Polizeifunk zeigt dramatische Festnahme nach Synagogen-Anschlag

    Video28. Oktober 2018, 13:36
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    Elf Tote bei Angriff eines Rechtsextremisten auf Synagoge in Pittsburgh – Schütze ergab sich Polizei – Täter soll Antisemit und von Trump enttäuscht sein

    Pittsburgh – Es ist der wohl tödlichste antisemitische Gewaltakt der US-Geschichte: Ein schwer bewaffneter Angreifer hat am Samstag in einer Synagoge in Pittsburgh um sich geschossen und mindestens elf Menschen getötet. Sechs weitere Menschen wurden verletzt, darunter vier Polizisten, wie die örtlichen Behörden mitteilten. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen. Die Behörden gehen davon aus, dass der Mann die Tat alleine vorbereitet und durchgeführt hat. US-Präsident Donald Trump verurteilte die "bösartige antisemitische Attacke". Das Attentat sorgte auch international für Entsetzen.

    Der Angreifer hatte während einer Zeremonie zur Namensgebung für ein Baby das Feuer eröffnet. Dabei soll er Medienberichten zufolge "Alle Juden müssen sterben!" gebrüllt haben. Nach Behördenangaben war er mit einem Sturmgewehr und mindestens drei Handgranaten bewaffnet. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei wurde er festgenommen und in ein Krankenhaus eingeliefert.

    Die Dramatik der Festnahme zeigt auch ein Mitschnitt des Polizeifunks. Es ist zu hören, wie die Polizisten im dritten Stock auf den Mann stoßen: "Kontakt, Kontakt, Schüsse abgefeuert, Schüsse abgefeuert", meldet ein Sprecher. Im weiteren Verlauf ist Schreien zu hören, der Sprecher fordert Verstärkung an. Ein Polizist der Spezialeinheit Swat wird verletzt gemeldet. Kurz darauf berichtet ein anderer Mann von laufenden Verhandlungen, um den Schützen dazu zu bewegen, herauszukommen.

    Kurz darauf gibt der Angreifer den Polizisten seine Bewaffnung preis: "Er sagt, dass er zurzeit eine AR-15 und eine Glock bei sich hat", so der Funkspruch. Das AR-15 ist ein Sturmgewehr, eine Glock eine Pistole. Kurz darauf ergibt der Täter sich: "Verdächtiger kriecht jetzt heraus."

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    Antisemit, dem Trump zu "globalistisch" war

    Der Attentäter soll zuvor auf der Social-Media-Plattform "Gab" in seinem Profil geschrieben haben, alle Juden seien Kinder Satans. Eine Stunde vor dem Angriff postete der mutmaßliche Täter, Hias (Hebrew Immigrant Aid Society, eine Flüchtlingshilfsorganisation, Anm.) bringe Invasoren ins Land, die "unsere Leute töten. Ich kann nicht sitzen bleiben und zusehen, wie meine Leute abgeschlachtet werden. Scheiß auf Eure Sichtweise, ich gehe rein." In seinen Postings äußerte er sich antisemitisch und beschimpfte US-Präsident Donald Trump als "Globalist": "Es gibt kein #MAGA ("Make America great again", Trumps Wahlslogan, Anm.), solange es einen Befall durch Kikes (ein Schimpfwort für jüdische Einwanderer, Anm.) gibt."

    "Gab" veröffentlichte ein Statement, in dem sich die Plattform von Terrorismus und Gewalt distanziert. Am Sonntag hieß es, das bei weißen Nationalisten und Mitgliedern der rassistischen Alt-Right-Bewegung beliebte Portal werde ab Montag seine Dienste aussetzen. Berichten zufolge hat auch der Online-Bezahldienst Paypal die Seite gesperrt.

    Konservative Synagoge

    Die "Tree-of-Life"-Synagoge gilt als ein konservatives jüdisches Gotteshaus, das jedoch offen für Neuerungen sei, wie der Präsident der jüdischen Gemeinde im Großraum Pittsburgh, Jeff Finkelstein, am Ort des Geschehens sagte. Normalerweise finden sich dort am Samstagmorgen rund 50 bis 60 Gläubige ein. Auch in anderen Gegenden der USA wurden sofort die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen erweitert.

    In Squirrel Hill, wo die Synagoge steht, leben seinen Angaben zufolge rund 50 Prozent der im Großraum Pittsburgh ansässigen Juden. Finkelstein zeigte sich erschüttert: "So etwas sollte nicht passieren, nicht in einer Synagoge, nicht in unserem Viertel."

