Chuwi Hi9 Pro: Gaming-Tablet für 160 Euro im Test

    29. Oktober 2018, 11:50
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    Hersteller bewirbt "Gaming Terminator" mit Spieleeinsatz trotz schwacher Performance – LTE und GPS als Pluspunkte

    Mobiles Gaming kommt langsam aus den Startlöchern. Das haben mittlerweile auch die Hardwarehersteller herausgefunden und bieten seit geraumer Zeit zielgruppengerechte Geräte an. Da wäre etwa Xiaomis Blackshark, das Honor Play oder das aktuell als das schnellste Android-Handy geltende Asus ROG. Auch Huaweis neues Mate 20 X soll Spielefreunde ansprechen.

    Was mit Smartphones geht, geht auch mit Tablets, dachte sich da die chinesische Firma Chuwi. Konkurrieren will man allerdings nicht mit teuren Leistungswundern, sondern man wirbt mit einem Spieleerlebnis für kleines Budget in Form des Hi9 Pro. Beworben wird es als "Gaming-Terminator" für rund 150 Euro, als Bonus gibt es LTE-Support. Ob es sich wirklich um eine "Killermaschine" für Spiele handelt, hat der STANDARD herausgefunden.

    foto: derstandard.at/pichler

    Basics

    Das Tablet kommt in einem rundum schwarzen Gehäuse daher, mit Ausnahme des roten Ein/Aus-Buttons. Die Rückseite besteht großteils aus Aluminium. Einzig die kürzeren Seiten sind in Kunststoff eingepackt. Hier befindet sich auf der Oberseite (dort, wie die Frontkamera sitzt) auch der Einschub für zwei nanoSIM-Karten oder eine SIM-Karte und eine microSD-Karte zur Erweiterung des Onboardspeichers von 32 GB.

    Der Bildschirm bringt eine Diagonale von 8,4 Zoll im 16:10-Format mit. Die Auflösung ist für diese Preisklasse sehr hoch. Sie liegt bei 2.560 x 1.600 Pixel. Zum Einsatz kommt ein LCD-Panel, das in der Standardeinstellung etwas auf der blassen Seite ist. Eine nachträgliche Anpassung ist über das "Miravision"-Feature in den Systemeinstellungen aber möglich. Unveränderlich ist allerdings das leichte "Lightbleeding", welches das Testgerät im oberen linken Eck aufwies.

    Die Verarbeitung ist okay für diese Preisklasse. Es ist offensichtlich, dass es sich nicht um ein teures "Premium"-Gerät handelt. Die Lautstärkewippe und Einschalttaste wabbeln merkbar, grobe Mängel gibt es aber nicht. Das Display ist nicht mit dem Gehäuse verklebt, sondern mit kleinen Haken "angeklippt". Sollte man also selbst etwas an dem Gerät reparieren wollen, soweit dies eben möglich ist, ist der Zugang zum Innenleben recht einfach.

    Hardware aus 2016

    Das wichtigste "Organ" des Hi9 Pro ist ein Mediatek X20-Prozessor, dem drei GB RAM an die Seite gestellt werden. Der Rechenknecht bringt ganze zehn Kerne mit, was auch in der Werbebotschaft abgebildet wird. Tatsächlich handelt es sich auch um einen Highendprozessor. Allerdings um einen der Saison 2016.

    Er stand damals in Konkurrenz mit dem Snapdragon 820. Benchmarks, die beide Chip in Sachen CPU-Performance als gleichauf zeigen, verraten aber nur die halbe Wahrheit. Denn für solche Scores musste schon gezielt auf reine Multicore-Performance geprüft werden. Und die integrierte Grafikeinheit (Mali T-880 MP4) war selbst jener des Snapdragon 810 aus 2015 unterlegen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Benchmarks

    Das wirft natürlich Fragen hinsichtlich der Gaming-Tauglichkeit im Jahr 2018 auf. Eine erste Antwort liefern Benchmarks. Rund 100.000 Punkte schafft das Hi9 Pro im Allroundtest Antutu. Ein Vergleichsgerät lässt sich nicht nennen, weil die Rangliste der App nur bis Platz 50 angezeigt wird. Während das Spitzengerät (Asus ROG) an der 300.000er-Marke kratzt, liegt die Nummer 51 (Huawei Nova 3i) immerhin noch bei 138.000.

    Anders beim reinen 3D-Grafiktest 3DMark. Etwas über 700 Punkte kommen hier zusammen, der Score ist in etwa en par mit dem Samsung Galaxy Note 4 in der Variante mit Samsungs Exynos-Chip. Dieses Handy ist einst im September 2014 erschienen.

    Zahlen aus synthetischen Tests sind freilich etwas anderes, als real erlebbare Performance. Und diese wurde mit zwei populären Games erprobt. Eineseits dem Moba Arena of Valor und andererseits mit PUBG Mobile, das sogar auf einem der Werbesujets für das Tablet auftaucht.

    foto: derstandard.at/pichler

    Schnell überfordert

    Ersteres Game, das für heutige Verhältnisse keine all zu argen Ansprüche stellt (andernfalls ließe sich die große Spielerbasis von über 200 Millionen Teilnehmern nicht erreichen), läuft mit niedrigen Einstellungen flüssig und gut spielbar. Allerdings musste das Spiel alle paar Partien geschlossen und neu gestartet werden, andernfalls kam es zu erheblicher Ladeverzögerung zum Start (teils bis zu einer halben Minute) und deftigem Ruckeln bei Teamkämpfen mit vielen Spielfiguren am Bildschirm. Ein Umstand, der weniger für fehlende Performance, denn für mäßig gute Systemoptimierung spricht.

