Jakob Pöltl lernt von den Pinguinen

    3. November 2018, 08:27
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    Österreichs erster NBA-Spieler hat bei den San Antonio Spurs harte erste Wochen zu überstehen. Der Wiener kommt kaum zum Einsatz, ein Rückschritt nach zwei Jahren bei den Toronto Raptors

    Es ist ein sehr warmer Nachmittag in San Antonio Ende Oktober, 27 Grad, blauer Himmel. "Ich schwitze ordentlich", sagt Jakob Pöltl. Kein Vergleich zu Toronto. "Da könnte ich mich schon bald in den Schnee setzen." Seine zweite Vereinsstation in der National Basketball Association (NBA) heißt nach zwei Jahren Raptors also San Antonio Spurs. Der 23-jährige Wiener hat sich diesen Wechsel nicht ausgesucht, in der NBA ist ein Basketballprofi prinzipiell Handelsware, hat kein Mitspracherecht bei der Wahl seines Arbeitgebers. Die Vereine tauschen Spieler wie Chips im Kasino.

    Pöltl ist aus einem Hotel bereits in eine Wohnung gezogen. Es gab viel zu tun bis zum Saisonstart Mitte Oktober, alte Wohnung abmelden, Führerschein übertragen, ein paar Möbel fehlen noch. Beim Finden der Wohnung hat ihm eine vom Verein zur Verfügung gestellte Maklerin geholfen. Die Auswahl war nicht sehr groß. "Das fängt mit der Frage an: Kann ich in der Wohnung aufrecht durch die Tür gehen? Da kommen schon einmal 70 Prozent der Wohnungen nicht mehr infrage", sagt der 2,13 Meter große Pöltl.

    foto: apa/ernst weiss
    Der Wiener Jakob Pöltl steht derzeit eher beim Training als im Spiel auf dem Parkett. Ersteres kann, wenn gelungen, freilich zu Letzterem führen.

    Der STANDARD trifft Österreichs ersten NBA-Spieler auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei im Norden der Stadt. The Pearl ist ein hippes Wohnviertel mit Ateliers, Restaurants und Spielflächen für Kinder. Pöltl wird da und dort erkannt, muss aber keinen Ansturm an Autogrammwünschen fürchten. Einige seiner Mitspieler wohnen in der Nähe des Trainingszentrums in der Peripherie, Pöltl hat sich bewusst für ein Leben in der Stadt entschieden. Wobei, eine richtige Innenstadt gibt es in San Antonio nicht, trotz 1,5 Millionen Einwohner "fühlt es sich an wie eine Kleinstadt". Pöltl fährt 25 Minuten mit dem Auto zum Training. In der schicken "Practice Facility" an der Adresse Spurs Lane 1 ist am Tag vor dem Spiel gegen die Los Angeles Lakers viel Wurftraining und Spielen in Kleingruppen angesagt, zwei gegen zwei, drei gegen drei, es gilt, Bewegungen in Korbnähe zu verinnerlichen. Krafttraining rückt in den Hintergrund. Pöltl hat in der Vorbereitung sichtbar ein paar Kilo Muskelmasse zugenommen, ist aber immer noch sehr schlank und schnell auf den Beinen.

    Selbstkritik

    In zwei Duellen mit den Lakers sowie gegen die Dallas Mavericks wurde er nicht eingewechselt, eine taktische Maßnahme, sagt der Trainer. In der Liga wird nurmehr mit einem Großen in der Formation gespielt, derzeit hat Pöltl gegen den gesetzten Allstar LaMarcus Aldridge und Wechselspieler Pau Gasol das Nachsehen. Pöltl gibt sich selbstkritisch. "Momentan ist es eher ein Rückschritt, was meine eigene Leistung betrifft. Ich merke es selbst, wenn ich auf dem Feld stehe, dass ich teilweise planlos bin, einen Schritt zu langsam, weil ich zu viel über taktische Dinge nachdenken muss." Der Verein versichert allen Spielern bei fast jedem Videostudium, dass es Zeit brauchen werde, um als Team zusammenzuwachsen. Coach Gregg Popovich hat seine berüchtigten Wutanfälle, wenn Einsatz und Wille fehlen. Begehe man einen Fehler, "wie eine Defensivrotation zu verhauen, schaut es mit den Minuten aber auch nicht so gut aus".

    foto: apa/ernst weiss
    Treffen mit Jakob Pöltl auf dem alten Brauereigelände "the Pearl".

