"A Family Tour": Ein Echo der Wut auf neutralem Boden

    Video2. November 2018, 11:36
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    In "Zi You Xing" verarbeitet der Chinese Ying Liang sein Leben im Exil über eine Mutter-Tochter-Beziehung

    Das erste Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter ist nur der Auftakt zu einer Reihe verstellter Begegnungen. Mutter Chen (Nai An) schaut lange durch das Fenster des Reisebusses und winkt wie zum Abschied, während Yang Shu (Gong Zhe) zögerlich durch die Hoteltüre tritt. Als sich die beiden endlich gegenüberstehen, scheinen sie durch eine unüberwindbare Distanz getrennt. Später schauen sie bei Gesprächen oft aneinander vorbei. Oder sie sitzen leicht abgewandt zueinander und nehmen in verschiedenen Stuhlreihen Platz.

    foto: viennale
    Kurze Momente des Zusammenseins und der langsamen Annäherung: "A Family Tour".

    Die Ausweichmanöver haben aber auch einen bestimmten Grund: Das Wiedersehen ist Ergebnis eines vorsichtig eingefädelten Arrangements. Nachdem Yang Shu, eine Regisseurin, wegen ihres regimekritischen Films The Mother of One Recluse von der chinesischen Regierung massiv unter Druck gesetzt wurde, lebt sie in Hongkong im Exil. Eine Einladung zu einem Festival in Taiwan ermöglicht nach vielen Jahren ein Treffen mit der Mutter, die sich zeitgleich einer Reisegruppe angeschlossen hat. Doch auch auf neutralem Grund ist Vorsicht geboten. Die beiden Frauen sollen sich "unauffällig" verhalten, ermahnt die Reiseleiterin. Meist folgen Yang, ihr Mann und der kleine Sohn, die sich offiziell als Hongkonger Freunde von Verwandten ausgeben, der Sightseeing-Tour mit dem Taxi. An den diversen Sehenswürdigkeiten bietet sich Mutter und Tochter die Gelegenheit, ein wenig Zeit miteinander zu verbringen.

    bfi
    Trailer zu "A Family Tour".

    Ying Liang verarbeitet in A Family Tour seine eigene Erfahrung mit den chinesischen Zensurbehörden und dem erzwungenen Exil. Die Veröffentlichung seiner letzten Arbeit When Night Falls (2012), deren Plot mit Yangs Film-im-Film identisch ist – die Mutter eines Amokläufers wird durch die Zwangseinweisung in die Psychiatrie vom fragwürdigen Prozess ferngehalten -, versuchte die chinesische Regierung zu verhindern. Ying konnte nicht mehr nach Hause zurückkehren, ohne sich in Gefahr zu begeben. Seine Wut und Traurigkeit hat er nun in die Figur der Regisseurin als Alter Ego hineingelegt. Auf den ersten Blick kontrolliert und von einer leicht pampig wirkenden Schweigsamkeit, lässt sie sich durch Chens Resignation immer wieder zu impulsiven Ausbrüchen hinreißen. Etwa wenn sie erfährt, dass das Grab des Vaters an einen anderen Ort versetzt werden soll, weil die Regierung eine Straße mitten durch den Friedhof baut. Aber auch dass die kranke Mutter ihr die bevorstehende Operation verheimlicht hat, verletzt sie. Yangs Mann, den man öfter einsame Figuren in karger Landschaft zeichnen sieht, fungiert bei der komplizierten Annäherung als geduldiger Vermittler.

    Auf dem Rückflug schaut die Mutter erstmals The Mother of One Recluse – und fällt dabei in einen tiefen Schlaf. (Esther Buss, 2.11.2018)

    3. 11., Stadtkino, 13.00

    5. 11., Urania, 18.30

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