Rundschau: Neue Mars-Chroniken

    Ansichtssache17. November 2018, 10:00
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    Das Buch zum kommenden Blockbuster-Film "Mortal Engines" und neue SF-Romane von Richard Morgan, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    foto: p.machinery

    Helmuth W. Mommers: "Anderzeiten"

    Gebundene Ausgabe, 580 Seiten, € 24,60, p.machinery 2018

    Aus dem steten Strom an Paperbacks des Verlags p.machinery ragt dieser gebundene Brocken so deutlich heraus, dass man ihn noch aus dem Weltraum sehen kann. Und das seltene Format ist auch nichts weniger als eine angemessene Würdigung für – ist nicht böse gemeint – einen der Veteranen der Science Fiction im deutschsprachigen Raum. Den Helmuth W. Mommers nebenbei so sehr in sich vereint wie niemand anderer: Geboren in Wien, wo er in den 2010er Jahren auch die Bibliothek der Villa Fantastica aufgebaut hat, lebte er lange Zeit in der Schweiz und veröffentlichte seine Erzählungen in annähernd der vollen Bandbreite an verlegerischen Kurzgeschichten-Biotopen, die man in Deutschland finden kann.

    Den SF-Literaturbetrieb hat der gestern(!) 75 gewordene Mommers als Autor ebenso wie als Übersetzer und Herausgeber mitgestaltet. Wobei seine Autorentätigkeit in zwei weit voneinander getrennte Phasen zerfällt: Der erste Schub war in den 1960ern, dann setzte es eine lange Unterbrechung (bzw. einen "Unterbruch", wie Mommers im Vorwort schreibt, man merkt die Schweizer Jahre), bis es in den 2000ern wieder losging. Der empfehlenswerte Sammelband "Anderzeiten" umfasst 26 Erzählungen dieser zweiten Welle, entstanden zwischen 2002 und 2011.

    Keine Geschichte ohne Idee

    Wie Mommers betont, betrachtet er die Idee als den Dreh- und Angelpunkt einer SF-Erzählung. "Geschenk von den Sternen", das er als seine Lieblingsgeschichte bezeichnet, führt dies exemplarisch vor: Eine intergalaktische Sonde lässt unzählige Würfel auf die Erde regnen – es stellt sich heraus, dass diese jeden Gegenstand nach Belieben verdoppeln oder an einen anderen Ort versetzen können. Was würde das mit unserer Gesellschaft machen?

    Der Ideen-Fokus führt mehrfach dazu, dass wir uns in "Twilight Zone"-artigen Szenarien wiederfinden. Da ist etwa das Ehepaar von "Immer wieder Sonntag", das beim Morgensex von zeitreisenden Touristen beobachtet wird, die glauben, sie wären unsichtbar. Oder der treffend benannte Handelsvertreter Rudi Gerngross in "Goodbye James!", dem durch eine Kofferverwechslung Supertechnologie in die Hände fällt. Oder – weniger humorvoll – die Familie in "Incommunicado", die plötzlich in eine fremde Umgebung versetzt und dort wie Käfigtiere von Aliens beglotzt und betatscht wird. Das mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Mädchen aus "Loris Wunderland" (sehr schön ominöser Schluss!) würde übrigens ebenfalls eine spannende "Twilight Zone"-Episode abgeben.

    Humoristisch bis besinnlich

    Satirisch wird's, wenn in "Habemus Papam" eine Papstwahl im 29. Jahrhundert ansteht. Die Geschichte lebt von der grotesken Diskrepanz zwischen dem althergebrachten Wahlritual und dem Umstand, dass inzwischen auch Aliens, Roboter und sogar Frauen wählbar sind. Oder wenn sich in "Zur falschen Zeit" der ziemlich unsympathische Balthasar für ein Leben in einer besseren Zukunft einfrieren lässt. Das führt nicht zur simplen Pointe, dass die Zukunft schlechter ist (auch wenn es stimmt), sondern zu einer wahren Odyssee, weil sich der anspruchsvolle Balthasar immer weiter durch die Zeit schicken lässt, bis er zum Fliegenden Holländer auf Eis wird. Herrlich grotesk auch "Körper zu vermieten", in dem die Welt so voll geworden ist, dass man seinen Körper im Teilzeit-System an andere Bewusstseine vermieten kann. Leider hat der Erzähler das Pech, an einen rücksichtslosen Mietnomaden zu geraten, und liefert sich mit diesem einen erbitterten Kleinkrieg.

