneeflocken gefallen sind, waren die Schulterklopfer schon weitergezogen. Es hat nicht lange gedauert, und alles war wie immer. Nicht selten werde ich gefragt, wieso in Rio nicht mehr herausgeschaut hat als diese eine Medaille.

Vielleicht schaut in Tokio mehr heraus, vielleicht auch nicht. Vielleicht wäre es aus PR-Gründen klug gewesen, wenn Tanja und ich weiterhin gemeinsam gesegelt wären, vielleicht auch nicht. Und sportlich? Man wird sehen. Tanja sitzt jetzt selbst am Steuer, in einer anderen Bootsklasse, im 49erFX, ihre Vorschoterin ist Lorena Abicht. Ich bin in der Nacra17-Klasse geblieben, segle jetzt mit Barbara Matz. Eigentlich ist es fast eine Sensation, dass unsere zwei Boote schon jetzt, zwei Jahre vor Tokio, die Olympia-Qualifikation geschafft haben.

Natürlich hat Österreich sehr viel, worauf das Land stolz sein kann. Der Sport sollte auch dabei sein. Die Frage ist: Wo will man hin? Wenn man über die Grenzen schaut, fast egal in welche Richtung, merkt man, wie wichtig Spitzensport anderswo ist. Aber in Österreich schaut man halt nicht so gerne über die Grenzen, sondern man hält sie lieber dicht. (Zugehört und aufgezeichnet hat: Fritz Neumann, 5.11.2018)

Thomas Zajac (33) aus Wien ist erblich vorbelastet. Sein Vater Jan Bartosik segelte bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau für Polen (Soling-9.). Mit Vorschoter Thomas Czajka wollte er die Nachfolge von Hagara/Steinacher im Tornado antreten, sie wurden WM-Zweite 2009. Als die Tornado-Klasse olympisch gestrichen wurde, stieg Zajac in die Nacra17-Klasse um. 2016 in Rio de Janeiro holte er gemeinsam mit Tanja Frank Olympiabronze, sie wurden zur Mannschaft des Jahres gekürt. Seit 2017 segelt er gemeinsam mit Barbara Matz, sie sind bereits für Tokio 2020 qualifiziert.

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