Ankommen in der Realität des Kindergartens

    10. Dezember 2018, 08:00
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    Der zweite Teil der Umfrageauswertung widmet sich dem Berufsalltag der Pädagoginnen

    Zur Situation in Österreichs Kindergärten haben wir im September Eltern sowie Elementarpädagoginnen und -pädagogen befragt. Der erste Teil der Auswertung hat sich der Sicht der Eltern gewidmet: Diese wünschen sich vor allem einen besseren Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen. Aber auch die Schließtage stellen viele Eltern vor große Probleme – insbesondere jene, die nicht auf Familienunterstützung zurückgreifen können.

    In diesem zweiten Teil der Auswertung kommen die 588 Pädagoginnen und Pädagogen zu Wort, die den STANDARD-Fragebogen ausgefüllt haben.

    Ausbildung bereitet zu wenig vor

    Deutliches Verbesserungspotenzial sehen die Befragten bereits in der Ausbildung: Zwar befindet eine knappe Mehrheit der Elementarpädagoginnen, zumindest "gut" auf den Beruf vorbereitet worden zu sein; allerdings geben 47 Prozent an, nur "befriedigend" oder sogar noch schlechter für die berufliche Tätigkeit in Krippe und Kindergarten gerüstet gewesen zu sein.

    "Die Ausbildung ist schon gut organisiert. Es wird jedoch immer vom Idealfall erzählt! Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Kolleginnen, die aus der Gruppe flüchten und nie gesehen werden, oder Eltern, die zu Hause nichts tun wollen, und im Kindergarten soll das Kind alles lernen und können: Auf solche Situationen wird man nicht vorbereitet."

    Idealisierter Beruf

    Wie ließe sich die Ausbildung verbessern? Um die häufigsten Nennungen auf diese Frage herauszufiltern, haben wir die sehr ausführlichen Antworten kategorisiert und quantifiziert. Demnach sollte die Ausbildung unbedingt praxisorientierter sein: durch längere zusammenhängende Praxisblöcke und eine stärkere Verschränkung von Theorie und Praxis.

    "Viiiieeel mehr Praxis, durchgehend zwei Monate. Dann ist es für die SchülerInnen leichter, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen (Lernen geschieht über Beziehung), und sie haben mehr Erfolgserlebnisse sowie einen besseren Einblick in die Arbeit."
    "Mehr alltägliche Themen aufgreifen. Beispielsweise: Was passiert, wenn ein Kind nicht abgeholt wird? Was mache ich bei einem Unfall? Wie gehe ich mit schwierigen Elterngesprächen um?"

    An zweiter Stelle der häufigsten Nennungen steht die Arbeit mit den Eltern: wie Gespräche geführt und schwierige Themen angesprochen werden. Neben der Schulung in Konfliktmanagement wünschen sich die Pädagoginnen auch vermehrt Inhalte zum Umgang mit schwierigen Kindern sowie schwierigen Themen und insbesondere auch eine bessere sonderpädagogische Ausbildung. Der Bedarf an entsprechendem Wissen, um besser auf Kinder und ihre Bedürfnisse eingehen zu können, nehme zu.

    "Missbrauch in der Familie, Todesfälle von Eltern oder Kindern sind wichtige Themen, mit denen wir im Berufsalltag konfrontiert werden und die in der Ausbildung nicht angesprochen werden."

    Akademisierung und Anhebung des Alters

    Nach den drei Top-Nennungen (Praxis, Elternarbeit und Sonderpädagogik) folgen drei Themen, die jeweils 50-mal angeführt worden sind: die Anpassung der Ausbildungsinhalte an die Realität (Stichwort veraltete Ausbildung), eine Vorbereitung auf die umfangreichen Organisationsaufgaben sowie eine Akademisierung der Ausbildung.

    "Alles, was mir dort vermittelt wurde, ist fernab von jener Realität, in der ich nun arbeite. Niemand hat erwähnt, dass es kein Geld für Materialien gibt, kein Engagement von den Eltern, und dass die tollen pädagogischen Angebote, auf die wir gedrillt wurden, in der Realität ganz hinten anstehen und viel wesentlichere Dinge auf der Tagesordnung stehen."

    Viele Pädagoginnen und Pädagogen, die unseren Fragebogen ausgefüllt haben, sprechen sich zwar nicht unbedingt für eine Akademisierung aus, führen aber an, dass eine Elementarpädagogik-Ausbildung ab der Matura zielführender wäre (41 Nennungen). Wer die Ausbildung im Alter von 14 Jahren beginne, sei für die vermittelten Inhalte vielfach "noch zu jung".

    "Eine Ausbildung auf Hochschulebene mit viel Praxis wäre das Ideal. Da ist man bei der Wahl auch in einem Alter, in dem man sich bewusst mit dem Job und allem, was er mitbringt, auseinandersetzen kann. Mit 14 sehen viele den Job durch die rosa Brille und schwenken nach der Ausbildung doch auf etwas anderes um."

    Weitere genannte Punkte, die die Ausbildung verbessern würden, sind die Vermittlung eines realistischeren Berufsbildes, rechtliche Aspekte und Hygienevorschriften, aber auch die Vermittlung von Führungskompetenz oder mehr Pädagogikinhalten für Kinder unter drei Jahren.

