Test und Fazit: "Call of Cthulhu"

    4. November 2018, 11:00
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    Das düstere "Ermittlungsrollenspiel" verbindet den Horror H. P. Lovecrafts mit Adventure-, Action- und Rollenspielelementen. Schrecklich gut oder doch nur zum Fürchten mittelmäßig?

    Howard Phillips Lovecraft, vor 81 Jahren verstorbener eigenbrötlerischer US-Literat, ist vermutlich der einflussreichste Horrorautor der Geschichte. Sein "kosmischer Horror", in dem unsagbar fremdartige Götter der hilflosen Menschheit mit Gleichgültigkeit gegenüberstehen, hat unzählige jüngere Autoren, Filmemacher und – natürlich – Videospiele beeinflusst.

    Call of Cthulhu basiert ganz offiziell auf dem gleichnamigen Pen-&-Paper-Rollenspielsystem: Als Schauplatz dient eine entlegene Insel vor der US-amerikanischen Atlantikküste kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der Held ist ein zweifelnder, alkoholsüchtiger Privatdetektiv, und die unsagbaren, monströsen Geheimnisse, die sein Fall berührt, kratzen immer wieder an seiner psychischen Gesundheit. Klar, dass auch tentakelige Götter und Geheimkulte eine Rolle spielen – mehr Lovecraft geht kaum.

    Das Spiel des französischen Entwicklers Cyanide verbindet diesen "Abstieg in den Wahnsinn" in seinem First-Person-Abenteuer mit einer recht abwechslungsreichen Mischung aus Spielelementen: Rollenspieltypische Charakterwerte haben darin ebenso ihren Platz wie detektivische Ermittlungsarbeit, in der Hinweise gefunden und interpretiert und Verdächtige befragt werden müssen, und auch actionreichere Stealth- und Fluchtabschnitte; gekämpft wird allerdings so gut wie gar nicht. Große und auch kleine Entscheidungen, die im Lauf des Spiels getroffen werden, wirken sich auf das Schicksal und den Geisteszustand des Helden aus; trotzdem bleibt die etwa zehn Stunden lange Story mit vier verschiedenen Enden großteils linear.

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    Was ist gelungen?

    Lovecraft-Fans dürfen sich freuen: Call of Cthulhu schafft es tatsächlich, so gut wie jedes geliebte Klischee aus dem Umkreis des Cthulhu-Mythos zu bedienen, ohne dabei in Albernheit zu verfallen. Die Atmosphäre und bis zu einem gewissen Grad auch die Figuren und die Story werden dem Vorbild so durchaus gerecht – auch wenn vielleicht, ein bekanntes Problem vieler Lovecraft-Bearbeitungen, etwas zu viel gezeigt und zu wenig angedeutet wird.

    Das größte Plus des Spiels ist daneben zweifellos sein Abwechslungsreichtum: Sequenzen, in denen in langen Gesprächen die Handlung vorangebracht wird, werden gefolgt von detektivischer Spurensuche und Rekonstruktion, dem Erforschen atmosphärisch gelungener Schauplätze und Szenen, in denen sowohl recht simples, aber spannendes Schleichen als auch das Lösen kurzer Puzzles gefragt ist. Die Detektivgeschichte, die sich erwartbar schnell Richtung Horror entwickelt, wird vor allem Kenner des Pen-&-Paper-Systems angenehm an typische Kampagnenabenteuer erinnern.

    Was ist weniger gelungen?

    Langweilig wird einem zwar nicht so schnell in Call of Cthulhu, doch ärgern muss man sich dafür auch hin und wieder. Rein technisch sieht man dem Spiel sein kleines Budget vor allem bei den Animationen überdeutlich an, und auch spielmechanisch gibt es genug zu bemängeln: Das Skillsystem bleibt mehr oder weniger kosmetisch, die AI von Wachen und Monstern schwankt zwischen dumm und übermenschlich, und einzelne nervenraubende Stealth-Sequenzen lassen sich nur durch Trial and Error bewältigen.

    Fazit

    Angesichts der zum Jahresende aufgefahrenen, auf Hochglanz polierten AAA-Spielekonkurrenz erscheint Call of Cthulhu auf den ersten Blick abschreckend, doch wer sich der Lovecraft-Atmosphäre zuliebe auf das Abenteuer einlässt, wird trotz aller angesprochenen Probleme erstaunlich gut unterhalten.

    Call of Cthulhu ist das Äquivalent zum mit ernsthafter Liebe und Hingabe gemachten B-Movie. Horrorfreunde wissen: Genau hier, bei der B-Ware zwischen Ambition und beschränkten Möglichkeiten, lassen sich oft die interessantesten Funde machen. (Rainer Sigl, 4.11.2018)

    Call of Cthulhu ist für PS4, Xbox One und Windows ab 18 Jahren (PEGI) erschienen, UVP: 44,99 Euro.

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