    "Angriff auf uns alle"

    US-Präsident Trump verurteilte den Angriff auf die Synagoge scharf. Es dürfe "keine Toleranz für den Antisemitismus" oder andere Formen des Hasses auf Religionen geben, sagte er. "Diese bösartige antisemitische Attacke ist ein Angriff auf uns alle."

    Der Präsident rief zur Solidarität mit den Juden in den USA und zum Kampf gegen Antisemitismus und Hass auf. Trump kündigte an, bald nach Pittsburgh zu reisen, und ordnete an, die Flaggen vor öffentlichen Gebäuden in den USA bis kommenden Mittwoch auf halbmast zu setzen. Nahe der Lebensbaum-Synagoge versammelten sich dutzende Menschen zu einer Mahnwache.

    Justizministerium fordert Todesstrafe

    Bei dem mutmaßlichen Angreifer handelt es sich um einen 46-Jährigen aus Pittsburgh. Das US-Justizministerium teilte mit, es strebe die Todesstrafe für den Täter an. Die Bundesstaatsanwaltschaft erhob noch in der Nacht Anklage in insgesamt 29 Punkten gegen den Mann.

    Nach Angaben des FBI handelte der Mann allein. Er sei der Polizei vor dem Angriff offenbar nicht bekannt gewesen.

    Dutzende Schüsse

    Gemeindemitglied Stephen Weiss berichtete in Interviews, er habe dutzende Schüsse aus der Lobby des Gotteshauses gehört. Eine Frau am Tatort sagte dem Sender CNN, ihre Tochter sei mit anderen Synagogenbesuchern die Stiegen hinunter gerannt und habe sich im Erdgeschoß verbarrikadiert, als die ersten Schüsse gefallen seien. Der Leiter der städtischen Sicherheitsbehörden, Wendell Hissrich, berichtete von einem "fürchterlichen" Anblick in dem Gotteshaus nach der Bluttat.

    Der Angriff auf die Synagoge wurde auch international scharf verurteilt. "Ich trauere um die Toten von Pittsburgh, die offenbar Opfer von blindem antisemitischem Hass wurden", ließ die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Online-Dienst Twitter erklären. "Wir alle müssen uns dem Antisemitismus entschlossen entgegenstellen – überall."

    Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zeigte sich "zutiefst schockiert über das abscheuliche antisemitische Verbrechen in Pittsburgh, das ich auf das Schärfste verurteile". Sein Mitgefühl gelte in diesen schweren Stunden den Angehörigen und Freunden der Opfer. "Wir müssen alles tun, um Antisemitismus entschieden zu bekämpfen", so Kurz auf Twitter.

    Weltweites Entsetzen

    Der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu äußerte sich erschüttert über die "schreckliche antisemitische Brutalität". Auch UNO-Generalsekretär Antonio Guterres und der französische Präsident Emmanuel Macron verurteilten die Tat. Der französische Innenminister Christophe Castaner ordnete an, die Sicherheitsvorkehrungen rund um Frankreichs Synagogen zu verstärken.

    Der Jüdische Weltkongress (WJC) zeigte sich schockiert. Bei dem Vorfall handle es sich um einen "abscheulichen Terrorakt", sagte WJC-Präsident Ronald Lauder laut Mitteilung am Samstag in New York. "Das war ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf ganz Amerika."

    Politisch motivierte Gewaltakte im Wahlkampffinale

    Es handelt sich bereits um den zweiten offenbar politisch motivierten Gewaltakt, der die USA in der Schlussphase des Wahlkampfs für die Kongresswahlen am übernächsten Dienstag erschüttert. In den Vortagen waren 13 Briefbomben abgefangen worden, die an prominente Trump-Kritiker gerichtet waren, unter ihnen Ex-Präsident Barack Obama und die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Der mutmaßliche Versender der Sprengsätze, ein 56-jähriger Mann aus dem US-Staat Florida, war am Freitag festgenommen worden.

    Seit dem Auftauchen der Bomben sieht sich Trump mit verschärften Vorwürfen konfrontiert, er trage mit seiner oft aggressiven und polemischen Rhetorik zur Aufheizung des politischen Klimas im Land bei. Nach der Attacke auf die Synagoge kündigte er an, er wolle einen anderen Ton anschlagen. (red, Reuters, APA, 27.10.2018)

    • Bei der Tree-of-Life-Synagoge am Squirrel Hill in Pittsburgh eröffnete ein Bewaffneter das Feuer.
      foto: imago/zuma aaron jackendoff

      Bei der Tree-of-Life-Synagoge am Squirrel Hill in Pittsburgh eröffnete ein Bewaffneter das Feuer.

    • Polizisten im Einsatz bei der Synagoge in Pittsburgh
      foto: ap/panchack

      Polizisten im Einsatz bei der Synagoge in Pittsburgh

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