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Reportage31. Oktober 2018, 06:00

Die heruntergekommen Plattenbauten dominieren die Straßen von Stolipinowo, auf denen Autos und Pferdefuhrwerke fahren. Am Straßenrand liegt Plastikmüll, ein Hund sucht darin nach essbaren Resten. Müllcontainer gibt es hier nur wenige. Drei Betonmauern wurden als Müllkippe aufgebaut. Dort lädt die Müllabfuhr den Unrat auf. Einige Menschen versuchen mit dem Sammeln von Wertstoffen aus dem Müll über die Runden zu kommen. Ein Mann hat einen prall gefüllten Sack mit PET-Flaschen auf einen alten Kinderwagen geschnallt und sucht die Müllsammelstelle nach weiteren verwertbaren Flaschen ab.

foto: stefanie ruep
Einige Menschen verdienen sich mit dem Sammeln von Wertstoffen, die sich recyceln lassen, etwas dazu.

Stolipinowo ist mit rund 55.000 Bewohnern auf 1,2 Quadratkilometern eines der größten Roma-Viertel auf dem Balkan. Es ist ein Stadtteil von Plowdiw, mit 340.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Bulgariens und Kulturhauptstadt 2019. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Stolipinowo sehen sich selbst großteils als Türken. Für die Mehrheitsbevölkerung sind die Menschen einfach "Cigani". "Es ist ein vergessenes Viertel wie viele andere in Bulgarien. Doch die Situation wird nicht ernst genommen", sagt Anton Karagjosow, der die selbstorganisierte Roma-Stiftung Stolipinowo leitet. "Für alles, was in Bulgarien falsch läuft, müssen wir Roma als Sündenböcke herhalten."

Ein Block mit EU-Geld saniert

foto: stefanie ruep
Anton Karagjosow ist der Vorsitzende der Stiftung für regionale Entwicklung – Roma in Stolipinowo.

Die Hauptprobleme in dem Stadtteil seien Arbeitslosigkeit, das geringe Bildungsniveau, die Gesundheitsversorgung und das Wohnen, sagt der 62-Jährige. Die Parteien würden völlig dabei versagen, etwas für die Roma zu verbessern. Die Roma-Stiftung unterstützt seit 25 Jahren finanziell benachteiligte Roma bei Amtsgängen und dem Ausfüllen von Formularen und gibt auch Familienberatung. Während des Gesprächs mit dem STANDARD kommt ein älterer Mann in den Hof und fragt nach Hilfe. Er wisse nicht, wie er den Antrag auf Heizkostenzuschuss für den Winter ausfüllen soll. Eine Mitarbeiterin der Stiftung geht mit ihm die Formulare durch.

Gegenüber wird ein Wohnhaus saniert. Das Geld dafür kommt von der EU. "Das ist der einzige Block in ganz Stolipinowo, weil die Bewohner sich gemeinsam dafür eingesetzt haben", erklärt Anton Karagjosow. Es sei selten, dass die EU-Gelder ankommen.

Eines der illegal errichteten Häuser am Rand der Roma-Siedlung. Auf den etwa zwölf Quadratmetern ohne Wasser- und Kanalanschluss leben sieben Personen.

Am Rand der Siedlung stehen kleine illegal errichtete Hütten und Häuser aus Ziegelstein, Wellblech und Holz. Hier leben Familien, die sich keine normale Wohnung leisten können. In einem etwa drei Meter mal vier Meter großen rosarot angestrichenen Häuschen wohnen sieben Personen. Es gibt keine Toilette, weil die illegalen Bauten nicht an das Kanalnetz angeschlossen sind. Hinter der Behausung hat die Familie ein Plumpsklo ausgehoben. Das Wasser holen sie aus dem nahe gelegenen Fluss Mariza. Strom bekommt das kleine Haus über eine Leitung zu einer der Wohnungen im benachbarten Plattenbau. 60 Lewa, umgerechnet 30 Euro, bezahlt die Familie dafür den Wohnungseigentümern pro Monat. Das ist fast die gesamte Sozialhilfe. Ein kleiner Platz mit einem Elektrokocher links neben dem Eingang dient als Küche.

foto: stefanie ruep
Die drei Schwestern wohnen mit ihrer Mutter Liljana in dem rosaroten Haus am Rand von Stolipinowo.