    Die Spurs halten in der aktuellen Saison bei fünf Siegen und zwei Niederlagen. Popovich ist dafür bekannt, alle seine Spieler gleich zu behandeln, Superstars dürfen sich nicht mehr Fehler erlauben als Bankspieler. Nach dem lustlosen Auftritt gegen Indiana bekam Forward Rudy Gay beim Videostudium sein Fett ab, "ich wurde auch schon kritisiert, diese Herangehensweise zeichnet einen guten, fairen Coach aus".

    Fragen beantworten

    Mit DeMar DeRozan, ehemals Superstar in Toronto, wechselte Pöltl im Paket nach Texas. "Dass wir beide aus unserer Situation in Toronto herausgerissen wurden, verbindet uns, aber wir gehen deshalb nicht jeden Abend gemeinsam essen. Er hat auch schon Familie und Kinder." Dass Coach Popovich über den Rand des Taktikbretts hinausschaut, ist laut Pöltl kein Klischee. Im Training stellt der 69-Jährige vor versammelter Mannschaft gerne Fragen zu Politik oder Kultur. Wer die Antwort weiß, bekommt zehn Dollar, für eine falsche Antwort wird eingezahlt.

    "Wir haben uns einmal im Training einen Film über Pinguine angeschaut. Wie sie kommunizieren, im Team gemeinsam agieren. Bei einem anderen Coach würden die Spieler vielleicht mit den Augen rollen, aber er bringt es so rüber, dass es authentisch ist."

    Trainerschar

    Aufwärmen vor dem Heimspiel gegen Dallas. Eine eigene Welt. Auf dem blitzblankpolierten Parkett stehen zwei Stunden vor Anpfiff sechs Trainer, die sich mehr oder weniger um Pöltl kümmern. Einer steht auf der Seitenlinie und beschäftigt sich mit seiner Applewatch, ein anderer passt Bälle zu Pöltl für Wurfserien. Dann braucht es noch Leute, die Fehlwürfe wieder aufklauben oder Spielsituationen mit Pöltl durchlaufen. Wieder ein anderer zählt nur die getroffenen Würfe. Das ist die NBA, es wimmelt von zig Assistenten und Waterboys.

    foto: apa/afp/getty images/ronald cort
    Der Silberstreifen auf dem Horizont für Pöltl: Die NBA-Saison dauert noch sehr lange, Chancen auf Spielminuten gibt es noch viele.

    Manchmal schaut auch Tim Duncan vorbei. Der fünffache NBA-Champion mit den Spurs beendete seine Karriere 2016 nach 19 Jahren in der Liga. Der 42-Jährige gibt Tipps, die Pöltl gerne annimmt. "Er ist noch fit. Schneller bin ich schon, aber er weiß, wie er seinen Körper effektiv einsetzen kann." Eine offizielle Funktion hat Duncan bei den Spurs nicht, er ist Klublegende, das reicht. Gegenüber vom Trainingszentrum besitzt Duncan eine Autowerkstatt, wo er auch seine Sportwägen auffrisieren lässt. "Dort hab ich aber noch nicht vorbeigeschaut", sagt Pöltl.

    Dass Österreichs erfolgreichster Basketballer der nächste Tim Duncan wird, ist auszuschließen. General-Manager RC Buford und Coach Popovich sehen aber großes Talent in ihm. Beim ersten gemeinsamen Abendessen war Basketball kein großes Thema. "Sie wollten mich persönlich kennenlernen, wollten wissen, wo ich herkomme, wer ich bin. Es ging nicht um meine Rolle bei den Spurs. Ich habe ihnen über Österreich erzählt und wie ich dahin gekommen bin, wo ich bin." (Florian Vetter aus San Antonio, 3.11.2018)

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