Doku "Premières solitudes": Gesichter im geschützten Raum

    Video31. Oktober 2018, 11:19
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    Für ihre Dokumentation hat Claire Simon eine Gruppe Jugendlicher zum Sprechen gebracht. Ein Film über neue Freiheiten und "neuartige Unterhaltungen" vor der Kamera

    Der House-Track Discipline und der Song Alors on danse des belgisch-ruandischen Rappers Stromae wecken eher Erwartungen an eine typische Erzählung über Banlieue-Jugendliche. Doch Claire Simons Premières solitudes kommt ganz ohne Posen aus.

    Von der Verletzlichkeit zu besonderer Stärke: "Premierès solitudes".

    Tessa und ihre Mitschüler besuchen die elfte Klasse eines Gymnasiums in Ivry, einem Vorort von Paris, der auf eine lange Arbeiter- und Einwanderervergangenheit zurückblickt. In wechselnden Zweier- und Dreierkonstellationen sprechen sie im Klassenzimmer, auf Parkbänken, im Bus und im Schulflur über ihre zerrissenen Familien, Einsamkeit, Verliebtheit und die Ungewissheit der Zukunft. Dieses Sprechen – reflektiert, einfühlsam, mit stets gedämpfter Stimme – hat bei aller Wirklichkeitsnähe etwas Entrücktes, fast Utopisches. Denn die Wortlosigkeit in den Elternhäusern, wo gemeinschaftliches Zusammensein nur noch als Kindheitserinnerung präsent ist, zieht sich wie ein Refrain durch die Dialoge: "Wir reden nicht."

    Simon führt ihre Protagonisten zu Gesprächen zusammen, die unverstellt und wahrhaftig wirken. Tatsächlich sind die "neuartigen Unterhaltungen" ("conversations inédites"), wie es im Vorspann heißt, aus einem Schulprojekt entstanden. Die französische Regisseurin war eingeladen, gemeinsam mit der Klasse einen Kurzspielfilm zu realisieren. Doch schließlich wurden die Interviews, die sie zur Entwicklung des Drehbuchs mit den Schülern führte, zur Grundlage "kontrollierter" Dialoge.

    digital ciné
    Trailer zu "Premières solitudes".

    Premières solitudes errichtet derart einen geschützten Raum, in dem die Jugendlichen Unsicherheiten, Verletztheiten und Ängste artikulieren können, ohne sich zu entblößen. Im Gegenteil: Trotz oder gerade wegen ihrer Verletzlichkeit wirken die Jugendlichen erstaunlich autark.

    Offene Fragen

    Ein Mädchen, die Mutter schizophren, der Vater offensichtlich zu beschäftigt, um sich der Sorgen und Ängste der Tochter anzunehmen, erzählt, dass es weitgehend auf sich selbst gestellt sei. Die Freundin fragt nach, kommentiert und erzählt ihrerseits von ihrer demenzkranken Großmutter: "Meine Probleme sind nichts im Vergleich mit deinen", sagt sie etwas verschämt. Worauf die andere sanft erklärt: "Das ist kein Wettbewerb."

    In einer anderen Konstellation bricht ein Junge beim Gedanken an die familiäre Situation in Tränen aus, zwei Mädchen trösten ihn und machen ihm Mut, sich zu öffnen – auch an Geschlechterklischees wird auf unprogrammatische Weise vorbeierzählt.

    Simon arbeitet hochsensibel mit Großaufnahmen. Dabei sprechen die Heranwachsenden mit offenen, zwischen Ernst, Unbekümmertheit und Sehnsucht wechselnden Gesichtern. Auch das macht Premières solitudes zu einem so berührenden wie schönen Ereignis. (Esther Buss, 31.10.2018)

    1. 11., Metro, 21.45

    2. 11., Filmmuseum, 18.30

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