Mein 68 – Eros zwischen Löwinger und Dutschke

    30. Oktober 2018, 10:38
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    In der Anthologie "1968 – Roll over and over again ..." erzählen Persönlichkeiten aus Politik und Kultur kaleidoskopisch, was 1968 für sie war

    Im Jahr 1968 war ich acht. Es war das Jahr, in dem wir im Dorf als Erste einen Fernseher bekamen. Heimlich hatte der Vater ihn gekauft, da die Mutter niemals zugestimmt hätte. Für sie war es verschwendetes Geld, da wir weder eine Warmwasserleitung, geschweige ein Bad oder Klo im Haus hatten. Aber mit dem Einzug des Fernsehers wurde unser Haus zu einer Attraktion. Die Leute kamen zu uns fernsehen, als gingen sie ins Kino. Samstagabends, wenn die Löwinger-Bühne ausgestrahlt wurde, waren alle, die gehen konnten, bei uns versammelt und vergnügten sich am "Burgtheater des kleinen Mannes". Der Liebling aller war Paul Löwinger, der trotz seines fortgeschrittenen Alters den begehrenswerten Junggesellen spielte, der sich am Ende des Stücks meist mit seiner wirklichen Tochter Sissy Löwinger verehelichte.

    Meiner Mutter war es oft lästig. Immerhin war der Samstag auch der Badetag in der Woche. Es musste eine Blechwanne aufgestellt und heißes Wasser vom Häfen auf dem Herd in die Wanne geschüttet werden. Dann durfte einer nach dem anderen in der Familie in das Wasser steigen. Ich war die Erste, es schien mir unerträglich, im schmutzigen, mit Hautschuppen und einer Fettschicht verseuchten Wasser der anderen zu baden. Wenn aber die Löwinger-Bühne auf dem Programm stand, mussten wir mit der Körperpflege warten, bis die letzten Fernseher gegangen waren. Da meine Mutter immer als Letzte ins Bad stieg, wurde es für sie oft sehr spät, bis sie ins Bett kam.

    Ich nützte die Macht des Fernsehers gerne aus, indem ich bestimmte, welche Kinder zum Nachmittagsprogramm kommen durften, wenn die Eltern auf dem Feld oder im Stall waren. Ich stieg in der Gunst der Nachbarskinder und genoss es, dass sie um mich buhlten. So stieg ich 1968 in der Hierarchie der Dorfkinder und nutze meine Stellung so weit aus, dass ich sogar Eintritt für mein Kino verlangte.

    Mein Vater liebte das Fernsehen vor allem wegen der bebilderten Nachrichten und versäumte kaum eine Zeit im Bild um 19.30 Uhr. Meist kommentierte er lautstark, was er sah. Für die Studentenunruhen in Deutschland hatte er wenig Verständnis. Auch die Mutter lästerte über das Volk der Studenten, die nur Unruhe in die sonst so friedliche Welt brächten. Und da sah ich ihn und war elektrisiert: Rudi Dutschke. Mein Herz schlug schneller, ich war gebannt, konnte nicht mehr wegsehen, aber ich wusste nicht warum. Ich hatte auch keine Ahnung, was er sagte, aber ich spürte, so wie er es sagte, dass es bedeutungsvoll war. Mir gefiel sein scharf geschnittenes Gesicht, mit dem durchdringenden Blick, seine Frisur mit der ins Gesicht fallenden dunklen Strähne, mir gefiel der große, weite Pullover. Mir gefiel der energische Schritt, mit dem er Demonstrationen anführte, und ich verstand nicht, wieso meine Eltern nicht genauso begeistert von ihm waren wie ich. Ich wurde zu einer eifrigen Zeit im Bild-Seherin, immer in der Hoffnung, dass Rudi Dutschke bei einer Rede oder bei einer Demonstration gezeigt wurde. Dass ich erotisiert von seiner Ausstrahlung war, begriff ich erst später. Damals wusste ich nicht, was mich an ihm anzog, aber ich wusste intuitiv, dass die Eltern nicht recht hatten, wenn sie ihn und die Studentenbewegung heruntermachten. Und so war Rudi Dutschke Anlass für meinen ersten politischen Aufstand gegen meine Eltern. Ich stellte ihr Denken und ihre politische Gesinnung infrage: Wie konnte ihnen der ständig an seinem Hosenlatz fummelnde Paul Löwinger gefallen und Rudi Dutschke nicht? Was Dutschke tat, konnte nur gut und richtig sein, so ernsthaft wie er redete und agierte.

    Doch dann kam der 11. April. Das Rad lag wie hingeknallt auf dem Boden. Daneben die weiße Kreidezeichnung mit den Umrissen des Opfers, dazwischen die beiden Schuhe. Rudi auf der Bahre. Nein, es war kein Unfall, es war ein Mordanschlag. Mit zwei Schüssen in den Kopf, einer ging in die Schulter. Schwer verletzt überlebte er. Die Proteste gingen weiter. Aber ohne ihn. Er musste sich erst wieder mühsam ins Leben zurückkämpfen, sehen lernen, sprechen lernen, lesen lernen. Seinem potenziellen Mörder Josef Bachmann schrieb er Briefe ins Gefängnis, dass er ihm keine Schuld gebe, sondern der Springer-Presse, mit der Bild-Zeitung und der Welt, die das Volk gegen Dutschke aufgehetzt habe, und dass er Bachmann daher verzeihe. Bachmann antwortete Dutschke. Er bereute, was er getan hatte. Bachmann beging in der Haft Selbstmord. Am Weihnachtsabend 1979 starb Dutschke an den Spätfolgen des Attentats. Am Tag seines Begräbnisses am 3. Jänner 1980 beging Axel Springers Sohn, der Fotograf Sven Simon, Selbstmord.

    Rudi, ich vermisse dich!

    Anlässlich der Beschäftigung mit meinem Jahr 1968 habe ich mir auf Youtube ein beinahe einstündiges Interview von Günter Gaus mit Rudi Dutschke von 1967 angesehen. Was er sagte, war so aktuell, als hätte er es heute gesagt: "1918 wurde der Achtstundentag erkämpft. 1967 arbeiten unsere Arbeiterinnen und Arbeiter (er hat wirklich gegendert!) und Angestellten lumpige vier bis fünf Stunden weniger pro Woche. Und das bei einer umgekehrten Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die eine wirklich sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnte. Aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewusstlosigkeit – das hat mit der Länge der Arbeitszeit zu tun – aufrechtzuerhalten!" Rudi, ich vermisse dich! (Gabriele Kögl, 30.10.2018)

    Gabriele Kögl ist Autorin und lebt in Wien. Für ihr Debüt wurde sie mit dem Brentano-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien die Erzählung "Höllenkinder" (€ 24,90 / 180 Seiten, Edition Roesner, 2016). Das Buch wird am Samstag, 10. 11., auf der Buch Wien 2018 (STANDARD-Bühne) präsentiert.

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      cover: edition roesner
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