Micky Maus wird 90: Ein Satz große Ohren

    3. November 2018, 08:00
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    Im November 1928 kam Walt Disneys Trickfilm "Steamboat Willie" in die Kinos. Darin erblickte die berühmteste Maus der Welt das Licht derselben. Ein Rückblick auf 90 Jahre Micky Maus zwischen Abenteuer, Humor und Spießertum

    Die Micky Maus wird 90 Jahre alt. Und noch immer kennt sie jedes Kind. Allerdings dürfte sich Ende 2018 die Bekanntheit der Maus mittlerweile mehr der ikonografischen Figur an sich sowie deren Vermarktung über diverse Merchandisingprodukte verdanken als der tatsächlichen Konsumation von Filmen, Magazinen und Taschenbüchern.

    Da hat sie im Vergleich zu mächtigeren kindlichen Ersatzreligionen, wie beispielsweise Star Wars oder dem Marvel-Imperium, längst das Nachsehen. Daran kann anlässlich des 90ers auch nicht die Neuzusammenstellung diverser alter Geschichten in Sammelbänden oder gar die Herausgabe eines Micky-Lifestyle-Magazins für eher ältere Leser etwas ändern.

    Die Maus ist im Vergleich zur Konkurrenz längst Kinderkram geworden. Obwohl die Kinder mittlerweile manchmal schon ziemlich alt sind.

    foto: disney
    Zum 90. Geburtstag gönnt sich Micky Maus ein Wiedersehen mit alten, ebenfalls noch lebenden Freunden einerseits. Andererseits kommen auch steinalte Feinde nicht zu kurz.

    Angefangen hat bei der Maus alles reichlich unkorrekt. Was soll man schließlich von einem knopfäugigen, O-beinigen Matrosen in kurzer Hose halten, der auf einem Dampfschiff auf dem Mississippi während seiner Schicht mit Freundin Minnie ein wenig übergriffig herumknutscht, reichlich Unfug treibt, sich Befehlen des Kapitäns widersetzt (Kater Karlo, noch rank und vollschlank!) sowie auf dem Boot befindliches Frachtvieh fröhlich misshandelt?

    Micky Maus (im US-Original Mickey Mouse), dessen Piepsstimme Walt Disney höchstpersönlich spricht, verwendet in seinem Leinwanddebüt am 18. November 1928 im ersten Tontrickfilm der Geschichte das Gebiss einer Kuh als Xylofon, das Euter eines Schweins als Klaviertasten, reißt die Katze am Schwanz und spielt auf der Ente Dudelsack. Gespielin Minnie funktioniert eine Ziege zu einem Leierkasten um.

    "Steamboat Willie" nennt sich der Kurzfilm Walt Disneys, der vor 90 Jahren das globale Disney-Imperium und dessen globale Leitkultur begründete. Schöpfer Walt Disney hatte damals gerade die Rechte an seiner nicht patentierten Comicfigur Oswald The Lucky Rabbit verloren und war gemeinsam mit Zeichner Ub Iwerks (ein Name aus dem Friesischen) auf der verzweifelten Suche nach einem Ersatztier. Der Satz große Ohren blieb, den ursprünglichen Namen Mortimer statt Mickey Mouse konnte Walt Disneys Frau Lillian gerade noch verhindern.

    foto: disney
    "Steamboat Willie" kam vor 90 Jahren auf die Leinwand.

    Walt Disney in einem Interview: "Ich war gezwungen, mir eine neue Figur auszudenken, und dachte an eine Maus, denn eine Maus ist ein sympathisches Wesen, obwohl jeder Mensch Angst vor Mäusen hat, mich eingeschlossen."

    Der Erfolg des kleinen und gar nicht einmal so süß wackelnden Nagetiers mit den kalten Knopfaugen war bei Alt und Jung beachtlich, doch die in den USA gern auf die Barrikaden kletternden christlichen Heerscharen, Tugendwächter und Elternverbände, die von Elvis und dessen Hüftwackelei noch nichts wissen konnten, waren nicht weit.

    Halbnackte, gut aufgelegte sadistische Trickfiguren kommen natürlich aus Sorge um die lieben Kinder gar nicht infrage. Die öffentliche Ordnung war in Gefahr, Sitte und Moral fühlten sich bedroht.

    Brav wie Max Mustermann

    Mit zunehmendem, auch internationalem Erfolg wurde die in Italien Topolino, in Schweden Musse Pigg, in Japan Mi-kki Mau-su oder in China Mi Lao Shu genannte Figur nicht nur bald dicker und rundlicher. Sie erhielt auch angemessene Kleidung und große Kulleraugen. Kurz, sie entsprach ganz dem Kindchenschema, das uns alle so sehr rührt und Zuwendung auslöst. Die Welt war jetzt bereit für die Maus.

    Micky zog Freundin Minnie nicht länger mit einem Kranhaken den Rock hoch. Er lebte überhaupt brav wie Max Mustermann in einer ordentlichen Kleinstadt mit ordentlichen Gartenzäunen, Gardinen und himmelblauem Himmel. Ab 1930 wurde diese Welt auch im Papierformat als zunehmend biedergeiler Comicstrip inszeniert.

    Mit Zeichner Floyd Gottfredson wurde Micky Maus ab 1933 auch dank der Herausgabe des Mickey Mouse Magazine zur Weltmarke. 1935 kam der erste Farbfilm namens "The Band Concert" in die Kinos, 1940 das Meisterwerk "Fantasia".

    Obwohl die offizielle Nazidoktrin die Micky Maus als "Ungeziefer" und "größten Bakterienüberträger im ganz Tierreich" ablehnte, hatte diese in Berlin einen heimlichen Verehrer. Joseph Goebbels, der in Deutschland erfolglos versuchte, ebenfalls eine – natürlich züchtigere – Trickfilmszene aufzubauen, schrieb 1937 in sein Tagebuch: "Ich schenke dem Führer 12 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten! Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz." Zumindest Donald Duck wollte das nicht dulden.

