Videotheken sterben aus, Betreiber sehen Schuld bei Online-Piraterie

    29. Oktober 2018, 10:13
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    Sie stehen jedoch im Widerspruch zu Marktforschern, die den Grund bei Netflix und Co verorten

    Geschwind zur Videothek fahren und sich aus den dortigen Regalen oder Automaten ein paar Filme für das Wochenende holen. Das funktionierte lange als Geschäftsmodell gut, war es doch für viele die bequemste, flexibelste und auch günstigste Variante für Unterhaltung abseits des Programmfernsehens.

    Branchenkollaps geht weiter

    Heute sind Videotheken ein aussterbender Geschäftszweig, wie man in Österreich und Deutschland deutlich sehen kann. Etwa 1.000 Filmverleiher gab es in den Neunziger Jahren alleine in Wien. Schon im letzten Jahrzehnt sank diese Zahl auf unter 200. Ende 2017 waren nur noch zehn Anbieter übrig. Österreichweit sollen es weniger als 100 sein.

    Auch in Deutschland geht der Absturz rasant weiter, berichtet T-Online. Die Anzahl der Kunden ist von 2015 bis 2017 von 4,8 auf 2,6 Millionen gesunken. Die Erträge für den Verleih von Spielfilmen hat sich auf 31 Millionen mehr als halbiert. Jede dritte Videothek sperrte zu, im Bundesgebiet sind nur noch rund 600 Geschäfte übrig.

    Branchenverband schimpft auf Online-Piraterie

    Über die Ursache für diesen Verfall gehen die Meinungen auseinander. Der Branchenverband IVD betrachtet die Online-Piraterie als das große Übel. Illegale Downloads und Streams im Internet seien leicht zugänglich und würden die Vermietung von DVDs und Blu-rays bremsen. Geschäftsführer Jörg Weinrich fordert "stärkere Bekämpfung".

    Dementsprechend kampagnisiert man fleißig. Politikern erklärt man die Bedrohung durch Piraterie. Auf dem Blog WebSchauder zeigt man sich erfreut über das jüngste EuGH-Urteil zu Filesharing über einen familiären Internetanschluss. Youtube-CEO Susan Wojcicki wirft man vor, mit ihren Statements über die geplante Copyright-Richtlinie "Fake News" zu verbreiten.

    Experten sehen legales Streaming als Grund

    Diese Einschätzung wird von vielen Experten nicht geteilt. Hermann-Dieter Schröder von der Universität Hamburg und Florian Kerkau vom Strategieberater Goldmedia sehen die Ursache nicht bei Filmtorrents oder Plattformen wie "Movie2k". Sondern bei den stetig wachsenden Streaming-Anbietern wie Netflix oder Amazon Video.

    Statt zum Verleih zu fahren und die Filme später wieder zurückbringen zu müssen, findet man nun ein wesentlich größeres Angebot mit wenigen Klicks. Statt einer täglichen Leihgebühr für jeden Film zahlt man eine Monatspauschale – egal ob man nur gelegentlich schaut oder seine Abende regelmäßig mit Serien und Filmen verbringt.

    Untergangsstimmung

    Die Perspektive der Branche würde "düster" bleiben, ihr droht die "Bedeutungslosigkeit", meint Kerkau. Deutlicher formuliert es Schröder: "Die Branche liegt im Sterben." Er hält es für realistisch, dass in zehn Jahren in Deutschland keine einzige Videothek mehr in Betrieb sein werde.

    Zu Wort kommt auch noch ein Videothekenbetreiber. Er sieht die Streaming-Services als "algorithmisch hochgezüchtetes Kommerzangebot", das "langfristig schwer abschätzbare Schäden auch im Bereich der Bildung" anrichten könnte. Zum Erhalt der Videotheken als Teil eines unabhängigen Kulturangebots hält er Förderungen für den "vielleicht einzigen Ausweg". (red, 29.10.2018)

    • Mit der VHS-Kassette begann das Zeitalter der Videotheken. Legales Streaming läutet nun sein Ende ein.
      foto: ap

      Mit der VHS-Kassette begann das Zeitalter der Videotheken. Legales Streaming läutet nun sein Ende ein.

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