Neukaledonier wollen bei Frankreich bleiben

    4. November 2018, 16:45
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    Die Bewohner der Pazifikinsel wollen abermals nicht unabhängig werden – zu groß sind für sie die wirtschaftlichen Vorteile

    18.000 Kilometer – eine halbe Weltumrundung – ist Neukaledonien von Frankreich entfernt, und nur selten schafft es die südpazifische Inselgruppe in die Pariser Schlagzeilen. Am Sonntag war es wieder einmal so weit. Der melanesische Archipel mit 270.000 Einwohnern auf einer langgezogenen Hauptinsel stimmte über die Frage ab, ob es seine "volle Souveränität erlangen und unabhängig werden" solle. Resultat: 43,6 Prozent stimmten dafür, 56,4 Prozent dagegen.

    Vertreter der großen französischen Parteien, vor allem der konservativen Republikaner, stimmten im Hauptort Nouméa die Marseillaise an. Die kanakische Befreiungsfront FLNKS, die im Namen der Urbevölkerung für ein Ja mobilisiert hatte, tröstete sich damit, dass das Resultat weniger klar ausgefallen war, als es die Umfragen prophezeit hatten.

    In Paris rief Präsident Emmanuel Macron alle Beteiligten eindringlich auf, "Spannungen zu vermeiden". Das war auf Vorgänge gemünzt, die Neukaledonien vor 30 Jahren erschüttert hatten: 1987 hatte die FLNKS bereits eine Autonomie-Abstimmung verloren – unter anderem, weil Paris die Immigration durch Festlandfranzosen jahrzehntelang gefördert hatte; die Kanaken stellen deshalb nur noch 40 Prozent der Bevölkerung.

    Ein Jahr später töteten junge Extremisten vier französische Polizisten und zogen sich mit Geiseln in die Grotte von Ouvéa zurück. Das geschah wohl nicht zufällig kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen von Mai 1988. Der konservative Kandidat Jacques Chirac lag dabei zurück und versuchte einen letzten Coup: Ohne Rücksprache mit seinem Rivalen, dem sozialistischen Favoriten François Mitterrand, erteilte der Premier den Einsatzbefehl gegen die Befreiungskämpfer, die in der Höhle mehrere Gendarmen festhielten. 19 Kanaken und sechs Polizisten kamen ums Leben. Zwei Tage später wurde Mitterrand vor Chirac wiedergewählt.

    Datum mehrfach verschoben

    Erst jetzt wurde den Franzosen bewusst, dass etwas faul war im Inselparadies. Der sozialistische Premier Michel Rocard erzielte mit der FLNKS ein Abkommen, das eine Unabhängigkeitsabstimmung binnen zehn Jahren vorhersah. Das Datum wurde dann allerdings um 20 Jahre bis 2018 aufgeschoben. Diese Frist sollte es den Kanaken erlauben, die Geschicke Neukaledoniens selbst in die Hand zu nehmen.

    Wenn sich die Lage in den letzten Jahren beruhigt hat, dann ist das nicht der wirtschaftlichen und sozialen Emanzipierung der Urbevölkerung zu verdanken: Die Kanaken arbeiten weiterhin für französische Bergbaufirmen. Die wichtigste, die Société Le Nickel (SLN), gehört dem Pariser Konzern Eramet; einen Minderheitsanteil halten asiatische Eigner.

    Den sozialen Frieden garantieren die massiven Subventionen des Festlandes: Frankreich transferiert jährlich 1,3 Milliarden Euro nach Nouvelle-Calédonie – das sind rund 10.000 Euro pro Erwachsenen. Der Mindestlohn liegt höher als in Frankreich, das Bruttoeinkommen auf der Höhe Neuseelands. Die Währung, der Pazifik-Franc, ist an den Euro gekoppelt, Supermärkte verkaufen Baguettes und Camembert. Schulen und die Amtssprache sind Französisch, die Beamten aus Frankreich erhalten Inselprämien, die Kanaken mehr Sozialhilfe als in Paris. In entlegenen Gebieten dürfen sie zudem offiziell ihr altes Stammesrecht neben dem französischen Code Civil anwenden.

    Angesichts dieser massiven Wirtschaftshilfe verwundert der Abstimmungsausgang nicht, sondern eher der Ja-Anteil von über 40 Prozent. Auf sich gestellt könnten die Neukaledonier ihren Lebensstandard nicht bewahren. Der Unabhängigkeitswunsch der Kanaken bleibt damit aber so wenig erfüllt wie die Anliegen der Sklavennachfahren auf der französischen Karibikinsel Martinique: Dort hatte die Bevölkerung eine größere Autonomie 2010 abgelehnt, obwohl sie sich von den weißen Franzosen stark diskriminiert fühlen.

    Milliarden für eine Illusion

    Insgesamt lässt sich Frankreich den sozialen Frieden in den Überseegebieten (zu denen auch Tahiti, Guadeloupe, Guyana oder Réunion gehören) acht Milliarden Euro kosten. Das ist der Preis, um in allen Erdteilen ein paar "Konfetti" zu behalten, wie sie schon Napoleon nannte: kleine Krümel auf einer Weltkarte, letzte Illusionen weltumspannender Größe. (Stefan Brändle aus Paris, 4.11.2018)

    • Für die Trennung stimmten nach ersten Ergebnissen etwa 41 Prozent.
      foto: apa/afp/theo rouby

      Für die Trennung stimmten nach ersten Ergebnissen etwa 41 Prozent.

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