Auslassungen und irreführende Darstellungen – Kritikwürdiges auf ORF 3

    Kommentar der anderen28. Oktober 2018, 17:33
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    Anmerkungen zum Nationalfeiertagsprogramm im Hauptabend

    Die beiden Sendungen von ORF 3 am Nationalfeiertag zwischen 20 und 22 Uhr zu "100 Jahre Republik" sind mehrfach kritikwürdig. Ich nenne drei Punkte:

    1. Kleinere Fehler und Auslassungen. Ich korrigiere, dass die Absage von Schuschniggs Volksabstimmung nicht am 10., sondern am 11. März erfolgte. Für 1945 vermisste ich die Nennung des Gründungsdatums der Zweiten Republik am 27. April, den Einmarsch der Westtruppen in Wien im August und die Ausweitung der Autorität der Renner-Regierung auf ganz Österreich. Die grundlegende Weichenstellung im Mai 1945, dem kommunistischen Wunsch nach einer neuen Verfassung – in Richtung Volksdemokratie – zu widerstehen und zur Verfassung von 1920 in der Fassung von 1929 zurückzukehren, auf Adolf Schärf zurückgehend, wird nicht erwähnt.

    2. Teilweise irreführende Darstellung der Zeremonie am Schwarzenbergplatz am 27. Juli 1955 – der Staatsvertrag tritt in Kraft und die Autorität des Alliierten Rates wird beendet. Es wird das Niederziehen einer alliierten Flagge gezeigt und darauffolgend mit den Worten, die österreichische Flagge werde hochgezogen, das Aufziehen einer österreichischen Flagge gezeigt. Aber: Auf dem Haus der Industrie wurde keine österreichische Flagge gehisst! Ich kann dies persönlich bezeugen, denn ich stand auf dem Schwarzenbergplatz direkt gegenüber dem Haus der Industrie und war sehr enttäuscht und verärgert, dass in diesem symbolischen Augenblick keine österreichische Flagge gehisst wurde. Wie ich später erfuhr, wurde auf der Hofburg die österreichische Flagge gehisst. Aus dem Text und der Bildfolge im ORF-Film muss aber der Eindruck entstehen, dass der Flaggenwechsel auf ein und demselben Gebäude erfolgte.

    3. Zuletzt, und ich schreibe das mit Empörung: Über das Schicksal der österreichischen Juden wurde überhaupt nicht berichtet. Vom Pogrom in Wien, in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938 einsetzend und tagelang wütend, kein Wort. Ich empfehle die Lektüre von Carl Zuckmayers Autobiografie Als wär's ein Stück von mir, wo er schreibt, dass nichts, was er je erlebt habe, mit diesen März-Tagen in Wien vergleichbar wäre. "Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde." (Gerald Stourzh, 28.10.2018)

    Gerald Stourzh (Jahrgang 1929) ist Historiker. Als Professor lehrte er von 1964 bis 1969 an der Freien Universität Berlin und ab 1969 bis zu seiner Emeritierung 1997 an der Universität Wien.

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