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6. November 2018, 09:00

Zehn Minuten, und alles war vorbei. Im September ist Emely aus Wien-Kagran zum ersten Mal während der Pariser Fashion Week eine Show gelaufen. Nicht über den Laufsteg von Chanel, aber immerhin für das Modehaus Courrèges.

Die Österreicherin trug das Outfit Nummer 30, einen knappen Rock, ein Bikinioberteil über einem transparenten Shirt, in ihrem Nacken baumelte ein Sonnenhut. "Ich war plötzlich gar nicht mehr aufgeregt", erzählt die 18-jährige Emely Mair einige Wochen später.

Ganz im Gegenteil: Voll in ihrem Element sei sie gewesen. Vor der Kamera stand sie in letzter Zeit immer wieder – bei Fotografen wie Elfie Semotan oder Paul Kranzler (siehe Fotos). Die Schülerin, 1,76 Meter groß, schlank, braunes schulterlanges Haar, hat in den letzten Monaten Dinge erlebt, um die sie viele Gleichaltrige beneiden.

Lange galt "Modeln" unter jungen Frauen als Traumjob. Aber ist das noch so? In den vergangenen Jahren war vor allem von Youtubern und Instagrammern die Rede. Influencer zu sein gilt seither als das Ding der Stunde. Hat der klassische Modeljob deshalb an Attraktivität eingebüßt?

foto: paul kranzler
Paul Kranzler fotografierte Emely Mair zu Hause bei ihren Eltern. Emely trägt einen Blazer von ihrer Mutter, ein Top von Vitelli, eine eigene Kreole und einen Federohring von Dries Van Noten.

Schwierige Frage, Emely hebt die Schultern. Nein, das glaubt sie nicht. Ihr Umfeld nimmt rege teil an ihren ersten Erfahrungen als Model: "Ich bekomme auf Facebook und Instagram immer wieder Nachrichten wie: 'OMG, wie hast du das geschafft?'", erzählt die 18-Jährige, die im kommenden Frühjahr ihre Matura macht.

Was aber sagen Leute aus der Branche? Der Modelagent Yannis Nikolaou, der seit 1999 die Agentur Place Models in Hamburg führt, hat täglich mit jungen Frauen zu tun, die Model werden wollen. Er beobachtet, dass sich die Vorstellungen vom Modelberuf in den letzten Jahren verändert haben. Dafür seien auch soziale Netzwerke wie Instagram verantwortlich.

foto: paul kranzler
Das Outfit gehört dem Model, die Overknee-Stiefel sind von Jil Sander, die Handtasche ist von Chanel.

"Viele wollen einfach so berühmt werden wie die Kardashians. 15-Jährige stehen heute mit falschen Nägeln und Wimpern mit ihren Eltern vor mir, das war vor zwanzig Jahren völlig anders." 70 Prozent der Bewerberinnen, die sich aktiv bei der Agentur meldeten, würden sich heute auf Fotos darstellen "wie all diese Frauen, die Millionen Follower haben".

Nikolaou klingt, wenn er über dieses Thema spricht, ein wenig genervt. Der Agent weiß, wovon er spricht. Er hat schon so einige Models entdeckt, egal ob Iris Strubegger, Tess Hellfeur oder Mia Grünwald, "alle zufällig auf der Straße, beim Einkaufen, beim Kinobesuch oder in einem Fast-Food-Lokal".

Solche Geschichten sind immer wieder erzählt worden, sie sind fester Bestandteil des Model-Märchens: Jede kann es schaffen, wenn die Beine nur lang genug sind! Claudia Schiffer? Wurde mit 17 in einer Düsseldorfer Disco entdeckt, die 13-jährige Karlie Kloss in einem Einkaufszentrum, Gisele Bündchen in einer New Yorker McDonald's-Filiale.

Emely Mair fiel dem Stylisten dieser Fotostrecke während einer Modeveranstaltung der Wiener Angewandten auf. Am Ende war es immer der Zufall. Und die Umstände erwiesen sich als mehr als unglamourös.

foto: paul kranzler
Emely im eigenen Tanktop, die Hose ist von Jana Wieland, die Schuhe sind von Jil Sander, die Ohrringe von Dries Van Noten.

Heidis Topmodel

Bis dann irgendwann Heidi Klum im deutschsprachigen Raum mit ihrer Sendung "Germany's Next Topmodel" auftauchte und viel von Drill und Disziplin erzählte. Seit 2006 sucht Heidi Klum für den deutschen Sender ProSieben Nachwuchsmodels. Sie hat mit ihrem Versprechen, aus ganz vielen, ganz normalen Mädchen das eine Topmodel herauszupicken, mehr als eine Teenager-Generation geprägt.

