Das Ende der Zeitumstellung naht

    27. Oktober 2018, 12:00
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    Am Sonntag könnten zum letzten Mal die Uhren um eine Stunde zurückgestellt werden. Ende des Monats beraten EU-Minister über eine neue Regelung.

    Frage: Worum geht es genau?

    Antwort: Zweimal im Jahr, am letzten Wochenende im März und Oktober, wird in der EU die Uhr umgestellt. Mit der sogenannten Sommerzeit soll zwischen März und Oktober das Tageslicht besser genutzt werden, indem es in den Abendstunden länger hell bleibt, sodass weniger Strom verbraucht wird. Am Sonntag endet die Sommerzeit, die Zeiger werden von 3 Uhr auf 2 Uhr zurückgestellt. Die passende Eselsbrücke dazu: Man stellt die Uhr immer Richtung Sommer – im Frühjahr also nach vorn, im Herbst zurück. Auch bekannt: Spring forward, fall back – im Frühling vor, im Herbst zurück.

    Frage: Wieso soll die Zeitumstellung abgeschafft werden?

    Antwort: Es gibt zahlreiche Studien, auch eine vom wissenschaftlichen Dienst im EU-Parlament, denen zufolge die Zeitumstellung negative Folgen für die Gesundheit hat. Schlafforscher Gerhard Klösch von der Med-Uni Wien moniert etwa einen "Mini-Jetlag" vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Anderen Studien zufolge gibt es durch den neuen Schlaf-Wach-Rhythmus auch hormonelle Probleme, die Gefahr von Verkehrsunfällen ist ebenso wie jene von Herzinfarkten kurz nach der Zeitumstellung höher. Beklagt werden zudem Folgen in der Tierwelt: Hunde etwa sind verwirrt, wenn sie eine Stunde früher oder später Gassi gehen müssen. Ähnliches gilt für Kühe, die es gewohnt sind, zu festen Zeiten gefüttert und gemolken zu werden. Gleichzeitig gibt es aber auch Studien, die das alles in Abrede stellen. Zudem führen Befürworter der Sommerzeit an, dass mehr Tageslicht die Lebensqualität erhöhe und das Depressionsrisiko senke.

    Frage: Wie kam es zu dieser Entscheidung?

    Antwort: Im Sommer hatten sich bei einer EU-weiten Onlineumfrage 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer – ein Rekord, aber weniger als ein Prozent der EU-Bürger – für ein Ende der Zeitumstellung ausgesprochen. Die meisten Menschen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, stammen gemessen an der Gesamtbevölkerung aus Deutschland und Österreich.

    Die wenigsten Personen stimmten in Großbritannien ab. Die Teilnehmer aus Griechenland und Zypern waren die Einzigen, die sich mehrheitlich für eine Beibehaltung der Umstellung zweimal im Jahr aussprachen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kündigte nach Bekanntgabe des Ergebnisses einen entsprechenden Beschluss an: "Es macht keinen Sinn, Menschen zu fragen, was sie denken – und das dann zu ignorieren." Die EU-Kommission hatte daraufhin vorgeschlagen, ab kommendem Jahr den Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit abzuschaffen. Die Staaten sollen selbst entscheiden können, ob sie dauerhaft Sommer- oder Winterzeit haben wollten.

    Frage: Wie genau soll die Umstellung erfolgen?

    Antwort: Laut dem entsprechenden EU-Richtlinienvorschlag soll jeder Mitgliedstaat die Union bis April 2019 informieren, ob Sommer- oder Winterzeit permanent eingeführt wird. Die letzte verbindliche Umstellung auf die Sommerzeit würde dann am 31. März 2019 erfolgen. Danach könnten die Mitgliedstaaten, die dauerhaft zur Winterzeit zurückkehren wollen, am Sonntag, dem 27. Oktober 2019, zum letzten Mal eine Zeitumstellung vornehmen.

