Ballgefühl trainieren mit unförmigen Wuchteln

    5. November 2018, 14:00
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    Was Fußballklubs vorbehalten war, soll nun in den Handel: unrunde, vom österreichischen Unternehmen Rasenreich entwickelte Fairtrade-Bälle

    Das Runde muss ins Eckige – diese Fußballerweisheit ist vom Unterhaus bis in die obersten Spielklassen bekannt. Beim Wiener Unternehmen Rasenreich hat man einen etwas anderen Zugang zu besagtem Runden. Streng genommen verkauft das Start-up Fußbälle, salopp gesagt handelt es sich um unförmige Wuchteln.

    Gerader Pass lässt sich mit den herz- bzw tablettenförmigen Bällen keiner spielen, doch genau darin liegt der Sinn der Sache. "Fußball wurde während der vergangenen Jahre immer schneller und die technischen Anforderungen höher. Kann ein Spieler mit unserem Ball umgehen, fällt es ihm einem normalen leichter", sagt Rasenreich-Geschäftsführer Johannes Anderl zum STANDARD. Beispielsweise werde die Beidfüßigkeit gefördert, weil sich die Frucht immer wieder verspringe.

    foto: standard
    Johannes Anderl mit seinen "Babys" Corpus I und Corpus II.

    Kunstprojekt

    Begonnen hat alles als Kunstprojekt. Künstler Mario Sinnhofer schnitt Markenbälle auseinander und nähte sie in eckiger Form wieder zusammen. Er sah darin einen symbolischen Akt, um auf die prekären Arbeitsverhältnisse aufmerksam zu machen, unter denen in Pakistan oder Indien produziert wird. Dann war da noch der Spieltrieb. Betrachter fingen an, mit dem eckigen Ball zu gaberln, und es entwickelte sich eine Geschäftsidee. Zwei Jahre lang arbeitete Sinnhofer an Prototypen, Anderl entwickelte eine Trainingsmethodik für die unrunden Bälle. 2014 gründeten sie die Rasenreich GmbH. Sinnhofer hat sich aus dem operativen Geschäft inzwischen wieder zurückgezogen.

    foto: andreas danzer
    Die birnenförmigen Trainingsbälle von Rasenreich sollen jetzt auch in den Handel kommen.

    Das Konzept findet international Anklang. Zu den Kunden gehören die Fußballschule von Real Madrid ebenso wie Bayern München, Hertha BSC Berlin oder der FC Basel. In Österreich sind die Vienna und Austria Wien mit von der Partie. Die Violetten nutzen die "Corpus" genannte Wuchtel vor allem im Tormanntraining. Auch aus Nordamerika, China und Japan kommen Bestellungen. "Gut für die Auge-Körper-Koordination", "Erhöht die Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit", sagen Trainer. Das renommierte Magazin Fußballtraining attestiert, "den Umgang mit dem normalen Ball deutlich zu verbessern, ohne sich vom regulären Training entfernen zu müssen".

    Die Liebe zum Sport hat Anderl zum Unternehmertum gebracht. "Fußball ist einfach das Leiwandste", sagt der 33-jährige studierte Sportgerätetechniker, der knapp anderthalb Jahre bei Nike im Headquarter in Oregon als Produktentwickler gearbeitet hat. Aufholbedarf sieht er in Marketing und Vertrieb, im Handel gibt es "Corpus" nicht. Künftig kooperiert man mit einem deutschen Vertriebsprofi. 89 Euro kostet ein Ball, das Zweierpaket 159 Euro – alle mit Fairtrade-Siegel.

    Gütesiegel

    Das Fairtrade-Siegel spielte für Rasenreich von Anfang an eine entscheidende Rolle. Alle Bälle werden in Pakistan in einer zertifizierten Produktionsstätte zusammengenäht. "Jeder kann bei Bananen oder Kaffee etwas mit dem Fairtrade-Siegel verbinden. Bei Sportartikeln interessiert das noch niemand", sagt Anderl. 15 Prozent würden auf den Einkaufspreis als Fairtradeprämie aufgeschlagen.


    foto: andreas danzer
    Rasenreich hat neben birnenförmigen Wuchteln auch ganz normale Bälle zum Trainieren.

    Die Mitarbeiter bestimmen selbst, was mit dem Geld passiert. Eine Trinkwasseraufbereitungsanlage, Augenarzt-Untersuchungen und ein eigener Transportservice für die Mitarbeiterinnen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen wurden diesen Menschen durch die Aufschläge ermöglicht. Aus diesem Grund hat Rasenreich das Sortiment um zwei weitere Bälle erweitert. Einer heißt Memento und ist dank einer speziellen Gummioberfläche auf Tricks und Freestyle ausgelegt. Der zweite, man glaubt es kaum, ist ein ganz normaler Fußball, wie er Sportlern seit vielen Jahren Freude bereitet.(Andreas Danzer, 5.11.2018)

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