"Zwischen zwölf und 14 wollte ich Model werden"

Die Begeisterung für das Klum-Format hat zuletzt fühlbar abgenommen. Erst vor wenigen Monaten war im Internet ein Video im Umlauf, in dem einige Mädchen ihrem Ärger über die umstrittene Castingshow Luft machten. Der Hashtag #NotHeidisGirls war ein viraler Erfolg.

Auch an Emely ist die Sendung nicht spurlos vorübergegangen. "Zwischen zwölf und 14 wollte ich Model werden", erzählt sie. Regelmäßig hat sie gemeinsam mit ihrer Freundin "Germany's Next Topmodel" geschaut, die österreichische Ausgabe hat sie nie interessiert.

Die Sendung hatte Auswirkungen. "Wir haben uns geschminkt und mit einer Spiegelreflexkamera zu Hause Fotos von uns gemacht." Die Bilder, grinst Emely, hätten ähnlich ausgesehen wie jene, die der Fotograf Paul Kranzler von ihr im Haus der Eltern in Kagran gemacht hat.

Und Mama und Papa, wie fanden die solche Aktionen? Mit ihrer Mutter habe sie öfters gewitzelt, ob sie sich bei Heidi Klum anmelden solle, erklärt die Wienerin: "Meine Mama hätte es toll gefunden, wenn ich da mitmachen würde." Heute steht das Nachwuchsmodel, dem Julia Lange, bei Courrèges für das Casting verantwortlich, ein "unique face" attestiert, dem Format zwiespältig gegenüber.

foto: paul kranzler
Emely in einem Pulli von Vitelli, sie trägt eigene Shorts, der Federohrring ist von Dries Van Noten.

Yannis Nikolaou warnt vor zu hochgesteckten Erwartungen an den Modeljob. Die Branche habe sich gewandelt, viele klassische Jobs seien weggefallen. In den Werbekampagnen der Luxusunternehmen und auf den Titeln der amerikanischen Magazine werden heute kaum noch Models, sondern hauptsächlich Prominente abgebildet.

Neue Gesichter

Julia Lange hingegen ist sich sicher: Die Post-Millennials erobern mit ihren Vorstellungen von Diversität hinsichtlich Sexualität und Körper das Modebusiness. Sie werden in den letzten Jahren von Agenturen wie der angesagten Midland Agency aus New York, die auf diverse Typen setzt, repräsentiert (nach ihrem Vorbild wurde in Wien gerade das Castingbüro Wien gegründet).

Eine Chance für neue, ungewöhnliche Gesichter? Nikolaou winkt ab. Erstens gebe es schon seit der ersten CK-One-Werbung Mitte der 1990er einen Markt für edgy Models und zweitens: "'New Faces' zu verpflichten ist clever. Sie kosten zwischen 800 und 1.500 Euro am Tag, das ist nichts."

So werde jungen Models Hoffnung gemacht. "Dabei haben diese Gesichter meist keine Zukunft: In der einen Saison versichert eine Marke einem Model 'I love you', in der nächsten wird es wie eine benutzte Serviette weggeworfen", erklärt der Agent.

Geld verdiene man sowieso nur mit kommerziellen Jobs. Viele Mädchen setzten große Hoffnungen ins Modeln und seien schnell mit den Nerven am Ende. Er als Agent müsse die Models informieren: "Was heute ist, gilt nicht für morgen."

foto: paul kranzler
Hemd, Hose und Ohrringe sind aus dem eigenen Kleiderschrank, Gürtel, Sonnenbrille und Handschuhe von Chanel, die Tasche ist von Jil Sander und die Schuhe sind von Arthur Arbesser.

Emely Mair sind die Modeljobs bisher leicht von der Hand gegangen. Doch die 18-Jährige ahnt: "Modeln ist irgendwie ein Glücksspiel." Deshalb will sie nicht alles auf eine Karte setzen. Die Matura geht vor, nebenbei boxt Emely und dreht mit Freunden Musikvideos.

Was sie sonst noch vorhat? Irgendwas mit Kunst. Und ja, mit ihrem Freund würde sie gern nach Paris ziehen. Keine so schlechte Idee für ein angehendes Model. (Anne Feldkamp, RONDO, 2.11.2018)

foto: apa/afp/bertrand guay
Emely während der Courrèges-Show am 26. September in Paris.

Über das Shooting:

Fotos: Paul Kranzler
Styling: Max Märzinger
Model: Emely Mair via Castingbüro Wien

Kleidung Titelbild: privat