Lieferservices: Niedriger Lohn für harte Arbeit

    9. November 2018, 08:00
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    Lieferdienste sind für Kunden praktisch. Für die Mitarbeiter bedeuten sie geringen Lohn und hohe Belastung. Ein Gastbeitrag

    Ich treffe Berat und Ayaz an einem Sonntagabend. Es ist der erste Abend seit fast einer Woche, an dem sie frei haben. Die beiden arbeiten nicht nur als Lieferanten für denselben Lieferservice eines Lebensmittelgeschäfts, sie sind auch Brüder. Noch bevor sie von ihrem Arbeitsalltag erzählen, betonen sie, wie sehr sie ihre Arbeit schätzen.

    Ihr Dienst beginnt um neun Uhr im Lager, wo sie ihren Kleintransporter für die erste Fahrt beladen. Dreimal pro Tag müssen sie je 900 Kilo einladen, ausladen und in Wohnungen schleppen. Eine Stunde haben sie für das Beladen Zeit, und um zwölf Uhr endet für sie bereits das Zeitfenster der ersten Tour. Zeit ist in ihrem Job ein zentraler Faktor. Wenn sie nur fünf Minuten später vor der Tür stehen als gewünscht, gibt es Kunden, die die Ware nicht annehmen und sie wegschicken.

    Enges Zeitkorsett

    Das Logistikprogramm, das ihre Fuhren berechnet, kennt weder schwierige Kunden noch Probleme mit Verkehr oder Witterung. Es erlaubt ihnen pro Kundschaft maximal zwölf Minuten. Wenn sie nur einmal länger brauchen, sind sie den ganzen Tag über auf der Jagd nach der verlorenen Zeit.

    Mehr Zeit kostet es auch, wenn im Haus kein Lift ist. Aber ausgerechnet diejenigen, die keinen Lift im Wohnhaus haben, bestellen Getränke und andere schwere Lebensmittel, damit sie diese nicht selbst hochschleppen müssen. Zwar sind sie noch jung, Berat ist 24 Jahre alt, und Ayaz ist gerade erst 23 Jahre alt geworden, sie wirken auch energiegeladen. Trotzdem kommen sie täglich an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

    Teil 4 unserer Serie "Die neuen Prekären"

    Auch ihren Kollegen, von denen keiner älter als 41 Jahre ist, ergeht es so. Ayaz meint, mit drei bis vier Arbeitstagen kämen sie bereits auf eine 45- bis 50-Stunden-Woche. Berat widerspricht, bei ihm seien es regelmäßig sogar noch mehr Stunden. In der Regel sind sie von der Früh bis 21.30 Uhr im Einsatz. 1.350 Euro brutto erhalten sie für ihre Schinderei am Ende des Monats, ein Einkommen nur knapp über der Armutsgrenze. Und das, obwohl sie Vollzeit angestellt sind und trotz der Zwölfstundentage. Die beiden sind Teil der rund 313.000 "Working Poor" in Österreich, die trotz Arbeit unter Armut leiden. Fast die Hälfte der "Working Poor", rund 140.000 Personen, besitzen keine österreichische Staatsbürgerschaft, auch zu dieser Gruppe gehören Ayaz und Berat.

    Ausländische Arbeitskräfte

    Ayaz ist trotz seines jungen Alters bereits verheiratet und hat einen Sohn, der gerade ein Jahr alt geworden ist. Er erzählt, dass er mit Baby, karenzierter Frau und seinen Eltern zusammen in einer Dreizimmerwohnung wohne. Berat unterstützt sie. "Man arbeitet nur für den Erlagschein. Keiner hat eine eigene Kasse, alle legen zusammen, sonst funktioniert es nicht", sagt Berat ganz selbstverständlich. Denn auch ihre Eltern müssen mit einem bescheidenen Gehalt über die Runden kommen. Ihre Mutter arbeitet als Pflegerin, ihr Vater ist einer der vielen Haustechniker in einem der großen Gebäude in Kaisermühlen.

    Ausländische Arbeitskräfte verdienen in Österreich um 22 Prozent weniger als inländische. Im Jahr 2015 wurden sie im Mittel mit 1.879 Euro brutto entlohnt. Das sind um 533 Euro weniger als bei österreichischen Arbeitskräften. Nur drei Viertel davon lassen sich durch Unterschiede in Alter, Ausbildungsniveau, sozialer Stellung, Branchenzugehörigkeit und Beschäftigungsstabilität erklären. Während inflationsbereinigte Löhne von Inländern von 2000 bis 2015 um neun Prozent stiegen, schrumpften die der ausländischen Beschäftigten um 3,2 Prozent.

    Beide Brüder haben eine Lehre abgeschlossen, Berat ist Koch, Ayaz Haustechniker. Ich frage, ob sie nicht lieber etwas anderes arbeiten würden? Beide verneinen entschlossen: "Wir tun etwas Gutes für die Leute, denn wir bringen ihnen, was sie brauchen. Deswegen mache ich es so gerne. Ich helfe Leuten, wenn ich Zeit dafür habe, auch ohne dass sie mir Trinkgeld geben. Und wir wissen ja, bei wem Hilfe notwendig ist, wir kennen unsere Kunden. Es gibt etwa eine alte kranke Frau, der sortiere ich die Einkäufe in die Küchenschränke. Die Frau hat keine Beine, ich verräume ihr alles, weil sie mir so leidtut, auch wenn ich keine Zeit dafür habe." Das Helfen macht Berat sichtlich Freude, er strahlt richtig, während er darüber redet. (Veronika Bohrn Mena, 9.11.2018)

    Veronika Bohrn Mena ist in der Interessenvertretung der Gewerkschaft GPA-djp mit Schwerpunkt atypische Beschäftigung tätig. Ihr Buch "Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen" ist im Verlag des ÖGB erschienen.

    Weiterlesen:

    1. Teil: Was es bedeutet, prekär zu arbeiten

    2. Teil: Wie ein Leiharbeiter seine fünfköpfige Familie erhält

    3. Teil: Teilzeit ist nicht immer freiwillig

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    • Veronika Bohrn Mena beschäftigt sich seit Jahren mit atypischen Arbeitsverhältnissen und den Veränderungen der Arbeitswelt.

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