Der Tod als treuer Begleiter des Austropop

    Video1. November 2018, 09:00
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    Vom "Zentralfriedhof" eines Ambros über Danzers "Heite drah i mi ham" spannt sich der Bogen bis zu Voodoo Jürgens

    Zu den heimlichen Hits im heimischen Bestattungsgewerbe zählen seit Jahren nicht nur internationale Hadern wie Air von Johann Sebastian Bach oder Time To Say Goodbye von Andrea Bocelli und Sarah Brightman. Auch heimische Künstler wie Franz Schubert mit Ave Maria, Rock-me-Amadeus mit Lacrimosa oder Andreas Gabalier mit Amoi seg ma uns wieder sind im Genre der mitunter wortwörtlich allerletzten Lieder traditionell gut vertreten.

    foto: ap/winfried rothermel
    "Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! Spann deine weiten, sanften Flügel aus und leg s' mir auf meine Fieberaugen. Bitte, hol mich weg von da!" (Ludwig Hirsch)

    Wenn man eines mit Fug und Recht und Sargnagel behaupten kann, dann zählt in der spezifisch österreichischen Popmusik seit Jahrhunderten der Todesschlager zu den herausragendsten kulturellen Leistungen, die dieses Land jemals hervorgebracht hat. Nicht nur, dass sich derzeit der zwischen Pitralon und Polyester durchgestylte Wiener Vorstadtschlurf Voodoo Jürgens (Heite grob ma Tote aus) mit einem Richtung Gersthofer Friedhof in Wien zeigenden, aus Liedern des großen, dort liegenden österreichischen Austropop-Pompfüneberers Ludwig Hirsch bestehenden Programm auf Österreichtournee befindet.

    Ewige Ruhe auf Probe

    In Sachen Tod und Musik kann man dem 2011 verstorbenen Sänger und Schauspieler Hirsch nur wenig vormachen. Von wegen: "Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! / Spann Deine weiten, sanften Flügel aus / und leg s' auf meine Fieberaugen! / Bitte, hol mich weg von da!" (Komm großer schwarzer Vogel) Andererseits: "Was is'n des? / des komische Krabbeln bei die Zehen da vorn? / Jessas Maria / der erste Wurm!" (I lieg am Ruckn).

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    Ludwig Hirsch mit "Komm großer schwarzer Vogel".

    Auch die neuere Wiener Band Vienna Rest In Peace, hervorgegangen aus der Depressionscombo Aber das Leben lebt, befindet sich gerade gemeinsam mit Trauermarschspezialist Fritz Ostermayer auf großer, wie soll man sagen, Abschiedstournee durch die Bundesländer. Im Gepäck finden sich Lieder wie Sterbenswerte Stadt, Alles vorbei oder Auf Geisterfahrt. Gekennzeichnet ist diese wunderbar hoffnungsarm die Zeit Richtung Ewigkeit dehnende Musik dadurch, dass man sich schon nach der ersten Nummer dringend zur Ruhe auf Probe betten möchte.

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    Die Wiener Band Vienna Rest in Peace.

    Die Selbstmordraten mögen in anderen Ländern wie Finnland, Ungarn oder Kärnten (Entschuldigung!) höher sein. Trotzdem zeichnet Österreich bei all seiner zumindest landschaftlichen Schönheit eine Todessehnsucht aus, die sich speziell im Austropop der vergangenen Jahrzehnte ein festes Standbein unter dem Motto "Mit einem Fuß im Grab" verschaffte. Angefangen beispielsweise mit Die alte Engelmacherin von Helmut Qualtinger geht es herauf über Wolfgang Ambros und Es lebe der Zentralfriedhof bis zu Georg Danzer mit I schdiab boid, Mei Aschen oder Heite drah i mi ham (Letzteres geschrieben für Ambros). Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

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    Wolfgang Ambros mit "Es lebe der Zentralfriedhof".

    Selbstverständlich wurde das Gewese um die längste Sache der Welt auch kabarettistisch angegangen. Davon zeugen etwa Lieder der EAV wie Der Tod und Liebe, Tod und Teufel oder Klaus Eberhartinger & die Gruftgranaten mit dem programmatischen Blödelsongs Austropop in Tot-Weiss-Tot oder Musik kommt aus der Gruft. Der ehemalige Staatssekretär für Kunst und Medien, Franz Morak, nahm sich als "Punkrocker" in Suizid auch einmal der Sache an: "Heut' rauch ich meinen letzten Joint / ich gab mir den letzten Schuss / ich trinke noch den Rest vom Sekt / und mach dann einfach Schluss." Punk ohne Anführungszeichen kam von Ronnie Urini mit der Konrad-Bayer-Vertonung von Niemand hilft mir: "Das ist lustig / das ist schön / das ist das Zugrundegehn."

    Selbst Vertreter der jüngeren Generation wie Der Nino aus Wien (Mein Tod) oder Kabinenparty-Rapper Skero (Wien Suizid) schrecken nicht davor zurück, sich vorzeitig mit einem Thema zu beschäftigen, das von älteren Künstlern meist aus naheliegenden Gründen umgangen wird. (Christian Schachinger, 30.10.2018)

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