Rundschau: Neue Mars-Chroniken

    Ansichtssache17. November 2018, 10:00
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    Das Buch zum kommenden Blockbuster-Film "Mortal Engines" und neue SF-Romane von Richard Morgan, John Scalzi und Carlton Mellick III

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    foto: goldmann

    Charles Soule: "Oracle Year. Tödliche Wahrheit"

    Klappenbroschur, 510 Seiten, € 10,30, Goldmann 2018 (Original: "The Oracle Year", 2018)

    "Das sind die Dinge, die passieren werden." So steht es auf einer anonymen Website über einer Liste von 20 bunt zusammengewürfelten Ereignissen aus der nahen und nächsten Zukunft. Die sind großteils recht banaler Natur – etwa die genaue Geburtenzahl in einem Krankenhaus an einem bestimmten Tag. Aber weil die Vorhersagen nacheinander punktgenau eintreffen, entwickelt sich rasch ein riesiger Medienhype um das "Orakel", wie die mysteriöse Quelle genannt wird.

    Wir Romanleser sind der Öffentlichkeit freilich voraus: Wir wissen von Anfang an, dass sich hinter dem Orakel Will Dendo verbirgt, der eines Tages mit dem Wortlaut von 108 Prophezeiungen im Kopf aufgewacht ist, ohne zu wissen, woher sie kommen. Will ist ein New Yorker Musiker ohne Diskographie – ein Umstand, den er übrigens mit seinem Schöpfer Charles Soule teilt. Soule kennen Comic-Fans von seiner Arbeit für Marvel und "Star Wars" und vielleicht auch von seiner Eigenschöpfung, der First-Contact-Serie "Letter 44". "Oracle Year" nun ist Soules Roman-Debüt – ein recht gelungenes, sei gleich gesagt.

    Der Rubel rollt

    Soule hält sich – eine erfrischende Entscheidung – gar nicht erst mit der Vorgeschichte auf und überspringt den Teil, in dem das unerhörte Ereignis Will aus seiner bisherigen Normalität reißt; es ist Soule nicht einmal einen späteren Rückblick wert. Als der Roman beginnt, hat sich Will bereits mit seinem "Geschenk" arrangiert und zusammen mit seinem besten Kumpel, dem Investmentbanker Hamza Sheikh, einen Weg ausgeknobelt, wie sich aus der Sache Geld schlagen lässt. Denn nichts anderes ist die Orakel-Website: Sie soll potenzielle Kunden anlocken, die für Wissen um die Zukunft ordentlich Kohle lockermachen.

    Und schon sind wir mitten in Soules Herangehensweise, das Thema aus allen möglichen Winkeln zu beleuchten. Die kommerzielle Verwertung ist nur einer davon. Da kann ein Hedgefonds eine halbe Milliarde Dollar für die Info über bevorstehende Ernteausfälle abdrücken. Oder es läuft etwas komplizierter ab: So besagt eine der Prophezeiungen nichts anderes, als dass eine bestimmte Durchschnittsfrau, die bisher niemandem aufgefallen ist, zum ersten Mal seit ihrer Kindheit wieder Schokomilch trinken wird ... flugs mutiert die Betreffende daraufhin zum neuen Werbestar der Milchindustrie. Soule hat insgesamt recht realistische Vorstellungen davon, wie sich Wahrsagerei in der Praxis auswirken würde und anwenden ließe.

    Das kann doch nicht alles sein

    Während Hamza voll und ganz mit der finanziellen Verwertung zufrieden ist, beschleichen Will Zweifel: "Aber wenn hinter alledem keine höhere Absicht steckt, dann bin ich bloß ein kleiner Musiker, der Glück hatte. Wenn die Prophezeiungen nichts bedeuten, dann bedeute ich auch nichts." – "Darauf geschissen", sagte Hamza. "Wenn man reich ist, bedeutet man automatisch etwas." Natürlich lässt sich Will damit nicht dauerhaft abspeisen und stellt bald einen zweiten Schwung Vorhersagen ins Netz, der diesmal Unfälle und Katastrophen betrifft und damit das Potenzial hat, Leben zu retten. Er steckt kurz gesagt mitten im bekannten Superhelden-Dilemma: Habe ich durch meine besondere Kraft auch eine besondere Verantwortung?

    Gegenspieler dürfen natürlich auch nicht ausbleiben. Der US-Geheimdienst setzt eine recht ungewöhnliche Figur namens "Coach" auf die Spur des Orakels: äußerlich eine freundliche ältere Dame mit erstaunlichen Networking-Fähigkeiten, die sich aber als stahlhart und skrupellos erweist, wenn's drauf ankommt (vor meinem geistigen Auge ist unwillkürlich das Bild von Shohreh Aghdashloo aus "The Expanse" aufgetaucht ...). Und weil es ein US-Roman ist, darf leider auch das Thema Religion nicht fehlen – diesmal in Person des Reverends Hosiah Branson, der seinen persönlichen Kreuzzug gegen das gottlose Orakel startet.

    Wesentlich reizvoller ist da schon die Antwort, die das Orakel für diesen speziellen Gegner bereit hält. Der simple, mit Datumsangabe versehene Satz "Reverend Hosiah Branson pfeffert sein Steak" führt uns nämlich auf bezaubernd schlichte Weise zur Frage des freien Willens. Das erinnert ein bisschen an Ted Chiangs Gedankenspiel "Was von uns erwartet wird" um eine Maschine mit einem Lämpchen, das stets eine Sekunde, bevor man den Einschaltknopf drückt, aufleuchtet. So einfach, so fies! Wir dürfen gespannt sein, ob der gute Reverend sein Steak am Ende pfeffern wird oder ob er sich erfolgreich seinem Schicksal widersetzt. Und eine gute Nachricht an dieser Stelle noch: Von Ted Chiang wird 2019 endlich wieder eine Storysammlung herauskommen, bislang Unveröffentlichtes inklusive. Hurra!

    Spannend bis zum Schluss

    Aber zurück zu Charles Soule. Dass er auf keinen Aspekt des von ihm gewählten Themas vergisst, soll nicht heißen, dass wir es hier mit einer theoretischen Abhandlung zu tun hätten. Bei weitem nicht. "Oracle Year" ist ein schnörkellos erzählter Mystery-Thriller klassischer Prägung und spannend bis zum Schluss, wofür nicht allein Wills Gegenspieler sorgen. Unser Held beginnt nämlich zu argwöhnen, dass die vermeintlich zusammenhanglosen Prophezeiungen untereinander doch irgendwie eine Ereigniskette bilden könnten – und in ihrer Gesamtheit womöglich sogar dazu beitragen, dass die Welt im Verlauf des Romans auf immer bedrohlichere Weise auf ein wirtschaftliches und politisches Chaos zutreibt. Und über allem steht noch das Rätsel der allerletzten Prophezeiung, die nur aus der ominösen Zahlenreihe "23 12 4" besteht ...

    Eine andere Zahlenreihe wäre "11/22/63". So hieß Stephen Kings Roman über den Versuch zur Verhinderung des Kennedy-Attentats respektive die daraus entwickelte TV-Serie mit James Franco. Ungefähr in dieser Machart könnte auch die Serie angelegt sein, für die – Tataaaa! – "Oracle Year" bereits optiert wurde (sogar noch bevor das Buch überhaupt erschienen ist). Der Stoff ist einfach dankbar – heute noch auf Papier, bald vielleicht schon im Stream.

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