Rundschau: Neue Mars-Chroniken

    Ansichtssache17. November 2018, 10:00
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    Das Buch zum kommenden Blockbuster-Film "Mortal Engines" und neue SF-Romane von Richard Morgan, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    foto: st martin's press

    Patrick S. Tomlinson: "Gate Crashers"

    Broschiert, 304 Seiten, St Martin's Press 2018, Sprache: Englisch

    "Congratulations! You've discovered another space-faring race. Now, don't panic. The fact your're reading this means you haven't been vaporized." So steht es im offiziellen Handbuch für den Erstkontakt unter "Section 4: Encountering E. T. in Space", das die wackeren Romanhelden von "Gate Crashers" konsultieren werden – bedauerlicherweise erst, nachdem sie bereits in den ersten Fettnapf getappt sind und damit eine Ereigniskette ausgelöst haben, die sie bis zum Schluss auf Trab halten wird ...

    Patrick S. Tomlinson haben deutschsprachige Leser im vergangenen Jahr über sein Generationenschiff-Abenteuer "The Ark" kennengelernt (der Nachfolgeband "The Colony" wird im Frühling erscheinen). Und ein Langstreckenschiff ist auch in "Gate Crashers", angesiedelt im 24. Jahrhundert, einer der Schauplätze. 30 Lichtjahre hat sich das Raumschiff "Magellan" schon von der Erde entfernt, und noch liegen die 157 Crewmitglieder friedlich im Kälteschlaf: Hearts beat once every other minute. Blood flowed with the speed of buttercream frosting. Dreams played at a pace that would make a Galapagos tortoise glance at its watch.

    Doch dann werden sie von der Schiffs-KI aus dem Schlaf gerissen, denn die hat mitten im Nirgendwo ein außerirdisches Artefakt entdeckt. Und was tut man vernünftigerweise in einer solchen Situation? Richtig, man holt das unbekannte Ding ungeachtet der möglichen Folgen an Bord ...

    Interstellare Frechheit

    Zur Lösung des Rätsels wird ein interdisziplinäres Team auf das Artefakt angesetzt. Vor Ort gehört Allison Ridgeway dazu, die Kommandantin der "Magellan" – auf der Erde sind unter anderem Eugene Graham, der Leiter der Space Administration, und das junge Ingenieurstalent Felix Fletcher im Einsatz: Dank Anton Zeilingers Vorarbeit können alle Beteiligten überlichtschnell per Quantenverschränkung kommunizieren und finden so bald heraus, dass es sich bei dem Objekt um eine Boje handelt, die eine Botschaft an unbekannte Empfänger ausstrahlt.

    Mit einiger Mühe wird diese Botschaft schließlich auch entschlüsselt ... und ist zu komisch, um ihren Wortlaut hier zu spoilern. Auf jeden Fall empört sie den US&EU-Präsidenten derart, dass er sofort ein waffenstarrendes Kriegsschiff bauen lässt, um es der "Magellan" hinterherzuschicken. Das Kommando führt der Weltraumheld Maximus Tiberius, der – nomen est omen – in seiner pompösen und politisch unkorrekten Art das Ensemble noch einmal in willkommener Weise bereichern wird (willkommen freilich nur beim Leser; seine Mithelden und speziell -heldinnen treibt der Astro-Gockel an den Rand des Wahnsinns).

    Humor ist Trumpf

    Vom ersten Absatz an ist erkennbar, dass "Gate Crashers" auf Humor angelegt ist. Im Nachwort erklärt Tomlinson, dass ihn die Lektüre von "Per Anhalter durch die Galaxis" zu seiner Geschichte inspiriert habe, und einige Elemente scheinen das auch zu unterstreichen: Da erklären beispielsweise die in weiterer Folge noch auftretenden Aliens – allesamt übrigens ziemliche Karikaturen –, dass sie Englisch gelernt haben, weil man in der ganzen Galaxis "Sesamstraße" und "Star Trek" glotzt. Oder unsere Helden übertölpeln einen Gegner mit einem derart haarsträubenden Trick, dass man beim Lesen rote Ohren bekommt.

    ... und doch, trotz aller Klamauk-Elemente, ist der Plot in seinem Kern gar nicht so albern, sondern entspricht eigentlich ganz einem klassischen Weltraumabenteuer. Irgendwie hat sich bei mir der Eindruck eingestellt, als wäre die ursprüngliche Idee zu "Gate Crashers", Tomlinsons Aussage zum Trotz, eine herkömmliche Action-Erzählung gewesen, die erst nachträglich durch eine bewusste Entscheidung auf Humor gebürstet wurde – analog etwa zu Filmen wie dem David-Duchovny-Vehikel "Evolution" oder in jüngster Vergangenheit "Thor 3".

    Wie auch immer: Auf jeden Fall hat Tomlinson die Lockerheit konsequent durchgezogen. Und weil mir ausnahmsweise kein zusammenfassender Schlusssatz eingefallen ist, zitiere ich einfach einen aus einer anderen Rezension, den ich voll und ganz unterschreiben kann: "Gate Crashers" ist in keinster Weise eine lebensverändernde Lektüre, aber eine sehr unterhaltsame.

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