Warum Europas Sozis wirklich im steilen Sturzflug sind

    Blog28. Oktober 2018, 13:17
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    Nur selten kommt einer hoch, der sich nicht mit den herrschenden Eliten arrangiert hat

    der standard

    In den letzten Wochen bin ich viel zwischen Berlin, Dresden, Wien, Tschechien und sonstwo unterwegs, und überall sind die gleichen Themen beherrschend: die antidemokratische Verschärfung auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die Defensive der Demokraten und die Krise der Linken. Und es gibt eine Reihe scheinbar guter Ratschläge: dass die Linken sich wieder mehr den einfachen Leuten zuwenden müssten und ihren gesellschaftsliberalen Klimbim verräumen müssten – als hätten die Sozialdemokraten und andere Linken damit aufgehört, glaubwürdig den Kapitalismus zu zähmen, dieses wild gewordene System, weil sie angefangen haben, sich um die Rechte von Schwulen und Lesben oder Einwanderern zu kümmern. Als hätten sie ihre Glaubwürdigkeit verloren, weil sie zu sehr auf ihre menschenrechtlichen Prinzipien bestanden hätten, und nicht, weil sie auf allen Ebenen seit Jahrzehnten viel zu wenig zu ihren Prinzipien gestanden sind.

    Um das so simpel und verständlich wie möglich auszudrücken: Du kannst mit einem Arbeiter sprechen und ihm erklären, dass es, leider leider, sorry to say, nicht möglich ist, einen existenzsichernden Lohn und anständige Renten zu garantieren, es wäre ja schön, aber es geht halt nicht wegen der Wettbewerbsfähigkeit, man muss da maßvoll sein – und dann im nächsten Moment mit einem CEO der Finanzindustrie reden und ihm sagen, dass man selbstverständlich seine Wünsche wohlwollend prüfen wird. Und genauso, seien wir uns doch ehrlich, spricht der Sozialdemokrat und Mitte-links-Politiker der vergangenen Jahrzehnte.

    Oder aber du kannst zu dem Arbeiter sagen, dass er sich sicher sein kann, aber hundertprozentig sicher, dass du hinter allen seinen Forderungen stehst und Tag und Nacht dafür kämpfen wirst, dass man da Schritt für Schritt weiter kommt und dem Banker erklären, dass es aber selbstverständlich, aber ganz selbstverständlich völlig ausgeschlossen ist, dass man seinen Wünschen nachkommt. Was er sich eigentlich einbildet!

    Und es gibt noch ein zweites Problem, welches Armin Thurnher im jüngsten "Falter" den "Elefanten im Raum" genannt hat, das Phänomen, über das man nicht spricht, weil es zu peinlich ist, nämlich: Unabhängig von allen politischen Inhalten, Strategieratschlägen, ist es auch immer eine Frage des glaubwürdigen Personals. Wo wären den die Protagonisten, die auch nur irgendeine Linie glaubhaft verkörpern können? Die glaubhaft verkörpern können, dass sie wie Löwen für die einfachen Leute kämpfen würden? Dass man sich auf sie verlassen kann? Wo gibt es überhaupt noch diese Figuren, die glaubhaft verkörpern, ohne jeden Zweifel, dass sie sich nie mit den herrschenden Eliten arrangieren werden?

    Nur selten kommt jemand hoch, der sich noch nicht mit den herrschenden Eliten arrangiert hat. Und wenn, dann wird er oder sie von den Protagonisten der Apparatschik-Routine bis aufs Blut bekämpft. (Robert Misik, 28.10.2018)

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