Abschied nehmen – voneinander, von festgefahrenen Vorstellungen

Blog2. November 2018, 08:40
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Eltern haben gewisse Erwartungen an das Kind. Doch oftmals muss man sich davon verabschieden, weil alles ganz anders kommt

Der zwölfjährige Alexander hat bis jetzt jeden Abend gerne mit seiner Mama vor dem Einschlafen kurz gekuschelt. Seit ein paar Tagen aber möchte er nicht mehr, dass sie zu ihm ins Zimmer kommt. Stattdessen geht der Bub zu seinen Eltern ins Wohnzimmer, um ihnen eine "gute Nacht" zu wünschen. Während Papa Ralf das mit den Worten "Jetzt ist er wieder ein Stückchen erwachsener" kommentiert, hat Helena Sehnsucht nach dem stillen gemeinsamen Abendritual, das sie lange Zeit genossen hat.

Immer wieder ist den Eltern von Jonathan aufgefallen, dass er anders als andere Kinder ist. Doch sie hatten immer noch die Hoffnung, dass er die Rückstände schon noch aufholen wird. Seit er in die Schule geht, müssen sie jedoch akzeptieren, dass er Schwierigkeiten hat und spezielle Unterstützung braucht. Seine Eltern tun sich schwer damit, dass ihr Sohn vieles in seinem Leben niemals erreichen wird. Wie oft haben sie sich gewünscht, dass er später studieren und erfolgreich sein wird.

Julia und ihre Zwillingsschwester Franziska sind 18, haben beide die Schule beendet und sind von zu Hause ausgezogen. Während es Franziska zum Studium in die Stadt zog, hat Julia ein Au-pair-Jahr in Amerika begonnen. Anita, die Mutter, vermisst ihre Töchter sehr.

foto: apa/afp/marvin recinos
Abschiede können unterschiedliche Formen annehmen.

Abschiede überall

Das Leben ist von ständigen Abschieden getragen. Es gibt unzählige Situationen, in denen uns das nicht bewusst ist. Andere Abschiede wieder empfinden wir als einschneidend und traurig.

Es gibt kleine, "alltägliche" Abschiede wie das morgendliche Aus-dem-Haus-Gehen oder das Verabschieden bei der Schule. Manche fallen leichter als andere: Der Verlust eines Gegenstandes, die Verabschiedung eines Freundes bis zum nächsten Wiedersehen oder berufliche wie persönliche Veränderungen wie ein Umzug.

Oftmals aber sind Abschiede auch kleine Enttäuschungen: Menschen haben gewisse Erwartung an Momente und Situationen oder Mitmenschen. Für ihr Kind haben Eltern gewisse Vorstellungen und Hoffnungen, vor allem jene, dass es ein erfolgreiches und glückliches Leben führt. Die Definition von Erfolg im Leben kann, abhängig von der eigenen Lebenswirklichkeit, unterschiedlich ausfallen. Eltern müssen sich dann aber auch von eigenen Vorstellungen verabschieden, wie das Kind einmal wird oder welche Werte es erlernt. Manchmal tritt dann Enttäuschung ein, wenn das Kind nicht das macht, sich anders verhält und später anders lebt, als es die Eltern von ihm erwarten.

Genauer betrachtet sind es Abschiede, die Eltern und Bezugspersonen von ihren Vorstellungen nehmen müssen zugunsten der freieren und offeneren Entwicklung ihres Kindes. Das eröffnet die Chance auf mehr Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation, auf weniger Enttäuschungen und dadurch auf ein gelasseneres Miteinander. Was nicht heißen soll, dass die Erwachsenen keinerlei Ansprüche mehr an die Kinder stellen, sondern diese an das Können des Kindes anpassen sollten. Somit müssen die Bezugspersonen das Kind nicht mehr verbissen in eine Richtung drängen, die dem Nachwuchs womöglich nicht entspricht.

Den Erwartungen nie gerecht werden können

Die Erwartungen der Eltern an den Nachwuchs führen dazu, dass beim Kind der Versuch entsteht, diese Vorstellungen zu erfüllen und diesen zu entsprechen. Daraus wird die Vorstellung, dass die Eltern es besonders dann lieben und anerkennen, wenn es ihren Erwartungen entspricht.

Das Unangenehme daran ist, dass sich dieses Verhalten bis ins Erwachsenenalter fortsetzen kann und diese Menschen immer das Gefühl haben werden, es allen anderen recht machen zu müssen und andere zu enttäuschen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse umsetzen wollen. Damit steht es für diese Menschen dann oftmals gar nicht zur Debatte, Entscheidungen zu treffen und dann umzusetzen, was sie gerne tun möchten.

Endgültige Abschiede

Ganz anders sieht es da schon aus, wenn man sich von jemandem verabschieden muss, den man nie mehr wiedersehen kann. Sei es, dass eine Freundschaft zerbricht und zumindest von einer Seite kein Kontakt mehr gewünscht wird, oder der Tod eines Menschen. Dies ist ein endgültiges Ende, mit dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene zurechtkommen müssen. Jeder hat dafür seine eigenen Strategien, und jeder braucht dabei mehr oder weniger Unterstützung.

Nicht immer müssen Abschiede unangenehm, traurig oder verletzend sein. Mitunter können sie Erleichterung und mehr Freiheit bedeuten.

Ihre Erfahrung?

Wann und wie nehmen Sie Abschied in Ihrem Leben? Ist es Ihrer Meinung nach möglich, sich auf das Abschiednehmen vorzubereiten? Wovon haben Sie sich in Bezug auf Ihre Kinder schon verabschiedet? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 2.11.2018)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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