Raus aus der Filterblase

    5. November 2018, 11:49
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    Sich eine Meinung zu bilden erfordert mehr als eine Google-Recherche. Es ist harte Arbeit

    Der Jurist und Autor Eli Pariser (*1980) hat in seinem Buch The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You schon 2011 darauf hingewiesen, dass jeder von uns beispielsweise auf Google völlig andere Suchergebnisse bei ein und demselben Begriff geliefert bekommt.

    Studien gehen davon aus, dass jedoch nur zwei Drittel der Menschen von dieser Algorithmuszensur Kenntnis besitzen. Die meisten User glauben immer noch an ein "Standard-Google", das es längst nicht mehr gibt.

    Klar ist heute, dass digitaler Lobbyismus nicht nur für Google und Facebook gilt, sondern sich über das gesamte Internet erstreckt. Wenn 80 Prozent unserer Weltsicht manipuliert oder, etwas feiner ausgedrückt, "personifiziert" sind, dann führt das in eine gesteuerte, schwer transparente und unbewusste "Filterblase".

    Echokammereffekt

    In der Kommunikation spielt der sogenannte "Echokammereffekt" eine wichtige Rolle: Darunter versteht man, dass viele Menschen durch digitale Bestätigung und vorgefilterte, personalisierte Weltbetrachtung zu ihren Meinungen gelangen. Die Gefahr, wenn sie online recht bekommen und analog scheitern, bedroht nicht nur die Demokratie, sondern vor allem unser tägliches Miteinander.

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    Teil 5 unserer Serie "Sprich!"

    Auffallend ist zudem, dass seit einigen Jahren sowohl im öffentlich geführten politischen Diskurs als auch in den privaten Haushalten die Grabenbrüche zwischen Linken und Rechten, Alten und Jungen, Männern und Frauen etc. eine Renaissance erleben. Dabei weht ein rauer Wind durch die Behauptungen und Standpunkte. Viele überzeugte Gemüter halten flammende Reden und deklarieren sich als Wutbürger. Jugendliche sind heute zwar politisch nicht zwingend interessierter, aber viele klingen deutlich überzeugter von der eigenen Meinung als früher. Spannend, denn Ende des vergangenen Millenniums waren sich viele Teenager oftmals gar nicht so sicher, ob ihre Argumente das mögliche Gelbe vom Ei sind. Hat die wesentlich überzeugtere Attitüde weniger mit einer qualifizierten Haltung oder mit der Rückendeckung aus dem Elternhaus zu tun als mit zustimmenden Algorithmen?

    Konfrontativer Diskurs

    Nachdem uns heute die eigene interne "Echokammer", noch lange bevor wir in den sozialen Medienwald rufen, mit vorselektierten Sichtweisen zurückschallt, verlernen wir zusehends, einen konfrontativen Diskurs zu führen.

    Fazit: Wer nur für die Masterthesis lernt, seine Argumente abzuwägen und Meinungen einander gegenüberzustellen, der verarmt sprachlich. Im Trainingsalltag beobachte ich, dass es für viele harte Denkarbeit bedeutet, "sich eine Meinung zu bilden". Selten recherchieren die Menschen. Lieber finden sie Meinungen. Wie praktisch, denn beide wurden bereits für ihre Suche online aufbereitet. (Tatjana Lackner, 5.11.2018)

    Tatjana Lackner ist Geschäftsführerin der Schule des Sprechens. Ihr aktuelles Buch "Business-Rhetorik to go: Sprechen 4.0" ist im Verlag Austrian Standard erschienen. www.sprechen.com


    Teil 1 der Serie: Sprich besser als Siri und Alexa

    Teil 2 der Serie: Gut vorbereitet zur Gehaltsverhandlung

    Teil 3 der Serie: Sprachliche Präzision beginnt im Kopf

    Teil 4 der Serie: Framing: Sprache erzeugt Stimmungen

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