Rundschau: Neue Mars-Chroniken

    Ansichtssache17. November 2018, 10:00
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    Das Buch zum kommenden Blockbuster-Film "Mortal Engines" und neue SF-Romane von Richard Morgan, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    foto: apex/epubli

    Frank W. Haubold: "Jenseits der Dunkelheit"

    Broschiert, 202 Seiten, € 9,99, Apex/epubli 2018

    Gleich zwei Storysammlungen in unmittelbarer Abfolge hat der deutsche Autor Frank Haubold im Oktober herausgebracht: "Gesänge der Nacht" im Begedia-Verlag (wird zu einem späteren Zeitpunkt rezensiert) und diesen Band, der den Untertitel "Drei Novellen" trägt. Korrekterweise müsste man allerdings eher von zwei Novellen und einer Kurzgeschichte schreiben, zumal der Längenaspekt für die Erzählungen auch nicht ganz unerheblich ist.

    Also stürzen wir uns gleich mal rein, wie es auch die Kurzgeschichte in der Mitte des Bands tut: "Feenland" beginnt nämlich erst da, wo bei einem Kinofilm schon der Abspann liefe – nun versuchen wir herauszufinden, welche Art Film es war. Die beiden Hauptfiguren, das Liebespaar Jason und Ivory, haben es geschafft, mit ihrem Raumschiff "Hoffnung" aus der Föderation zu fliehen. Wovor genau Jason Ivory retten musste, erfahren wir im Rückblick, einen Twist gibt's obendrauf.

    Utopia in der Ägäis

    Genrewechsel. Die Erzählung "Die beste aller Welten", die den Band eröffnet, ist eine Variation zum Thema Utopie. Der nicht mehr ganz taufrische Schriftsteller Marian Grünberg sagt einer EU Lebwohl, die von Terror heimgesucht wird und zunehmend autoritäre Züge angenommen hat. Freiheit erhofft er sich auf der Insel Kalanos, die der griechische Staat an die Betreiber eines geheimnisvollen Sozialprojekts verkauft hat. Durch Mundpropaganda ist Kalanos zum Wunschziel von EU-Bürgern geworden, die sich nun wie Marian von Schleppern übers Meer schmuggeln lassen: Das ist zwar nicht der Kern der Handlung, aber eine gelungene Ironie am Rande.

    Thriller- und Mysteryelemente reichen sich hier die Hand. Da ist zum einen der EU-Geheimdienst, der argwöhnt, dass sich hinter dem Projekt eine potenzielle Bedrohung verbirgt, und deshalb Marian als Spitzel einsetzen will. Und dazu kommt das Phänomen, dass Marian beim Betreten eine körperliche Verjüngung erlebt. Das gilt es erst mal zu genießen, ehe das Geheimnis der Insel ergründet wird – ebenso wie den Umstand, dass Kalanos auch sexuell eine befreite Zone ist. Es ist das ideale Biotop für einen Mann alter Schule, dem zu Frauen Gedanken wie dieser durch den Kopf gehen: In gewisser Weise waren sie wie Blumen, die immer weiter blühten, leuchteten und lockten, egal, wie oft sie bestäubt worden waren. – Marians Staubbeutel erlebt einen zweiten Frühling.

    Ausnahmsweise wünschenswert: Verlängerung

    Was das Geheimnis von Kalanos ausmacht, ist übrigens auch nicht der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte: Die wahre Natur des Insel-Idylls wird bereits zur Hälfte enthüllt – danach schlägt die Erzählung noch einmal eine ungeahnte Volte. Womit wir allerdings schon beim eingangs erwähnten Längenaspekt wären. Ich bin mir nämlich nicht ganz sicher, ob die beiden Erzählungen ursprünglich wirklich in dieser Form gedacht waren. Jedenfalls hätte sowohl der Kurzgeschichte als auch der Novelle der Ausbau zur jeweils nächstlängeren Erzählform gutgetan.

    So setzt es in "Feenland" einen Infoblock über wirtschaftspolitische und kriminelle Querverbindungen. Der erklärt zwar den Hintergrund zur Geschichte von Jason und Ivory, wirkt aufgrund der Kürze der Erzählung aber etwas überproportional. Ein Phänomen, das mir in deutschen Kurzgeschichtenbänden übrigens immer wieder begegnet: Es wird mehr Hintergrund geliefert, als die knappe Erzählung braucht. "Die beste aller Welten" wiederum wartet in der zweiten Hälfte mit teils beträchtlichen Zeitsprüngen auf; bei weiterem Ausbau hätte das einen epischen Roman ergeben können. Sowohl "Feenland" als auch "Die beste aller Welten" sind im Prinzip gut – in beiden Fällen scheint mir aber die dahinterstehende Idee größer als der vorhandene Platz.

    Glaube und Wissen

    Ein vollkommen harmonisches Maß erreicht dafür die dritte Erzählung, "Das Mädchen aus dem All". Die führt uns nicht nur in den Bereich der Science Fantasy, sondern auch in eine bestens vertraute Welt, nämlich die von Haubolds "Götterdämmerung"-Trilogie. Immerhin gehört eine der beiden Hauptfiguren, der Weltraum-Pater Adrian, dem schon in der Trilogie vorkommenden Orden der Heiligen Madonna der Letzten Tage an. (Die Madonna ist übrigens die einzige weibliche Figur im ganzen Band, die nicht in einem sexuellen Kontext steht, just sayin' ...)

    Adrian befindet sich auf einem Erkundungsflug in eine Dunkelzone jenseits der von Menschen bevölkerten Teile der Galaxis, ohne zu ahnen, dass er dort bereits erwartet wird. Lalena, eine nicht im herkömmlichen Sinne menschliche Frau, lebt auf einem Ozeanplaneten – und natürlich ist es auch kein Meer im herkömmlichen Sinne: Immerhin schweben auf dieser metaphysischen Welt die Seelen Verstorbener in Form von "Traumkugeln" ein. Wenn das Meer Lalena dem Pater auf einem Abfangkurs entgegenschickt, ist es letztlich also nichts anderes als Gott, der einen Engel aussendet, um einen Sterblichen vom Betreten des Himmels abzuhalten.

    Selbst wenn man es wie ich mit Wolfgang Jeschke hält und Religion als die Pest der Menschheit betrachtet, kommt man nicht umhin, "Das Mädchen aus dem All" als in sich stimmige Erzählung zu empfinden: Vom Grundgedanken, dass Wissen den Glauben zerstören würde, bis zum eigenwilligen Szenario zwischen Science Fiction und Metaphysik – eine Nische, die im deutschen Sprachraum keiner in vergleichbarer Weise besetzt hat wie Frank Haubold.

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