Wenn das Blaulicht brunzelt – eine neue Gefahr für unsere Polizei

Kolumne29. Oktober 2018, 10:27
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Dem von der Gemeinde Wien großzügig mitalimentierten Weltblatt "Heute" wurde ein Video zugespielt, das Schockierendes auf dem Praterstern zeigt

Alle schreiben über Khashoggi, Brexit und Bombenpost, aber die schärfste Exklusivmeldung hat wieder einmal Heute aufgerissen und damit nebenher bewiesen, dass man mit jedem Schiff in die Zeitung kommen kann.

Dem von der Gemeinde Wien großzügig mitalimentierten Weltblatt wurde nämlich ein elf Sekunden langes Video zugespielt, das Schockierendes auf dem Wiener Praterstern zeigt: einen von hinten gefilmten Herrn, der ungeniert einem stehenden Polizeiauto auf die Haube uriniert.

Das ist ausgesprochen unschön. Erstens wird das Anpischen eines Autos zu Recht generell als Zeichen mangelnder Ehrerbietigkeit gegenüber dem Fahrzeughalter interpretiert. Zweitens wäre ein Polizeiauto, das im Fall eines Banküberfalls mit einem brunzelnden Blaulicht am Tatort vorfährt, eine Zumutung für alle an der Amtshandlung Beteiligten.

Die Causa ist auch ein Armutszeugnis für unseren Innenminister. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt hat er es zwar geschafft, unsere Geheimdienste in ihre Einzelteile zu zerlegen. Dass sich aber mitten in Wien anarchische Harnsitten breitmachen, kümmert ihn offenbar nicht.

Der STANDARD-Redakteur in Caracas

Außerdem hätte der schwer zu erkennende Herr ein Ausländer sein können! Wer garantiert uns Österreichern, dass es sich nicht um einen pieselnden Perser, seichenden Syrer oder wischerlnden Westafrikaner gehandelt hat? Schließlich werden es ja keine autochthonen Heute-Redakteure sein, die am Praterstern verkleidet auf die kleine Seite gehen, um sich ihre journalistischen Scoops selber zu basteln.

Lassen Sie mich diese sorgenvolle Kolumne mit einer Anekdote und einem Ratschlag beschließen. Vor vielen Jahren, in den 1990ern, legte ein lieber Ex-Kollege beim STANDARD während eines Segeltörns in der Karibik in Caracas an. Kurz nachdem er an Land gegangen war, wurde er von einem solch heftigen Harndrang überrascht, dass er sich in seiner Not an der nächstbesten Hauswand erleichterte.

Leider hatte er nicht bemerkt, dass sich hinter der Hauswand ein venezolanisches Kommissariat verbarg. Die Polizisten, die ihn von innen heraus interessiert beobachtet hatten, baten ihn sogleich herein und verabreichten ihm eine Tracht Saures, die er so schnell nicht vergessen sollte. Daher der Ratschlag: Wenn Sie je in Caracas Ihre Notdurft verrichten müssen, dann besser auf einer öffentlichen Toilette. (Christoph Winder, 29.10.2018)

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    foto: imago
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