Der tote Körper als Schauobjekt

    3. November 2018, 07:00
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    Immer mehr indigene Gruppen fordern die Überreste ihrer Ahnen aus Museen zurück. Wie kann man ethisch verantwortungsvoll mit solchen Objekten umgehen?

    In vielen Museen und Sammlungen sind menschliche Überreste ein Teil des Bestandes. Ethnografische Museen stellen Schrumpfköpfe aus, in medizinischen Sammlungen sind diverseste Körperteile von Verstorbenen zu bestaunen. Das hat bis vor einigen Jahren offenbar keine größeren ethischen Bedenken verursacht.

    Seit Anfang der 2000er-Jahre aber hat sich die Situation geändert, die Präsentation menschlicher Überreste erzeugt zunehmend Unbehagen. Man denke etwa an Gunther von Hagens "Körperwelten", die Faszination und Kritik hervorrufen.

    Braucht man so etwas wie eine neue Ethik im Umgang mit dem toten menschlichen Körper? Eine vom Weltmuseum Wien in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Uni Wien (Institut für Kultur- und Sozialanthropologie) organisierte Konferenz wird sich am 7. und 8. November mit derartigen Fragen beschäftigen.

    Warum dieses Thema gerade jetzt so wichtig geworden ist, dass man ihm eine eigene Konferenz widmet? "Weil man an den ethnografischen Museen erst in den letzten Jahren begonnen hat, die Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten", erklärt Claudia Augustat, Kuratorin der Südamerika-Sammlung des Weltmuseums.

    "In diesem Zusammenhang muss auch gefragt werden, wie bestimmte Objekte in die Sammlungen kamen." Bei den menschlichen Überresten habe sich etwa gezeigt, dass sie oft aus geschändeten Gräbern stammen bzw. mit Gewalt erworben oder gegen den Willen der Betroffenen ausgestellt werden. "Das sind Unrechtskontexte, die klargestellt werden und eventuell zu Repatriierungen der Objekte in die Herkunftsländer führen müssen."

    Deutsche Kolonialherrschaft

    Ein solcher Kontext ist etwa die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort fand nach einem Aufstand der lokalen Bevölkerung gegen die Kolonialherren zwischen 1904 und 1908 der erste Genozid des 20. Jahrhunderts statt.

    Rund 50.000 Herero und 10.000 Nama wurden von den Deutschen ermordet, die Kolonialgefängnisse fungierten als Experimentierfelder zur Erforschung von "Menschenmaterial".

    Überreste der Opfer landeten in Museen und medizinischen Sammlungen. Rund hundert Jahre später fordern deren Nachkommen die Überreste ihrer Vorfahren zurück. Da man Herkunft und Geschichte solcher Sammlungsobjekte oft nicht kennt, läuft ein Forschungsprojekt am Medizinhistorischen Museum Berlin.

    Wenig zimperlicher Umgang

    Auch im Weltmuseum in Wien bemüht man sich, die menschlichen Überreste in den Sammlungen – etwa tätowierte Köpfe der Maori oder präkolumbische Mumien – an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. "Peru hat allerdings kein Interesse daran, diese Mumien zurückzubekommen", berichtet Augustat. "Zum einen hat man dort selber genug davon, zum anderen sehen die Ureinwohner in diesen Mumien auch nicht ihre direkten Ahnen."

    Andere indigene Gruppen dagegen fordern die "Human Remains" ihrer Vorfahren dezidiert zurück. "Etwa die Maori, die ihre Ahnen nach Hause holen und dort wieder bestatten wollen." Hier geht es vor allem um die sogenannten Ta mokos, die tätowierten Ahnenschädel, von denen einige auch im Weltmuseum zu sehen waren, bevor sie zurückgegeben wurden.

    "Die Forderung der Maori ist verständlich, gleichzeitig hat die Präsentation dieser Objekte in Europa aber auch eine positive Wirkung: Indigene Völker erreichen damit eine Sichtbarkeit, die sie in ihren eigenen Ländern oft nicht haben", so die Ethnologin.

    Der Umgang mit menschlichen Überresten war bis ins 20. Jahrhundert hinein wenig zimperlich – vor allem, wenn sie von Toten aus niederen sozialen Schichten stammten. "Noch im 19. Jahrhundert hat man von Hingerichteten diverse Körperteile abgetrennt, um sie in Medizinprodukten zu verarbeiten", weiß Augustat. "Dabei handelt es sich eigentlich um eine Art von Kannibalismus, aber so etwas wurde in Europa immer gleich unter den Teppich gekehrt." Man habe einen sehr viel intimeren Umgang mit Leichen gehabt als heutzutage. "Man hat sie zu Hause aufgebahrt."

    Legaler Handel

    Der Handel mit menschlichen Überresten ist nach wie vor legal und rege, erst seit wenigen Jahren wird Kritik daran laut. So hat etwa das Dorotheum in Wien vergangenes Jahr im Rahmen der "Tribal Art"-Auktion mehrere menschliche Schädel zur Versteigerung angeboten, darunter auch einen zeremoniellen Schrumpfkopf aus Südamerika und mehrere Ahnenschädel aus Neuguinea.

    Erst nach Protesten eines afrikanischen Journalisten und der Wiener Grünen wurden die Exponate zurückgezogen. "Der Handel mit menschlichen Überresten ist nicht nur in ethischer Hinsicht problematisch, sondern kann für indigene Menschen auch lebensgefährlich werden", merkt Claudia Augustat an. "Es gibt Berichte aus Ecuador, dass immer wieder indianische Frauen überfallen und ermordet werden, um zu Schrumpfköpfen zu kommen."

    Braucht es also neue Gesetze für den Umgang mit menschlichen Überresten? Mehr Mittel zur Erforschung ihrer Herkunft, um die Rückerstattung möglich zu machen? Für die Tagung sind jedenfalls Diskussionen zu erwarten – aber auch Einblicke in unterschiedlichste Trauer- und Begräbniskulturen oder in das Handwerk des medizinischen Präparators. (Doris Griesser, 3.11.2018)


    "Tote Körper zwischen Nutzen und öffentlichem Ärgernis"
    7. 11., 18 Uhr
    Neues Institutsgebäude
    Universitätsstraße 7
    1010 Wien

    8. 11.
    Weltmuseum
    Heldenplatz
    1010 Wien

    • Eine Kopftrophäe aus Südamerika, datiert auf circa 1830: Sie stammt von der Kultur der Munduruku,  eines indigenen Volks im brasilianischen Amazonasgebiet.
      foto: khm-museumsverband

      Eine Kopftrophäe aus Südamerika, datiert auf circa 1830: Sie stammt von der Kultur der Munduruku, eines indigenen Volks im brasilianischen Amazonasgebiet.

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