Am dringendsten nötig sei Arbeit, um die Familien irgendwie über Wasser zu halten, sagt eine der Bewohnerinnen. Liljana, sie ist 28 Jahre alt und hat drei Kinder, würde jeden Job annehmen. Die Frau bezeichnet sich selbst als Türkin. Sie spricht gebrochen Bulgarisch, wechselt immer wieder ins Türkische, was die Übersetzung schwierig gestaltet. Ihre drei Mädchen sind sichtlich aufgeregt aufgrund des Besuchs. Sie posieren vor der Kamera und grinsen um die Wette. Die Älteste von ihnen, die siebenjährige Antonetta, hat heuer die Schule begonnen. "Sie hat keine Kleidung für die Schule und keine Schulsachen", beklagt Liljana. Antonetta trägt ein altes, abgetragenes Langarmshirt als Rock.

Die Mädchen sind alles andere als kamerascheu. Die siebenjährige Antonetta (links) hat heuer die Schule begonnen. Ihre Schwester Gamse hat noch ein paar Jahre.

Schichtbetrieb in segregierten Schulen

Auch wenn es für viele Familien schwierig ist, gehen fast alle Kinder in die Schule. "Die Sozialhilfe ist auch an den Schulbesuch geknüpft", sagt Anton Karagjosow. In Medien wurde häufig behauptet, die Kinder würden nicht zur Schule gehen, weil sie untertags auf der Straße unterwegs sind. Das liege aber an dem Schichtbetrieb. Einige Kinder gehen vormittags, andere nachmittags zur Schule, weil es wenige Lehrer in den segregierten Schulen gebe.

Bis vor fünf Jahren führte die Stiftung ein Projekt durch, das über 200 Kinder aus Stolipinowo an bulgarische Schulen im Stadtzentrum brachte, wo sie gemeinsam mit Nichtroma unterrichtet wurden. Es sei ein Weg gewesen, die Kinder zu integrieren, und die Kinder hätten auch viel größere Lernerfolge erzielt. "Kinder, die hier in die siebente Klasse gehen, sind schlechter als Kinder, die in bulgarischen Schulen in die vierte Klasse gehen", sagt der Vorsitzende des Roma-Vereins. Doch die Förderung aus dem Roma Education Fund ist ausgelaufen. Der Stadtrat von Plowdiw stimmte gegen eine Fortsetzung.

Zum Arbeiten nach Deutschland

Dass die Roma von sich aus nicht sesshaft sind und lieber als Nomaden durch die Gegend ziehen, sei eines von vielen Vorurteilen gegenüber der Volksgruppe, sagt Andreas Kunz, der zusammen mit jungen Bewohnern das Community-Radio Stolipinowo macht. "Das ist kein gewilltes Weiterziehen, sondern sie sind armutsbedingt unterwegs." Auch aus Stolipinowo zieht es viele Arbeiter ins Ausland. "Der Hauptausweg ist die Migration. Ihnen geht es im Ausland trotz aller Schwierigkeiten besser", sagt Anton Karagjosow. Viele Männer sind als Handwerker am Bau oder in der Metallverarbeitung, als Schmiede, Schweißer oder Schlosser tätig. Die Frauen arbeiten oft in Fabriken oder als Putzfrauen, tragen Post oder Zeitungen aus. Es zieht sie nach Dortmund, Duisburg oder Gelsenkirchen.

foto: stefanie ruep
Die Plattenbauten aus den 70er-Jahren sind heute Substandard. Die vielen verschiedenfarbigen Fassadenfronten zeugen davon, dass jede Familie die Wohnung selbst so gut wie möglich renoviert.

Nach der Abschaffung des kommunistischen Systems in Bulgarien 1989 haben viele Roma ihre Arbeit verloren. Heute ist es für Roma und Türken schwierig, Arbeit zu bekommen. 60 bis 70 Prozent haben keine geregelte Arbeit, viele schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch. "Es gibt eine verborgene Diskriminierung am Arbeitsmarkt wegen der dunklen Hautfarbe", schildert Anton Karagjosow. Nur in wenigen unsichtbaren Bereichen sind sie in Bulgarien tätig – die Frauen etwa als Straßenkehrerinnen, die Männer bei der Müllabfuhr. Sie erhalten den Mindestlohn von 510 Lewa, also 255 Euro im Monat. Rund 90 Prozent der Arbeitsplätze der kommunalen Reinigungsfirma sind von Roma besetzt. "Wenn die einen Tag streiken würden, dann würden das die Einwohner von Plowdiw schnell merken. Dann versinkt die ganze Stadt im Müll", gibt Karagjosow zu bedenken. (Stefanie Ruep, 30.10.2018)

Compliance-Hinweis: Die Reportage entstand im Rahmen von Eurotours 2018 – einem Projekt des Bundespressediensts, finanziert aus Bundesmitteln. Die Gespräche vor Ort übersetzte der freie Journalist Andreas Kunz, der in der Nähe von Plowdiw lebt.