Intransparenz auf dem Markt des guten Gewissens

    31. Oktober 2018, 06:00
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    Immer mehr spenden ihr Erbe für einen guten Zweck. Einzelfälle aber sorgen für Verunsicherung, ob das Geld wirklich dort ankommt, wo es gebraucht wird

    Ein anonymer Anzeiger gab den Anstoß für die Razzia: Er berichtete der Staatsanwaltschaft Salzburg von Vorwürfen gegen einen Funktionär des Österreichischen Tierschutzvereins (ÖTV). Sie wiegen schwer: Er soll Spenden und Erbschaften an den Verein in Höhe von über 300.000 Euro entnommen haben, von der persönlichen Nutzung von Räumlichkeiten und Autos "aus dem oberen Preissegment" ist die Rede. Büros in Wien und Salzburg wurden durchsucht.

    Es ist der aktuellste Beleg für ein Dilemma: Woher weiß man, was tatsächlich mit dem Geld passiert, mit dem man Gutes tun will? 630 Millionen Euro spendeten die Österreicher letztes Jahr, ein Viertel davon für Tiere. Rund zehn Prozent der Spendengelder sind Testamentsspenden, veröffentlichte am Dienstag der Fundraisingverband – Tendenz steigend. Die Spender sind oft kinderlos, generell gilt die Faustregel: je ärmer, desto spendenfreudiger.

    Das Spendengütesiegel OSGS soll jene Vereine markieren, die sorgsam mit Geldern umgehen. Es wurde 2001 durch Dachverbände von NPOs und der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer (KSW) gegründet, 268 Organisationen tragen es derzeit. Der ÖTV ist nicht darunter.

    Kosten für Kleine zu hoch

    Weil das Geschäft mit dem Spendensiegel lukrativ ist, kann oder will sich nicht jede NPO eines leisten. Die Bearbeitungsgebühr beträgt bis zu 135 Euro. Dazu kommen etwa Kosten für einen externen Wirtschaftsprüfer. "Diese Überprüfung würde dreimal so viel kosten wie wir einnehmen", sagt Gerda Ziesel vom Tierschutzverein für Stadt und Land Salzburg. Sie ist froh, dass man an sie spendet, auch wenn sie kein OSGS hat: "Würden wir nicht hin und wieder ein Erbe bekommen, wären wir sofort im Minus", sagt sie und stellt jedem Spender offen, sich die Bilanz anzusehen.

    Madeleine Petrovic vom Wiener Tierschutzverein kritisiert, dass "Konsumentenschützer dieses Feld brachliegen lassen". Der Verein für Konsumenteninformation verweist lediglich auf das OSGS.

    Neben dem Siegel sollen steuerrechtliche Mechanismen sicherstellen, dass gemeinnützige Vereine korrekt arbeiten. NPOs können beantragen, dass sie auf die Liste der begünstigten Spendenempfänger des Bundesministeriums für Finanzen (BMF) gesetzt werden. Private Spender können Spenden dann begrenzt absetzen. Wer auf der Liste ist, wird jährlich durch einen Wirtschaftsprüfer kontrolliert. Ausgenommen von der Prüfung sind etwa freiwillige Feuerwehren oder Kirchen auf der Liste.

    Weil NPOs steuerlich begünstigt sind, kontrollieren zudem die Finanzämter stichprobenartig deren Zweckwidmung und Sparsamkeit. Wer geprüft wird, variiert "aufgrund von diversen Parametern", so ein Sprecher des Bundesministeriums für Finanzen.

    Der Erbskandal des Gut Aiderbichls

    Offenbar rutschen manche Vereine durch diese Prüfungen durch. Etwa das Gut Aiderbichl. Ein Mann soll überredet worden sein, Vermögen im Wert von 1,3 Millionen Euro an das Gut als Alleinerbe in sein Testament zu schreiben – ohne dass ihm klar war, was er unterschrieb. Vor einem Jahr wurde die Verurteilung eines Geschwisterpaars – der Bruder war Verwalter des Gutes – rechtskräftig. Trotz Vorwürfen wie diesem werden immer noch Menschen zu Aiderbichlern, spenden also Geld oder ihren Nachlass, weil sie Tieren helfen sollen, die laut Website "missbraucht, versklavt, zu Opfern degradiert" wurden. Das Gut Aiderbichl betont, dass "gemeinnützigen Stiftungen jährlich durch unabhängige Prüfer kontrolliert" werden.

    Spendengütesiegel hat das Gut Aiderbichl keines, auch wenn es nach der "medialen Berichterstattung" über Skandale beantragt wurde, wie Dieter Ehrengruber, Gut Aiderbichl-Geschäftsführer, schreibt. "Nachdem das Siegel kurzzeitig verliehen wurde, erfolgten weitere Prüfungen", schreibt er, "es wurden alle Daten offengelegt, dennoch hat sich die Vergabe weiterhin rausgezögert beziehungsweise wurde boykottiert, so dass wir das Ansuchen dann zurückgezogen haben." Eine KSW-Sprecherin bestätigt, dass der Antrag vom Gut Aiderbichl zurückgezogen wurde, betont aber, dass eine Sonderprüfung wie diese eben Zeit brauche. Sie weißt den Vorwurf des Boykotts zurück.*

    "Leidtragende sind die Tiere"

    Der Fundraisingverband rät, nicht einfach ein Testament zu unterschreiben, das man von einem Verein vorgelegt bekommt, sondern mithilfe eines Notars selbst ein Testament aufzusetzen, wenn man sein Erbe spenden will. Günther Lutschinger, Geschäftsführer des Vereins, sagt: "Um die Vertrauenswürdigkeit einer NPO festzustellen, die weder das OSGS noch die Spendenabsetzbarkeitsprüfung hat, kann man die Transparenz des Vereins auf der Website prüfen." Man solle darauf achten, ob Finanzberichte veröffentlicht werden, wie seriös Anliegen beschrieben werden und ob emotional Druck aufgebaut oder übertrieben werde.

    Der ÖTV weist die Vorwürfe gegenüber dem STANDARD zurück, einige hätte man bereits als falsch identifiziert. Die privat genutzten Räumlichkeiten würden als Büro genutzt werden, so Geschäftsführer Erich Goschler. Beim einzigen Mitarbeiter-Dienstfahrzeug handle es sich um einen acht Jahre alten VW Passat. Goschler spricht von einer "zielgerichteten Aktion gegen den ÖTV", die Leidtragenden wären die Tiere. Man werde Rechtsmittel gegen die Hausdurchsuchung einlegen. (Gabriele Scherndl und Laura Schwärzler, 31.10.2018)


    *Nach Rücksprache mit dem Gut Aiderbichl und der KSW wurde dieser Absatz am 7. November ergänzt.

    • Egal ob Esel, Katzen oder, so wie hier auf dem Gut Aiderbichl, Füchse: Wichtig ist, dass das Geld bei den Tieren ankommt. Schwarze Schafe aber schaden dem gesamten Business.
      foto: apa/gut aiderbichl

      Egal ob Esel, Katzen oder, so wie hier auf dem Gut Aiderbichl, Füchse: Wichtig ist, dass das Geld bei den Tieren ankommt. Schwarze Schafe aber schaden dem gesamten Business.

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