    Gerade weil der Erzählton in der Regel locker bis humorvoll ist, sind mir aber die besinnlicheren Geschichten besonders positiv aufgefallen. "Ein Hund und sein bester Freund" etwa lebt ganz von seiner Stimmung: Die Menschen haben die Erde verlassen und nur ein genmodifizierter Hund und ein Roboter ziehen noch durch die Leere – aber wenigstens haben sie einander. "Stimme des Gewissens" ist eine geraffte Coming-of-Age-Geschichte in einer Gesellschaft, die persönliche Beziehungen (inklusive Elternschaft) meidet und Kinder durch implantierte KIs sozialisieren lässt. Mommers vermeidet in seiner nüchternen Schilderung explizites Moralisieren – auch wenn seine Meinung klar erkennbar bleibt.

    "Ruhe in Frieden" schließlich zeichnet ebenfalls ein Leben im Zeitraffer – diesmal in der Rückschau. Der Erzähler blickt kaleidoskopartig auf die Stationen seines Lebensweges zurück, während er auf seinem eigenen Begräbnis die Asche seines Körpers in Empfang nimmt, um eine posthumane Existenz anzutreten. Was zu guter Letzt sogar noch mit einem Schuss Hoffnung durchsetzt ist – für mich wäre das die bessere Abschlussgeschichte für den Band gewesen als die tatsächlich gewählte.

    Zeitlose Lektüre

    So verschieden die Themen der Geschichten auch sind, es ziehen sich einige rote Fäden durch. Neben dem Ideen-Fokus (und dem Umstand, dass Mommers' männliche Hauptfiguren in Summe durch einen ganzen Ozean aus wogenden Brüsten kraulen dürfen) ist das vor allem die muntere Erzählweise; die 26 Geschichten sind wirklich äußerst angenehm zu lesen. Mommers bleibt dabei stets geradlinig und lockert den Grundstil hin und wieder auf, indem er leichte Variationen ausprobiert: Mal ist eine Geschichte in Tagebuchform oder als Audio-Protokoll verfasst, mal überwiegt indirekte Rede statt Dialogform, mal dürfen zur Abwechslung spanische Lehnwörter die SF-üblichen Anglizismen ersetzen.

    An einer Stelle bezieht sich Mommers auf Robert Sheckley und Fredric Brown – und das passt. Die Geschichten in "Anderzeiten" haben eine Golden-Age-Anmutung und wirken im guten Sinne zeitlos. Manche der Themen hätten im Goldenen SF-Zeitalter um die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht vorkommen können (Stichwort Online-Welt), andere hätten auch schon den damaligen Autoren einfallen können. Am anachronistischsten – immerhin ist seit den frühen 2000er Jahren auch schon wieder einige Zeit verstrichen – wirkt witzigerweise kein technologischer Aspekt, sondern eine Namensvergabe. Da gestaltet der Protagonist von "Ein Programm zum Verlieben" einen weiblichen Avatar zur Frau seiner Träume, die alle Cybersex-Fantasien wahr werden lässt – und wie nennt er sie? Angela ...

    Das Vorwort zu "Anderzeiten" hat Mommers mit "Ein Plädoyer für die Kurzgeschichte" betitelt. Während man – ein Zitat Wolfgang Jeschkes – bei einem Roman geistig die Hausschuhe anlassen könne, bis man durch ein unweigerliches "Ende" sanft entschläft, hält einen der schnelle Umsteigetakt von einer Kurzgeschichte zur nächsten wach. Ich habe das wörtlich genommen und über einen längeren Zeitraum hinweg jeden Morgen mit ein paar der Kurzgeschichten hier begonnen. Macht wirklich munter!

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