Warum Männergesundheit einen Bart hat

    Interview5. November 2018, 07:00
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    Der November soll Männer aufrütteln, sich mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen, wünscht sich Movember-Aktivist Michael Fischer

    STANDARD: Awareness-Kampagnen werden im medizinischen Kontext immer populärer. Movember setzt sich für Männergesundheit ein und hat Hoden, Prostata und die mentale Gesundheit als Schlüsselthemen identifiziert. Wie ist diese Kampagne entstanden?

    Fischer: Eigentlich aus einer Schnapsidee in Australien im Jahr 2003. Eine Gruppe von Freunden, die aus ganz unterschiedlichen beruflichen Bereichen kommen, wollten testen, wie gut sich ein Trend erzeugen lässt. Schnurrbärte waren 2003 unter jüngeren Männern total out. Sie haben sich also zum Ziel gesetzt, den "Moustache" wiederzubeleben. Und das hat fantastisch geklappt und zwar weltweit.

    STANDARD: Ein Schnurrbart hat aber wenig mit Gesundheit zu tun?

    Fischer: Genau. Diese australische Gruppe hat durch diese Schnurrbartkampagne weltweite Aufmerksamkeit lukriert und wollte dann daraus etwas Sinnvolles machen. Sie haben quasi nach einem guten Zweck gesucht und sich dann für Männergesundheit entschieden.

    STANDARD: Nach dem Vorbild von Red Ribbon im Kampf gegen HIV oder von Pink Ribbon gegen Brustkrebs?

    Fischer: Genau. Es gab keine Lobbys für Prostata- und Hodenkrebs. Zudem waren es extrem tabuisierte Krankheiten, an denen viele Männer sterben. Es war also sinnvoll, in diesen Bereichen Aufklärungsarbeit zu betreiben und Männer an die Vorsorgeuntersuchungen zu erinnern. So entstand Movember.

    STANDARD: Was bedeutet es genau?

    Fischer: Es ist eine Wortschöpfung aus November und "Moustache". Im Monat November tragen Männer einen Schnauzbart und erinnern sich gegenseitig, auf ihren Körper zu achten.

    STANDARD: Darin sind Männer traditionell nicht besonders gut?

    Fischer: Deshalb soll der Schnauzbart ein einfacher Einstieg ins Gespräch sein. Unsere drei großen Botschaften sind: Ab 50 sollten Männer regelmäßig zur Prostatakrebsvorsorge, also ihren PSA-Wert checken lassen. Die zweite Botschaft richtet sich an junge Männer ab dem 15. Lebensjahr: Sie sollten regelmäßig ihre Hoden abtasten und bei Schwellungen oder Schmerzen einen Arzt konsultieren. Die dritte Botschaft ist die Aufforderung an Männer, über ihre Probleme offen zu sprechen.

    STANDARD: Weil Männer das auch im 21. Jahrhundert immer noch viel zu selten tun?

    Fischer: Aus unserer Sicht ist das so. Es geht uns ja nicht darum, dass Männer bei mentalen Problemen immer sofort einen Arzt aufsuchen, oft kann ja ein ganz normales Gespräch schon helfen.

    STANDARD: Viele Männer lösen dieses Problem mit Alkohol.

    Fischer: Alkohol ist einer von vielen Faktoren. Movember hat nicht das Ziel, Männern zu sagen, was sie nicht tun sollen, es geht uns vielmehr darum zu vermitteln, was helfen kann. Über Probleme zu sprechen ist definitiv ein Weg. Es ist ein trauriges Faktum, dass 75 Prozent aller Suizide von Männern begangen werden. Unser Zugang: Was können Männer für ihre Gesundheit tun: Wir animieren zum Beispiel zu sportlichen Aktivitäten. Das ist der bessere Weg, finden wir.

    STANDARD: Wie werden all diese Kampagnen finanziert?

    Fischer: Über Spendengelder. Seit der Gründung von Movember 2003 wurde rund um den Globus eine halbe Milliarde Euro gesammelt. Damit finanzieren wir aber auch Forschungsprojekte im Bereich Prostatakrebs.

    STANDARD: Wie wird das alles organisiert?

    Fischer: Das Headquarter von Movember ist immer noch in Australien, doch es gibt auch drei Büros in den USA, Großbritannien und Kanada. Die Prostatakrebsforschung ist der Movember-Bewegung ein sehr wichtiges Anliegen. Da versuchen wir, Experten in bestimmten Bereichen miteinander zu vernetzen.

    STANDARD: Wie genau?

    Fischer: Wir haben einen wissenschaftlichen Beirat, der einen Überblick über die aktuellen Forschungsergebnisse hinsichtlich Prostatakrebses hat. Es ist nicht selten so, dass Experten an unterschiedlichen Universitäten an ähnlichen Fragestellungen arbeiten. Movember vernetzt und unterstützt solche Projekte auch finanziell. Auf diese Weise schaffen wir es, schneller Ergebnisse zu erzielen.

    STANDARD: Wo hat Movember Kontakt zu Patienten?

    Fischer: Wir haben indirekt Kontakt. Ein wichtiges Projekt ist True NTH, eine Art Register, für das wir mit 400 Krankenhäusern weltweit zusammenarbeiten. Ziel von True NTH ist der Aufbau einer Datenbank. Dafür befragen wir Patienten mit Prostatakrebs über mehrere Jahre – nach dem Verlauf der Erkrankung, nach der Therapie und den Nebenwirkungen und ihrer Lebensqualität. Auf lange Sicht soll damit die Therapie verbessert werden.

    STANDARD: Inwiefern?

    Fischer: Schon heute wissen wir, dass Prostatakrebs nicht eine Erkrankung ist, sondern nur der Sammelbegriff für eine Reihe unterschiedlicher Krankheitsformen. Deshalb müssen auch die Therapien unterschiedlich sein. Mit dieser globalen Datenbank wollen wir dazu beitragen, dass Therapien zielgerichteter werden. Auch Kliniken in Österreich sind in True NTH involviert. Das ist unserem Verständnis nach Teil der Lobbyarbeit für eine Erkrankung, über die Männer bis vor kurzem nicht sprechen wollten.

    STANDARD: Wie wird es weitergehen?

    Fischer: Der Schnauzbart ist besonders jetzt im November ein Symbol, der Eisbrecher für ein Tabuthema. Es ist eine Erinnerung. Wir werden weiterhin Spendengelder brauchen, um die Gesundheit von Männern zu verbessern. (Karin Pollack, 5.11.2018)

    Michael Fischer ist Country-Manager von Movember in Europa. Der Berliner PR-Stratege arbeitet von London aus. Insgesamt hat Movember rund 150 Mitarbeiter.

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    • Der "Moustache" als Symbol für den Kampf gegen Prostatakrebs – auch beim mexikanischen GP-Autódromo Hermanos Rodriguez, mehrheitlich von Männern besucht.
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      foto: movember foundation/lisa wassmann

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