Bunt und unerwünscht: Prozess gegen Kirill Serebrennikow beginnt

    25. Oktober 2018, 10:00
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    Die Causa ist mehr als ein Gerichtsverfahren wegen Veruntreuung. Der Moskauer Theaterdirektor steht für eine freie Kunstszene, die die russische Politik nicht will. Der Prozess soll am Donnerstag starten

    Obwohl der Moskauer Prozess gegen den schillernden Theaterdirektor und Regisseur Kirill Serebrennikow erst am Donnerstag beginnen soll und es bis zu einem Urteil noch dauern wird, stehen die Verlierer bereits fest. Der unter Hausarrest stehende Künstler, so die allgemeine Einschätzung in Moskau, dürfte mit einer bedingten Strafe davonkommen. Drei Mitangeklagten droht indes Gefängnis.

    Die Causa Serebrennikow ist aber mehr als bloß ein Gerichtsverfahren, das sich mit der angeblichen Unterschlagung von Steuermitteln in einer großangelegten Veranstaltungsreihe beschäftigt. Sie ist ein massiver Schlag gegen ein buntes, zeitgenössisches Theater in Moskau, das unabhängig von staatlichen ideologischen Vorgaben inszeniert und seit Jahren für volle Häuser sorgt.

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    Kirill Serebrennikows Film "Leto" ist bei der Viennale am 30. Oktober im Gartenbaukino zu sehen.

    Hatte die russische Theaterlandschaft nach dem Zerfall der UdSSR einen verstaubten Eindruck vermittelt, begannen sich die Dinge um die Jahrhundertwende langsam zu verändern. Inspiriert von internationalen Produktionen, die in diesen Jahren auf Moskauer Theaterfestivals vermehrt präsentiert wurden, trat eine neue Generation auf den Plan – darunter der aus dem südrussischen Rostow am Don stammende Kirill Serebrennikow (geb. 1969), etwas später auch der Moskauer Konstantin Bogomolow (geb. 1975). Theaterlegende Oleg Tabakow lud die jungen Wilden in sein Tschechow-Theater und ermöglichte ihnen Experimente.

    Neue Chancen

    Als Wladimir Putin 2008 nach zwei Amtszeiten als Präsident vorübergehend abtrat und Kurzzeitstaatschef Dmitri Medwedew Innovation zur Staatsideologie erklärte, boten sich für den mittlerweile erprobten Nachwuchs neue Chancen. Im Herbst 2011 fiel der Beschluss, Serebrennikows ambitioniertes Vielspartenprogramm "Platforma" drei Jahre lang mit jährlich 70 Millionen Rubel (damals 1,7 Millionen Euro) zu subventionieren. 2017 sollten Ankläger den Verantwortlichen vorwerfen, ein oder gar zwei Drittel dieser Subventionen veruntreut zu haben. Die nunmehr Angeklagten bestreiten dies entschieden.

    Mit Putins Rückkehr in den Kreml 2012 setzte ein Backlash ein. Der neue rechtskonservative Kulturminister Wladimir Medinski ließ wenig Zweifel an seiner Abneigung gegen zeitgenössische Kunst. Gleichzeitig zeigt er selbst Theaterambitionen: Zeit der Wirren. 1609–1611, die Bühnenfassung seines Historienromans zum russischen Kampf gegen böse polnische Invasoren, läuft seit Mai in Moskaus Kleinem Theater, einer für altbackene Inszenierungen berüchtigten Institution. Medinskis Erfolg bei Kritik und Publikum hält sich in Grenzen.

    "Sie verderben das land"

    Der Kampf gegen Serebrennikow selbst dürfte spätestens im Sommer 2013 begonnen haben. "Sie verderben das Land", habe man dem Regisseur damals im Kulturministerium mitgeteilt und ihm folglich Subventionen für Gastspiele in der Provinz gestrichen. Das erzählt eine Vertraute Sebrennikows dem STANDARD. Der Regisseur hatte kurz zuvor ein altes Sowjettheater übernommen und es in den hippen Moskauer Theater-Hotspot Gogol-Zentrum verwandelt.

    Nach vergeblichen Versuchen, Moskaus zeitgenössische Theaterszene ideologisch unter Kontrolle zu bekommen, verschärfte das Kulturministerium irgendwann seine Gangart. Mehr als ein Jahr bevor das Strafverfahren eingeleitet worden war, habe der für Theater zuständige Spitzenbeamte im April 2016 alle "Platforma"-Unterlagen an die Verfassungsschutzabteilung des Geheimdiensts FSB übermittelt, berichtete die russische Tageszeitung RBK. Bei der Abteilung handelt es sich um den Nachfolger der ideologischen fünften Hauptabteilung des KGB, die zu Sowjetzeiten Dissidenten und Kulturschaffenden das Leben schwer gemacht hatte.

    Machtdemonstration

    Beim FSB fand man Gefallen am Kunstprojekt: Als sich Serebrennikow im August 2017 einer ersten Haftverhandlung stellen musste, schubsten ihn ausgerechnet vermummte Geheimdienstler in den Gerichtssaal. Normalerweise ist dafür die Polizei oder die Justizwache zuständig. Dem Regisseur blieb zwar die Untersuchungshaft erspart. Dass er aber unter Hausarrest gestellt wurde, konnten selbst prominente und vermeintlich mächtige Unterstützer nicht mehr verhindern. Dazu zählen Putins kolportierter Lieblingsschauspieler Jewgeni Mironow, Multimilliardär Roman Abramowitsch und Putins ehemaliger Spindoktor Wladislaw Surkow, der im Kreml nun die Ostukraine "kuratiert".

    Da Serebrennikow 2011 den Roman des zynischen Kreml-Intellektuellen Surkow, Nahe Null, inszeniert hatte, sehen manche Beobachter die Causa gar primär als FSB-Machtdemonstration gegen Surkow: "Die Sache ist Ausdruck dafür, dass er niemanden mehr schützen kann", kommentiert dies ein russischer Spezialist für politische Kampagnen gegenüber dem STANDARD.

    Wie aktuell die Notwendigkeit nach Schutzherren ist, verdeutlichte kürzlich aber auch Serebrennikows Freund und Kollege Konstantin Bogomolow. Nachdem er im Moskauer Wahlkampf 2013 den Oppositionellen Alexej Nawalny unterstützt hatte, trat er in diesem Herbst als eifriger Wahlkampfhelfer für Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin auf. Bogomolows wichtigster Mentor und Unterstützer, der auch von Putin verehrte Theaterdirektor Tabakow, war im März verstorben. (Herwig G. Höller aus Moskau, 25.10.2018)

    • Der unter Hausarrest stehende Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow erhält international viel Unterstützung. Auf dem roten Teppich der Berlinale, wo sein Film "Leto" lief, machte etwa die deutsche Schauspielerin Franziska Petri auf sein Fehlen aufmerksam.
      foto: ap / markus schreiber

      Der unter Hausarrest stehende Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow erhält international viel Unterstützung. Auf dem roten Teppich der Berlinale, wo sein Film "Leto" lief, machte etwa die deutsche Schauspielerin Franziska Petri auf sein Fehlen aufmerksam.

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