    Der Berufsalltag in (zu) großen Gruppen

    "Weiters lernt man ständig über individuelle Betreuung, auf das einzelne Kind einzugehen usw. – bei 25 Kindern unterschiedlichen Alters und noch dazu die meiste Zeit allein in der Gruppe? Nicht möglich."

    Mit der Gruppengröße und dem Betreuungsschlüssel zeigte sich der Großteil der Befragten unzufrieden – ein Punkt, der bereits von vielen Eltern angesprochen wurde. Demnach kommen "eine Pädagogin und eine Helferin auf 25 Kinder", und im Krankheitsfall oder wenn Koch- und Reinigungsarbeiten anstehen, dann sei eine Person mit der ganzen Kindergruppe allein.

    "Ein offenes Geheimnis in der Elementarpädagogik ist, dass ein Acht- oder Neunstundentag ohne jedwede Pause vollkommen normal ist."

    Dieses Missverhältnis von großen Kindergruppen und wenig Personal zeigt sich auch bei der offenen Frage nach strukturellen Verbesserungsmöglichkeiten. Bessere Betreuungsschlüssel und mehr Personal wurden von der überwiegenden Mehrheit der Pädagoginnen und Pädagogen genannt, die an der Umfrage teilgenommen haben.

    "Es ist abgedroschen, aber einfach wahr: ein besserer Betreuungsschlüssel. Ich kann bei 25 Kindern in der Gruppe mit Unterstützung einer Betreuerin nicht individuell auf die Kinder eingehen. Allein der Lärmpegel in der Gruppe ist für viele Kinder unerträglich – die Kinder klagen bei mir, es sei ihnen zu laut, doch wenn 25 Kinder in einem Gruppenraum spielen, dann entsteht dadurch, obwohl niemand laut herumschreit, ein gewisser Lärmpegel."

    An zweiter Stelle wird eine bessere Bezahlung gefordert, gefolgt von mehr Zeit für Vorbereitungsarbeiten und für Gespräche mit Eltern, aber auch bezahlter Weiterbildung und Supervision. Weitere häufiger genannte Punkte, um die Situation in Krippen und Kindergärten zu verbessern, waren Anerkennung und Wertschätzung, zusätzliche Räume und mehr Geld für pädagogisches Material.

    "15 Euro im Monat pro Gruppe – da geht sich nicht mal ein Bilderbuch aus ... ich zahle daher viel aus der eigenen Tasche vom eh schon niedrigen Gehalt, damit ich ordentlich arbeiten kann ..."

    Keine Lobby

    Ansatzpunkte, um die Situation der Expertinnen und der von ihnen betreuten Kinder zu verbessern, gibt es viele: Darin sind sich die befragten Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen einig. In Hinblick auf Verbesserungen hatten wir auch nach einer Interessenvertretung gefragt. 42 Prozent gaben an, gewerkschaftlich organisiert zu sein.

    Die Zusatzfrage "Wie vertreten Sie und Ihre KollegInnen Ihre Interessen?" wurde von einem Viertel der Befragten beantwortet. Genannt wurden Personalvertretung, Betriebsrat, unterschiedliche Gewerkschaften, manche antworteten auch mit "Gar nicht" – zudem wurde geäußert, dass viel zu wenig passiere und die Elementarpädagoginnen und -pädagogen keine Lobby hätten.

    "Das Problem im Bereich der Elementarpädagogik ist, dass es nicht EINE starke Gewerkschaft gibt, sondern viele kleine Personalvertretungen, und eine gemeinsame Organisation schwer möglich ist. Ich finde es auch schade, dass uns der Mut fehlt, landes- und bundesweit zu demonstrieren oder auch mal einen Tag zu streiken, um auf unsere Sorgen und Probleme aufmerksam zu machen. Es gab zwar bereits Demonstrationen, die aber teilweise nicht auf Hauptstrecken geführt wurden und immer nur am Wochenende stattfanden. Somit haben sie niemanden gestört, wurden aber auch nicht gehört!"

    Variierende Bedingungen

    Nicht nur die Interessenvertretungen, auch die Arbeitsbedingungen variieren je nach Bundesland und den Trägerorganisationen der Betreuungseinrichtungen.

    "Möchte man den Kindergarten bzw. Träger wechseln, werden meist die Vordienstzeiten nicht angerechnet, so dass man nach zehn Jahren Berufserfahrung wieder wie im ersten Berufsjahr angestellt wird."

    Hier könnten bundesweite Standards zu Transparenz und Fairness sowie besseren Arbeitsbedingungen führen. Nicht zuletzt wies manch eine Elementarpädagogin auf ein erforderliches Umdenken in der Gesellschaft hin: "Dieser Beruf ist mehr als 'nur Spielen und Basteln'." (Daniela Yeoh, 10.12.2018)

    Hinweis zur Umfrage
    An der STANDARD-Umfrage vom 6. bis 13. September 2018 haben 219 Eltern und 588 Elementarpädagoginnen und -pädagogen teilgenommen. Diese Umfrage ist weder repräsentativ für die gesamte STANDARD-Community noch für die österreichische Bevölkerung. Die Fragen waren zum Teil offen gestellt (ohne Antwortvorgaben), um den Anliegen möglichst viel Raum zu lassen. Für die Auswertung haben wir diese Antworten kategorisiert.

    Nachlese

    • Von kleineren Gruppen im Kindergarten würden Personal und Kinder profitieren.
      foto: apa/dpa/peter kneffel

      Von kleineren Gruppen im Kindergarten würden Personal und Kinder profitieren.

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