John Eliot Gardiner entfesselt im Musikverein Verdi-Requiem

    2. November 2018, 15:55
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    Selbst in den kontemplativen Abschnitten schmetterte er die meisten Bitten um leise Töne ab

    Da hat sich der Komponist solche Mühe gegeben. Legionen von Pianissimos, viele dreifache und einige vierfache Pianos eskortieren den Weg zur ewigen Ruhe in seinem Requiem. Fallweise fleht er sogar: "estremamente piano", und "il più piano possibile". Doch Werktreue scheint John Eliot Gardiner mittlerweile nur mehr bedingt zu interessieren. Selbst in den kontemplativen Abschnitten des Verdi-Requiems schmetterte er im Musikverein die meisten Bitten um leise Töne ab. Sei es im Recordare, im Ingemisco, im Domine Jesu und anderen Teilen: Der 75-Jährige ruderte energisch herum, wühlte auf und feuerte an, wo Besinnung und Intimität angebracht gewesen wären.

    Die Solisten taten einem leid, da sie oft an und über das Limit gehen mussten. Bassist Buratto begann nobel, verwandelte sich aber bald in einen röhrenden Hirschen. Im Lux aeterna schaffte er es innert sieben Takten, die sich vom Pianissimo zum Forte steigern, immer gleich laut zu singen, nämlich fortissimo. Die junge Corinne Winters hielt sich noch am ehesten zurück. Die US-Amerikanerin, die unter anderem schon als Verdis Violetta Valéry reüssierte, bot in dieser opernnahen Totenmesse zarte Töne (die sie nicht alle hundertprozentig zu runden verstand).

    Ann Hallenberg gönnte ihrem üppigen Mezzo reichlich Auslauf; selten hat man uneinheitlichere Stimmfarben gehört wie jene von Winters und Hallenberg in der A-cappella-Eröffnung des Agnus Dei. Edgaras Montvidas fühlte sich vornehmlich in der heldischen Attacke wohl. Klar: Die dramatischen Abschnitte, allen voran die Apokalypse des Dies irae, gelangen Gardiner und seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique großartig straff und zackig; die Schläge des Mannes an der Gran Cassa kamen Kanonenschüssen gleich. Der Beginn des Rex tremendae war wie Simmering gegen Kapfenberg: Brutalität. Aber in diesem Requiem, dieser Bitte um ewige Ruhe, fehlten die dynamischen Ruhephasen fast völlig. Transzendenz? Fehlanzeige. Stattdessen meist grell geschminkte Dynamik.

    Der Monteverdi Choir war mit seiner elastischen, präzisen Art zu singen selbstredend ein Lichtblick. Aber auch er musste bei Gardiners Schreikämpfen allzu oft in den Ring steigen: Wie engelhaft leichtfüßig verstand etwa Karajan, den Beginn der Sanctus-Fuge zu inszenieren, im Gegensatz zum Briten ... Lauter Beifall für alle. (sten, 2.11.2018)

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