    Das Battle Royale-Erlebnis mit PUBG Mobile hingegen war kaum spielbar. In den niedrigsten und nicht unbedingt sehr ansehnlichen Settings pendelte das Game entlang der Grenze für als flüssig wahrnehmbare Spieldarstellung (gefühlt 25 bis 40 FPS). Das wäre noch als ausreichend betrachtbar, allerdings muss man immer wieder mit kleinen Hängern leben, die einem im falschen Moment das Spielen von Shootern wirklich verleiden können.

    Stay casual

    Immerhin: Mit grafisch einfacher gestrickten Games haut alles hin. Angry Birds, Clash Royale und Konsorten waren brauchbar zu spielen. Das wäre für ein Multimedia-Tablet ganz in Ordnung. Für einen "Gaming Terminator" ist es allerdings traurig, auch für 150 Euro.

    Experimentell wurde über eine App die Auflösung auf Full HD (1.920 x 1.200 Pixel) reduziert. Das führte dazu, dass die Systemeinstellungen für das Display fortan abstürzten, brachte aber keine signifikante Leistungsverbesserung. Hier hätte wohl nur eine schon in die Firmware implementierte Lösung geholfen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Miese Kameras

    Das vorinstallierte Android-System basiert auf Version 8.0 "Oreo". Die Oberfläche ist weitgehend unverändert, bei der Bedienung fällt aber immer wieder ein Ruckeln auf. Auf Bloatware hat man netterweise verzichtet, einzig die Kamera-App kommt aus dem Eigenbau von Chiphersteller Mediatek. Acht Megapixel liefert die blitzlose Hauptkamera, fünf Megapixel die Frontcam. Beide sind eher langsam beim Knipsen. Die Fotoqualität ist nicht gerade überragend, was bei Tablets aber ohnehin selten der Fall ist.

    Auch bei gutem Licht ist auf einfärbigen Flächen bereits Rauschen erkennbar. Außenbereiche sind tendenziell verschwommen und die Farben leicht verwaschen. Die Frontkamera kommt mit fixem Fokus und unterbietet das mit noch mehr Rauschen und ziemlich blasser Farbwiedergabe. Für anspruchslose Videotelefonie und einfache Schnappschüsse reichen beide noch, wenn es einigermaßen hell ist. Bei dunkleren Lichtbedingungen werden Fotos matschig.

    foto: derstandard.at/pichler
    Testbild Hauptkamera, Tageslicht (Text anklicken für Originaldatei)
    foto: derstandard.at/pichler
    Testbild Frontkamera, Tageslicht (Text anklicken für Originaldatei)

    Sound, LTE, Akku

    Das Sounderlebnis ist ebenfalls keine Offenbarung. Der rückseitige Mono-Lautsprecher – für ein Gaming-Gerät eine seltsame Wahl – kann recht laut werden, ist klanglich aber im besten Falle unterdurchschnittlich. Der Output klingt insgesamt immer etwas blechern, insbesondere in den Höhen.

    Zugute halten muss man dem Tablet, dass es LTE unterstützt. Gleich zwei nanoSIMs können eingesteckt werden, der Empfang funktioniert auch reibungslos. Auch das bei kleineren chinesischen Herstellern oft fehlende Band 20 ist mit dabei. Die GPS-Ortung klappt ebenfalls. Ob sie genau genug für Autonavigation mit Google Maps oder einer anderen App ist, konnte allerdings nicht getestet werden.

    Die Akkulaufzeit ist okay. Immerhin sind recht stolze 5.000 mAh an Bord. Das reicht auch für Intensivnutzer locker für einen Tag oder mehr. Wer es nur für Medienkonsum oder generell seltener verwendet, kann auch mehrere Tage durchkommen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Keine Updates zu erwarten

    Zu guter Letzt lohnt sich auch ein Blick auf das Thema Sicherheit. Ausgeliefert wird das Tablet mit einer Firmware von Anfang August und Sicherheitspatchlevel von Juni 2018. An diesem Stand hat sich auch bis heute nichts geändert. Von einem Update auf Android 8.1, für das es von Mediatek noch Support für den Helio X20-Chip geht, ist nicht auszugehen. Ob es Sicherheitspatches geben wird, steht ebenfalls in den Sternen. Bisherige Erfahrungen mit Chuwi zeigen, dass man nicht viel mehr erwarten darf, als vielleicht ein oder zwei Bugfix-Aktualisierungen.

    Heißt: Auf lange Sicht sollte man keine sensiblen Daten auf dem Hi9 Pro hinterlegen und das Gerät auch nicht für Genehmigungen bei Anmeldungen mit Two-Step-Authentication verwenden.

    Fazit

    Gamer, die auf ein Schnäppchen hoffen, sollten vom Chuwi Hi9 Pro die Finger lassen. Casual Games laufen zwar problemlos auf dem Tablet, aber schon Games mit etwas komplexerer 3D-Grafik geraten in Performanceprobleme. Gerade im Hinblick auf die angepriesenen Qualitäten ist der "Gaming-Terminator" ein ziemlicher Blechschaden.

    Als Multimedia-Tablet ist das Gerät hingegen gut geeignet. Das Display liefert passable Darstellung und hohe Auflösung, 4K-Support ist vorhanden, ebenso auch Widevine L3-Support. Für diesen Zweck kann man auch den Preis als okay betrachten.

    Wichtige Daten sollte man dem Tablet aber vorenthalten. Denn mit Android-Versionsupdates oder neuen Sicherheitspatches ist eher nicht zu rechnen. (Georg Pichler, 29.10.2018)

    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testgerät wurde von Chuwi zur Verfügung gestellt.

    Links

    Chuwi Hi9 Pro

    Nachlese

    Billige Android-Tablets aus China: Augen auf beim Schnäppchenkauf

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