    Frage: Gibt es noch Hürden auf dem Weg zum Ende der Zeitumstellung?

    Antwort: Anfang Oktober berichtete die Zeitung "Politico" unter Berufung auf Diplomaten, dass einige EU-Länder Bedenken gegen den Plan der EU-Kommission hätten. Diesem müssen die Mitgliedstaaten und das Europaparlament mehrheitlich zustimmen, damit ein Ende der Zeitumstellung Realität wird. Am 29. und 30. Oktober treffen sich die EU-Verkehrsminister in Graz, wo es mehr Klarheit in der Causa geben dürfte.

    Frage: Welche Position nimmt Österreich ein?

    Antwort: Das offizielle Österreich bevorzugt eine ständige Sommerzeit als Standardzeit. Sonst hat sich bisher kein EU-Staat festgelegt. Wünschenswert für die heimische Wirtschaft erscheint eine einheitliche Zeitzone, zumindest in Mitteleuropa. Ansonsten würden zwischenstaatliche Zeitunterschiede den Handelsverkehr beeinträchtigen.

    Frage: Wie kam es überhaupt zur Zeitumstellung?

    Antwort: Die erste Idee zur Sommerzeit hatte der US-Politiker und Erfinder Benjamin Franklin im Jahr 1784. Er wollte, dass Arbeiter, die früh aufstehen, weniger Kerzen verbrauchen. Vom Einfall zur Umsetzung war es allerdings ein weiter Weg. Der britische Unternehmer William Willett plädierte 1907 in einem Flugblatt dafür, dass die Menschen durch eine Zeitumstellung früher zu arbeiten beginnen. Sein Ururenkel beschäftigte sich im Jahr 2002 übrigens wieder mit dem Konzept der Zeit: Coldplay-Sänger Chris Martin veröffentlichte damals den Song Clocks.

    In Europa wurde infolge der durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelösten Ölpreiskrise die Sommerzeit eingeführt. Damit sollten Unternehmen und Haushalte in Zeiten der Rezession Energie sparen können. Frankreich machte den Anfang, Österreich wartete aufgrund des Verwaltungsaufwands bis 1980, auch um sich mit Deutschland und der Schweiz abzustimmen. Bereits in den 1970er-Jahren gab es Stimmen, die den Nutzen dieser Maßnahme infrage stellten. Bis 1996 wurden die verschiedenen Zeitumstellungsregeln in der EU mittels Richtlinie harmonisiert. Sie gilt seitdem für alle EU-Mitgliedstaaten und alle nahe Europa gelegenen Landesteile. Im französischen Überseegebiet Französisch-Polynesien, rund 19.000 Kilometer von Frankreich entfernt, gilt sie also nicht.

    Frage: Wie wird die Zeitumstellung außerhalb Europas gehandhabt?

    Antwort: Die Zeitumstellung betrifft vor allem Europa und Nordamerika. Im Rest der Welt stellen nur vereinzelt Länder bzw. Regionen die Zeit um. In Australien beispielsweise gibt es teilweise eine Sommerzeit. Die Türkei hat die Winterzeit 2016 abgeschafft. Der Wechsel von Sommer- und Winterzeit war für die AKP von Staatschef Tayyip Erdogan schon lange eine "untürkische" Mode aus dem Westen. Russland hatte von 2011 bis 2014 durchgehend die Sommerzeit, nach Kritik gilt aber wieder ganzjährig die Winterzeit. Zudem wurde die Zahl der Zeitzonen wieder von neun auf elf erhöht. (Kim Son Hoang, 27.10.2018)

    • Bei größeren Uhren wie dieser hier an der Lukaskirche in Dresden gerät die Zeitumstellung zu einem größeren Unterfangen.
      foto: apa/kahnert

      Bei größeren Uhren wie dieser hier an der Lukaskirche in Dresden gerät die Zeitumstellung zu einem größeren Unterfangen.

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