"The Green Fog": Das Mysterium San Francisco

    29. Oktober 2018, 10:56
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    Guy Maddin, Evan und Galen Johnson legen eine Neudeutung von Alfred Hitchcocks "Vertigo" vor

    Alfred Hitchcocks Vertigo gilt als Meilenstein und rangiert auf Hitlisten wie "die besten Filme aller Zeiten" immer wieder ganz oben. Bis heute ist ein zentraler Referenzpunkt des Werks der durch eine spezielle Kameraführung erreichte Schwindeleffekt (Vertigo-Effekt). Die Verfolgungsszene mit Kim Novak und James Stewart im Treppenhaus eines Glockenturms kennt fast jeder. Für den arrivierten kanadischen Experimentalfilmer Guy Maddin und seine Co-Regisseure Evan Johnson und Galen Johnson war Vertigo aber auch aus Schauplatzgründen interessant: Der Film spielt in San Francisco, einer Stadt, der auch sie filmisch huldigen wollten.

    foto: viennale
    Schauplatz San Francisco: "The Green Fog".

    Das Regietrio legt mit The Green Fog nun also eine Vertigo-Neudeutung vor. Dabei haben sie zum Beispiel Antworten auf den viel diskutierten männlichen Blick gesucht, den Hitchcock in seinem Film zelebriert. Es geht in Vertigo ja um eine traumhafte männliche Beobachtung einer Frau samt ihrer späteren Dopplung. Mehr noch als das aber sind es in The Green Fog nun die mysteriösen Erzählebenen und visuellen Verknüpfungen wie die Farbe Grün, die auf das Original verweisen.

    Es wird einem beim Schauen aber auch deshalb schwindelig, weil dieser 62-minütige Film – und jetzt kommt's – ausschließlich aus Found-Footage-Material von sagenhaften abgezählten 104 Filmen und Fernsehserien besteht. Allesamt gedreht in der eben nicht selten als Filmkulisse dienenden Stadt San Francisco. Von Dirty Harry zu Mrs. Doubtfire, von Sister Act zu Sans Soleil.

    arena cinelounge
    Trailer zu "The Green Fog".

    Es geht hier allerdings nicht um den cinephilen Sportsgeist des Wiedererkennens von Filmszenen (für manche wohl schon). Vielmehr entsteht durch das Aufeinandertürmen filmischer Momente samt ihrer unterschiedlichen Stofflichkeit (Farben, Material, Sound etc.) die heterogene und überaus rätselhafte Struktur einer Stadt samt ihren Straßen, Stimmungen und Bewohnern. Die Filmemacher haben das Material bearbeitet, etwa aus Dialogszenen die Textstellen extrahiert, sodass der übrigbleibende "Rest" neu interpretierbar wird.

    Passend zum Fokus aufs Dazwischen diente ein Satz des Schweizer Philosophen Henri-Frédéric Amiel (1821-1881) als Leitmotiv für The Green Fog: "Gib dem Mysterium Raum in dir; pflüge nicht immer deinen gesamten Boden mit der Pflugschar der Selbstprüfung, sondern lass eine kleine Ecke in deinem Herzen brach liegen, bereit für vom Wind hergewehte Samen." Von diesem Wind wird The Green Fog getragen. (Margarete Affenzeller, 25.10.2018)

    26. 10. Filmmuseum, 16.00

    5. 11. Stadtkino, 23.00

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