    1943 rückt er im Film "Der Fuehrer’s Face" gegen die Nazis in Berlin vor. Im selben Jahr erscheint auch Walt Disneys Anti-Nazi-Film "Education of Death", in dem ein blonder deutscher Bub namens Hans zum Killernazi ausgebildet werden soll.

    Zeigefinger und Moralkeule

    Micky Maus mutierte derweil zunehmend zum humorbefreiten Spießer. Er betätigte sich als Detektiv und Freizeitkieberer und Nachbar, der um 22.02 Uhr die Polizei ruft, weil jemand die Klospülung betätigt hat und er jetzt nicht schlafen kann. Spätestens ab den 1950er-Jahren wirkte Micky Maus auch in deutschen "Schundheften" als Kämpfer gegen Schmutz und Schund und überhaupt das Böse in der Welt.

    Und obwohl er zwischendurch nicht nur gegen die hochsympathischen Panzerknacker oder den bärbeißigen Kater Karlo vorrückte oder rund um den Globus nach irgendwelchen Schätzen und Abenteuern suchte, fand er im übertragenen Sinn auch immer noch Zeit, den Zeigefinger oder die Moralkeule herauszuholen, den Staub in der Vitrine mit dem Kaffeegeschirr wegzuwischen und die Bleistifte parallel zur Tischkante zu rücken.

    foto: disney
    Ein Sonderband anlässlich des 90-Jahr-Jubliäums von Micky Maus.

    Aus dem Frechdachs war ein Ödbär geworden. Die legendäre deutsche Übersetzerin Dr. Erika Fuchs bescherte uns ab den 1950er-Jahren in ihren Micky-Maus-Übersetzungen zwar schöne Sätze wie "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör" oder wunderbare, wortsparende Zustandsbeschreibungen wie "Seufz", "Grübel" oder "Schnief" und "Buhu".

    Mit der Maus selbst konnte sie aber auch nicht so recht warm werden: "Micky hat mich nie so interessiert wie Donald. Die Maus ist ein lieber Kerl, dem alles gelingt, der nie etwas Böses tut. Das alles ist aber etwas einseitig."

    Aufgrund der Papierverknappung während des Krieges waren in den US-Zeitungen die Comicstrips in den Tageszeitungen verschwunden, und sie kamen nach dem Krieg nicht wieder.

    Walt Disney konzentrierte sich hauptsächlich auf das zunehmend ohne Micky Maus ablaufende Filmgeschäft, zunehmend auch mit (realen) Menschen als Hauptdarstellern, und die Gründung diverser Disneylands und Disneyworlds als Heile-Welt-Entwurf eines US-amerikanischen Kleinstädtchens im mittleren Westen, aus dem Walt Disney stammte.

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    Anlässlich des Jubiläums wird ein Lifestyle-Magzin herausgegeben.

    Die amerikanischen Mickey-Mouse-Hefte wurden hauptsächlich auf Kinder als Zielgruppe abgestimmt. Die zuvor sorgfältig ausgedachten und optisch stimmig inszenierten Abenteuergeschichten, die von Zeichner Floyd Gottfredson sehr "europäisch" voller Schlösser und Burgen inszeniert wurden, wurden von einfacherer Massenware abgelöst.

    Es war Carl Barks, der nun die bisherige Nebenfigur Donald Duck als ewigen Loser und Zornbinkel in den Vordergrund rückte. Er erfand zusätzlich zu dem sympathisch doofen Micky-Kumpel Goofy und dem nicht wesentlich intelligenteren Hund Pluto die nervigen Neffen Tick, Trick und Track, den gierigen Geizhals Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb – und die Stadt Entenhausen, auf Englisch Duckburg, noch dazu.

    Allesamt stellen diese Figuren interessantere und abgründigere Charaktere dar, als es der fade und eindimensionale, weit vor seiner Zeit "erwachsen" gewordene Micky je gewesen ist. Spätestens in den 1960er-Jahren, als der erst nach seiner Pensionierung namentlich bei den Fans bekanntgewordene Carl Barks längst in Rente war, war in den USA mit Micky Maus mehr oder weniger Schluss.

    Mit den Micky-Filmen sowieso. Walt Disney starb 1966. Die Maus, der der mindestens rechtskonservative Mitgestalter der heutigen Populärkultur alles verdankte, rückte aus dem Mittelpunkt des Interesses in einem Unterhaltungskonzern, der bald global milliardenschwer werden sollte.

    Die bis heute veröffentlichten tausenden Comic-Geschichten entstehen seitdem hauptsächlich in Italien, den Niederlanden oder auch in Deutschland. Noch in den 1980er-Jahren wurden von den Micky-Maus-Heften im deutschen Raum wöchentlich mitunter mehr als eine Million Stück verkauft.

    Mittlerweile dürften sich die Verkaufszahlen halbiert haben. Bei sechs- bis 13-jährigen Kindern gilt das "Micky-Maus-Magazin" neben "Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern" allerdings noch immer als beliebteste Magazinlektüre neben Formaten wie "Wendy", "Geolino" oder diversen "Star Wars"-Formaten.

    Die Micky Maus, die seit einigen Jahren vor allem von italienischen Zeichnern erneut ein wenig in Richtung alte Schule wiederbelebt wird, hat ihre Schuldigkeit längst getan.

    Sie ist jetzt 90, sie kann jederzeit gehen. Ihren Rollator hat sie im Kopf eingebaut. (Christian Schachinger, 3.11.2018)

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