Zerfall der Habsburger-Monarchie: Nicht nur der Krieg war schuld

Blog2. November 2018, 07:16
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Vor 100 Jahren zerfiel Österreich-Ungarn. Die Niederlage im Krieg war der Anlass des Zerfalls, aber nicht seine Ursache

"Seine Ergriffenheit mache es ihm fast unmöglich zu sprechen" – dieses Versagen der Stimme wurde im Protokoll des k. k. Ministerrats vom 11. November 1918 vermerkt, als Eisenbahnminister Karl Freiherr von Banhans feststellte, dass der Ministerrat zu seiner letzten Sitzung zusammengetreten sei. Am selben Tag verzichtete Kaiser Karl auf eine Anteilnahme an den Staatsgeschäften.

Doch am 11. November 1918 existierte die Habsburger-Monarchie faktisch nicht mehr, die Macht hatten schon ab Ende Oktober überall Nationalräte übernommen. Der 11. November ist der symbolische Schlussstrich unter den bereits vollendeten Zerfall der Habsburger-Monarchie. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg war der Anlass des Zerfalls, aber nicht seine Ursache.

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Die Ausrufung der Republik am 12. November 1918.

"(...) tritt ein ganz neuer Streikanlass auf, der Mangel an Lebensmitteln (...)"

Der Prozess des definitiven Verfalls der Monarchie setzte bereits Ende 1916 ein und äußerte sich zunächst in einer Häufung von Streikbewegungen in ganz Österreich, die sich 1917 exorbitant steigerten. Ursache war eine zunehmende Verschlechterung der Versorgungslage der Bevölkerung, die aber nicht durch einen Rückgang der Produktion, sondern durch eine Sperrung der wichtigsten Eisenbahnstrecken zugunsten von Militärtransporten ausgelöst worden war. Sowohl die russische Brussilow-Offensive 1916 als auch die Kriegserklärung Rumäniens lösten massive Truppenverschiebungen aus, die die Versorgung des Hinterlands zum Stocken brachten. Dadurch konnten auch die Städte – und von hier aus das Land – nicht mit Kohle für den Winter versorgt werden. Während der kältesten Wochen des Krieges im Februar und März 1917 waren die Kohlelager leer.

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Zeitgenössische Karikatur zum "Wirkungskreis" des letzten k. k. Ministerpräsidenten Heinrich Lammasch. (Aus: Der Morgen. Wiener Montagsblatt, 11. November 1918)

Der Wert des Geldes beruht auf der Sicherheit, es gegen benötigte Güter eintauschen zu können; ist es dazu nicht in der Lage, wird es wertlos. Genau dies geschah, als die Landwirte zwar Geld aus dem Verkauf ihrer Ernte hatten, aber wegen der Versorgungsschwierigkeiten nichts dafür kaufen konnten. Viel stärker als zuvor verheimlichten sie ab Herbst 1916 ihre Ernte, um sie unmittelbar gegen ihre Bedarfsgüter zu tauschen. Die staatliche Verwaltung erwies sich als unfähig, die Ernte zu erfassen, konnte so nicht ausreichend Nahrung aufkaufen und hatte daher 1917 und 1918 nicht genug Nahrung, um die Bevölkerung mit den ohnehin knapp bemessenen Rationen zu versorgen. Im Jänner 1918 mussten die Mehlrationen gekürzt werden, doch auch dafür reichte das Mehl nicht, im Juli 1918 fehlten 60 Prozent der benötigten Menge. Nur wichtige Zentren wurden noch versorgt, besonders Wien und die Kohleregion Mährisch-Ostrau. Den Rest des Landes überließ man sich selbst.

"Den Apparat, um diesen illegalen Verschleppungen Einhalt zu tun, kann ich mir gar nicht vorstellen (...)"

Zu dieser Erkenntnis kam der Ernährungsinspektor Ottokar Freiherr von Herzogenberg am 19. September 1918, als er Rückkehrer einer Hamsterfahrt nach Wien beobachtete. Denn es fehlten nicht die Lebensmittel an sich, sie fehlten nur der staatlichen Verwaltung. Im Schleichhandel tauchte die von den Landwirten zurückbehaltene Ernte wieder auf. Von den hungernden Städtern verlangten sie die von ihnen benötigten Güter: Kohle, Schuhe, Kleider. Da es diese nicht ausreichend zu kaufen gab, wurden Diebstahl, Unterschlagungen und dergleichen existenzielle Grundlagen der Versorgung.

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Streikende Arbeiter versammeln sich am 14. Jänner 1918 in Wiener Neustadt.

Für den Staat wurde der Schleichhandel zu einem sich verschlimmernden Teufelskreislauf: Durch die fehlende Kontrolle über die Ernte hatte Österreich nicht ausreichend Nahrung zu verteilen. Daher musste sich die Bevölkerung im Schleichhandel versorgen und beschaffte sich illegal Tauschgüter für die Landwirte. So verlor der Staat auch die Kontrolle über die anderen Güter. Die Folge war eine steigende Umleitung von Ressourcen aus der vom Staat geplanten Kriegs- in die unkontrollierte Schattenwirtschaft. Trotz steigender Zufuhren litten die Eisenbahnen zunehmend unter Kohle-, die Rüstungsbetriebe unter Rohstoffmangel.

Durch die ständige Zurückstellung ziviler Bedürfnisse hinter die militärischen – gerade bei der Eisenbahnnutzung – musste das Versorgungsminimum unterschritten werden. So schuf die Eisenbahnpolitik die Abhängigkeit vom Schleichhandel, die die gesamte Kriegswirtschaft kollabieren ließ.

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Foto eines Schwarzmarkts in Wien unmittelbar nach dem Ende der Monarchie, vorher wäre das Bild der Zensur zum Opfer gefallen. (Aus: Das interessante Blatt, 14. November 1918)

Ironisch ist, dass ausgerechnet dem Verwalter dieses Mangels, Eisenbahnminister Banhans, die Stimme versagte, als er am 11. November 1918 das Ende des k. k. Ministerrats und so auch der Monarchie schlechthin konstatierte. Faktisch war die Macht ohnehin bereits seit Ende Oktober vom Ministerrat auf die Nationalräte der Nachfolgestaaten übergegangen, in Wien auf den Staatsrat, der nun die Geschicke der neu entstehenden Republik Österreich lenkte. (Anatol Schmied-Kowarzik, 2.11.2018)

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