Zwei Wiener Skelette auf der Suche nach einem Friedhof

Blog25. Oktober 2018, 08:00
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Handelt es sich bei den Skeletten "ohne alles" vom Hohen Markt und der Tuchlauben um erste frühhochmittelalterliche christliche Bestattungen oder nicht?

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Blogbeitrag zu den Hernalser Sonderbestattungen aus und um den römischen Ziegelofen: Trachtbestandteile, Schmuck und Beigaben, nicht zuletzt die Art und Weise der Bestattung selbst boten dort Gelegenheit, verschiedenste Theorien zu entwickeln. Bei zwei Skeletten, die knapp nacheinander von der Stadtarchäologie im 1. Wiener Bezirk freigelegt werden konnten, sieht die Sache anders aus. Sowohl am Hohen Markt als auch in der Tuchlauben (siehe Abbildungen unten) wurden bei Künettenarbeiten die eher schlecht erhaltenen Überreste von zwei weiblichen Skeletten entdeckt.

Darf ich vorstellen? "Dame 1" vom Hohen Markt, circa 1,59 Meter groß und zwischen 40 und 50 Jahre alt, wurde Nordwest-Südost ausgerichtet in Rückenlage gefunden, der Kopf lag im Nordwesten. Dokumentierbar war nur mehr die Hälfte des Skeletts.

foto: stadtarchäologie wien
Lage des Skeletts am Hohen Markt.
foto: stadtarchäologie wien
Auffindung des Skeletts am Hohen Markt.

"Dame 2" aus dem Bereich vor den Häusern Tuchlauben 7A–9 war vermutlich circa 1,49 Meter groß, zwischen 35 und 50 Jahre alt und lag mit dem Kopf Richtung Westen in gestreckter Rückenlage. Schädel und Brustbereich waren offenbar schon vor Jahren unbemerkt zerstört worden, Unterschenkel und Fußknochen mussten im Boden belassen werden, weil sie sich in der Wand der Künette befanden. Was an Skelettmaterial geborgen werden konnte, zeigte jedenfalls deutliche (und vermutlich schmerzhafte) Abnützungen an Gelenken und im Bereich der Wirbelsäule.

foto: stadtarchäologie wien
Lage des Skeletts in der Tuchlauben.
foto: anthropologie, nhm

In beiden Fällen gab es – zumindest soweit unter diesen "reduzierten" Umständen festzustellen – weder Beigaben noch Trachtbestandteile zu sichern. Auch Reste eines Sarges waren nicht vorhanden. In solchen Fällen führt eigentlich kein Weg an einer C-14-Datierung vorbei, auch wenn diese naturwissenschaftliche Form der Datierung lediglich ein recht weites Intervall anbietet. Hier ergab sich für "Dame 1" ein Zeitraum von 770 bis 1000 n. Chr. und für "Dame 2" von 860 bis 1020 n. Chr.

Wir können also verirrte Keltinnen (die nächste Siedlung war vermutlich im Gebiet des heutigen 3. Bezirks), illegal (die Römer bestatteten keine erwachsenen Individuen im Siedlungsgebiet beziehungsweise militärisch genutzten Areal) im Legionslager deponierte Römerinnen und auch neuzeitlich Verblichene ausschließen. Was diesen armen Leutchen in Zeiten (vermutlich) zunehmender Christianisierung zur Glückseligkeit und vor allem Seligkeit hier fehlt, wäre eine Kirche. Wo bitte ist also die nächste Kirche?

St. Ruprecht: Kirche sucht Friedhof

St. Ruprecht hat den Ruf, eine alte, wenn nicht die älteste Kirche im 1. Bezirk zu sein, aber für "Dame 1" ist dieses Kirchlein aus dem 12. Jahrhundert auf jeden Fall zu jung. Abgesehen davon ist die Distanz zwischen dem Skelett vom Hohen Markt und St. Ruprecht nun doch etwas zu groß. Ein doppelt bedauerlicher Umstand, da für St. Ruprecht zwar urkundlich ein Friedhof genannt wird, bislang aber trotz durchaus umfangreicher Erdbewegungen direkt neben der Kirche bislang nicht ein Knöchlein zutage gekommen ist. Dafür kann es verschiedenste Erklärungen geben: von der Friedhof war sehr klein und/oder lag etwas weiter nördlich/östlich/westlich bis zur Möglichkeit, dass spätere Baumaßnahmen den gesamten Friedhof haben verschwinden lassen. Wie auch immer die Friedhofs-Mangelerscheinungen um St. Ruprecht herum zu werten sein mögen: Zumindest jener Dame vom Hohen Markt fehlt eindeutig die christliche Einbettung. Wie sieht es mit unserer Kandidatin vor den Häusern Tuchlauben 7A–9 aus?

