Debra Graniks "Leave No Trace": Ohne Geld und ohne Besitztum

    Video5. November 2018, 09:32
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    In ihrem Spielfilm beschreibt Granik das Leben eines Kriegsveteranen und seiner Tochter, die in den Wäldern Oregons die persönliche Freiheit suchen

    Nein, das ist kein Wochenendausflug. Für den Mann und das Mädchen, die sich mit großer Selbstsicherheit durch tiefe Wälder bewegen, ist dies eine selbstgewählte Lebensform am Rande der Gesellschaft: Der Kriegsveteran Will (Ben Foster) und seine 13-jährige Tochter Tom (Thomasin McKenzie) haben sich schon seit mehreren Jahren in den Wäldern eines Nationalparks in Oregon häuslich eingerichtet.

    foto: viennale
    Die leuchtend grünen Wälder Oregons sind für sie zum Fluchtort geworden: Will (Ben Foster) und Tom (Thomasin McKenzie) haben der Zivilisation entsagt.

    Für Tom, deren Mutter früh gestorben ist, ist dieser Zustand die Normalität, auch wenn der gelegentliche Weg in die Stadt sie von Zeit zu Zeit in Kontakt mit der Zivilisation bringt. Hier erledigt sie das Einkaufen im Supermarkt und holt die Schmerzmittel, die die posttraumatische Depression des Vaters lindern sollen. Als die Polizei sie eines Tages aufgreift, die beiden zur Sesshaftigkeit zwingt und Tom in die Schule gehen muss, krempelt das ihr Leben um – genau das, was der Vater nicht will, der schon bald wieder zum Aufbruch drängt.

    "Für mich ist immer der Ort von zentraler Bedeutung", sagt Debra Granik. "Wenn ich mich dafür entscheide, einen Film in einer bestimmten Region zu drehen, muss ich mich mit deren visueller Anthropologie vertraut machen. In einem anderen Bundesstaat hätten sich Will und Thomasin vielleicht anders verhalten. In Oregon gibt es eine extreme Armut, es ist ein Staat, dessen Einkommen darauf basiert, dass Wälder abgeholzt werden. Das hat Konsequenzen – an manchen Orten gibt es schon keine Wälder mehr, die man roden kann. Das sorgt für große Spannungen, die Menschen suchen nach Auswegen, das können Drogen sein, aber auch Waffenbesitz."

    bleecker street
    Trailer zu "Leave No Trace".

    Ben Fosters Kriegsveteran könnte man sich gut als Variante des Una-Bombers vorstellen, schließlich hat Foster in vielen Filmen (zuletzt in Feinde – Hos tiles und in Hell and High Water) Männer verkörpert, die wandelnde Zeitbomben sind. "Durch die Beschädigungen, die dem Körper und der Psyche im Krieg zugefügt werden, werden viele Soldaten verletzlich, es gibt jede Menge von Zündern, die sie zum Explodieren bringen können. Damit lebt diese Person. Gerade deshalb war es mir wichtig, dass er keine Feuerwaffe besitzt. Er hat drei Messer, aber der Zuschauer hat gesehen, wofür er sie benötigt: nämlich für Verrichtungen, die man erledigen muss, wenn man in einem Waldgebiet lebt."

    Bei der Beziehung zwischen Vater und Tochter hat sich Granik an Shakespeares The Tempest orientiert: "Da sagt Miranda zu Prospero: ,Vater, ich glaube, manchmal bin ich eine Bürde für dich!‘, und er erwidert: ,Nein, du bist mein Anker – ohne dich wäre ich verloren.‘ Das ergab sich zufällig, als ich während des Schreibens mit Freunden eine Aufführung des Stücks besuchte."

    Menschen unter Druck

    Bei allen Parallelen zu Winter’s Bone, jenem Film, der sie bekannt und Jennifer Lawrence zum Star machte, fühlt sich Granik der Erzählweise des neuen Films näher: "Ein klassisches Erzählelement wie der Zeitdruck in Winter’s Bone funktioniert als Orientierung für den Zuschauer. In dieser Hinsicht ist Leave No Trace risikoreicher, die Frage eher philosophisch: Können Menschen je so leben, wie sie wollen, wenn sie kein Geld, keinen Besitz haben? Und können sie der Konformität entgehen?"

    Diese Frage habe sie sich fortwährend gestellt: "Was passiert, wenn man eine Geschichte langsamer erzählt oder ohne Momente physischer Gewalt? Was ist mit emotionalem Druck – wenn die beiden gezwungen werden, sich zu trennen? Das ist komplexer, als Probleme mit einer Kugel zu lösen – nicht alle Probleme können mit einer Kugel gelöst werden."

    Wie in Winter’s Bone hat Debra Granik auch hier mit einer jungen Darstellerin gearbeitet, aus der sie eine hervorragende schauspielerische Leistung herausholt. "Es war nicht genau dasselbe", betont sie. "Thomasin war jünger. Jennifer hatte selbstständig eine gute Technik entwickelt, um sich in die Situation ihrer Figur hineinzuversetzen, Thomasin schöpfte mehr aus ihrer Fantasie. Aber beide waren sehr aufmerksam gegenüber den anderen Schauspielern, beobachteten sie genau und hörten ebenso genau zu."

    Nach ihrem Debüt Down to the Bone, nach Winter’s Bone und dem Dokumentarfilm Stray Dog ist Debra Granik auch mit ihrem vierten Film auf der Viennale vertreten. Auf die Gespräche mit ihr nach den beiden Vorführungen darf man sich schon jetzt freuen. (Frank Arnold, 5.11.2018)

    5. 11., Gartenbaukino, 20.15

    7. 11., Stadtkino, 15.30

    • Macht sich mit der visuellen Anthropologie der Region vertraut: US-Regisseurin Debra Granik.
      foto: apa

      Macht sich mit der visuellen Anthropologie der Region vertraut: US-Regisseurin Debra Granik.

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