Beinahe im Schatten einer der ältesten Kirchen Wiens?

Diese Dame hatte zumindest gute Sicht auf geweihte Erde, wenn sie denn schon nicht drin lag. Immerhin ist St. Peter in Steinwurfweite. Den urbanen Legenden nach wurde St. Peter ja schon von Karl dem Großen gegründet, als er sich aufmachte, die Awaren zu bekriegen. Nicht dass sich dieses frühe Kirchengründungsdatum auf irgendetwas Archäologisches (oder ernstzunehmendes historisches Material) stützen würde. Tatsächlich gibt es keinen plausiblen Grund, eine Erbauung dieser Kirche vor der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts anzunehmen. Fundmaterial aus der Umgebung zeigt einen ersten Schwerpunkt genau zu dieser Zeit. Damit wäre das Skelett aus der Tuchlauben eindeutig zu alt, um eine reguläre Friedhofsokkupantin von St. Peter darzustellen. Was haben wir da also vor uns? Eine verspätete Bestattung in alter Tradition innerhalb römischer Ruinen? Eine christliche "Sonderbestattung"? Zumindest in diesem Fall stellt sich die Frage, wo zu genau jener Zeit dann die regulären christlichen Begräbnisse stattgefunden haben.

St. Stephan – Klarheiten oder weitere Verwirrungen?

Fassen wir zusammen: Bei St. Ruprecht kennen wir gar keine Bestattungen, und die Kirche ist ohnehin eher dem 12. Jahrhundert zuzurechnen und damit deutlich zu jung für unsere Skelette. Das barocke St. Peter am Graben hatte einen mittelalterlichen Vorgängerbau, aber nichts weist darauf hin, dass wir hier einen zeitlichen Treffer haben. Erstaunlicherweise ist es gerade St. Stephan, das aufhorchen lässt. Neueren Forschungen zufolge fanden sich auch dort neben unzähligen hoch-/spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Skeletten im Dom einige wenige, die ähnlich datieren wie die Bestattungen Hoher Markt und Tuchlauben. Die Idee, dass sich hier ein früherer Kirchenbau mit Friedhof befunden haben könnte, vielleicht sogar "der erste" im "1.", steht im Raum. Archäologisch nachweisbar war eine frühe Kirche des 9./10. Jahrhunderts allerdings nicht. Somit stehen auch diese Skelette genau genommen "alleine" da und verkomplizieren die Situation eher, vor allem dann, wenn man versucht, ein Gesamtbild zu sehen.

Christlich oder nicht?

Haben wir mit diesen Skeletten nun also erste frühhochmittelalterliche christliche Bestattungen oder nicht? Das werden wir nur durch weitere Forschungen feststellen können, die archäologischen Hinweise lassen derzeit noch die Rekonstruktion grundverschiedener Szenarien zu. Wenn es unter St. Stephan eine Kirche aus dem 9./10. Jahrhundert mit dazupassendem Friedhof gab, stellt sich die Frage, was es dann mit den anderen Skeletten ohne Kirchenbezug auf sich hat. Außenseiter? Regelverstöße? Mordopfer, mäßig gut versteckt? Oder waren es doch alles "Heiden" ganz ohne Kirche? Dann herrscht zwar wunderbare Bestattungsgleichheit, aber es bleiben eine ganze Menge Fragen offen. Ist es zum Beispiel nur ein Zufall, dass genau dort, wo später nachweislich St. Stephan mit Friedhof entsteht, auch zu so früher Zeit schon ein paar Bestattungen vorgenommen wurden? Vielleicht waren es auch Christen und Nichtchristen, die in wunderbarer Eintracht auf kleinem Raum koexistierten? Letzteres klingt zumindest idyllisch! Hier ist nun, christlicher Hintergrund oder nicht, Demut angesagt: Es gibt gewiss ein Muster, geben Sie uns noch etwas Zeit und ein paar Grabungsergebnisse mehr, und genießen Sie bis dahin mit uns den besonderen Reiz, den das Arbeiten an offenen Fragestellungen knapp vor der Lösung des Rätsels mit sich bringt. (Ingeborg Gaisbauer, 25.10.2018)

Ingeborg Gaisbauer, geboren 1975 in Wien, studierte Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien. Sie ist als Archäologin bei den Museen der Stadt Wien – Stadtarchäologie tätig.

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