Die Hürden für Frauen in der Technik

    6. November 2018, 09:00
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    Kaum Vorbilder, erlebte Benachteiligung, Probleme mit der Vereinbarkeit – der mühsame Weg für mehr Frauen in der Technik

    Es ist ein paar Jahrzehnte her, da gab es etwas, wovon heute viele träumen: Mehr Programmiererinnen als Programmierer. Das war zu Anbeginn der Informatik, während des Zweiten Weltkriegs. Damals galt Programmieren als einfache Tätigkeit, die Frauen überlassen wurde. Frauen arbeiteten mit dem ersten vollelektronischen Rechner, dem Mark I. Grace Hooper, eine der Pionierinnen der Informatik entwickelte die erste Programmiersprache. Frauen schulten sogar ihre männlichen Nachfolger ein – denn sie hatten das technische Know-how.

    Als die Informatik in den 50er- und 60er-Jahren bedeutender wurde, drehte sich das Verhältnis. Für viele Historiker, die sich mit dem Thema beschäftigen, liegt das daran, dass sie der Macht zu nahe kamen, sie gewannen mit ihren Positionen an Einfluss. Die Männer lösten schließlich die Frauen ab, unter anderem, weil sie weitere Managementaufgaben in die Branche brachten, höhere Positionen und mehr Geld erhielten.

    Heute, wo qualifizierte Fachkräfte in der Tech-Branche stark nachgefragt sind, sind unzählige Initiativen bemüht, mehr Frauen für Mint-Berufe, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, zu begeistern. Denn Frauen entscheiden sich im Verhältnis deutlich öfter für Fächer aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, sowie Lehramtsstudien als Männer.

    Traditionen hinterfragen

    Und auch bei den Lehrberufen, die Mädchen ergreifen, rangieren Frisörin, Verkäuferin, Bürokauffrau an der Spitze. Immerhin: Erstmals fand sich heuer in der Lehrlingsstatistik ein technischer Beruf, die Metalltechnikerin, unter den Top-Ten-Berufen der Mädchen. Die Verteilung zieht sich naheliegenderweise auch im Berufsleben weiter. "Allgemein muss man sagen, dass die Tendenz nach oben zeigt, dass sich der Anteil an Frauen in der Tech-Branche verbessert", sagt Henrietta Egerth, Geschäftsführerin des Forschungsförderungsgesellschaft, der etwa mit dem Fem-Tech-Stipendium Nachwuchswissenschafterinnen fördert.

    Konkrete Zahlen, wie viele Frauen allgemein im Mint-Bereich arbeiten, gibt es nicht. Laut Statistik Austria sind drei Prozent Naturwissenschaflerinnen, Mathematikerinnen und Ingenieurinnen mit Hochschulabschluss, 0,5 Prozent Frauen arbeiten als akademische Fachkräfte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), und etwa 0,3 Prozent als Technikerinnen in der Ingenieurtechnik und IKT. Laut Eurostat sind 15,6 Prozent Frauen in der IT. Im Forschungs- und Entwicklungsbereich stieg der Anteil, besonders im Hochschulsektor, wo laut Statistik-Austria 2015 36 Prozent des wissenschaftlichen Personals Frauen waren. Und laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien sind Mint-Absolventinnen von Beginn an weniger in den Arbeitsmarktintegriert als Mint-Absolventen – in anderen Ausbildungsfeldern geht die Schere erst drei Jahre nach Abschluss auseinander.

    Dennoch sagt Egerth: "Es geht zu langsam und es ist viel Luft nach oben. Gerade im Unternehmenssektor sind wir hinter anderen europäischen Ländern. Auch im aktuellen Women in Tech Survey Report des Softwareunternehmens Ivanti gibt die Mehrheit der weltweit über 500 befragten Frauen im Tech-Bereich an, dass in den letzten fünf Jahren der Anteil an Frauen in ihrer Branche gestiegen ist. Trotzdem entschieden sich nur 28 Prozent der Befragten für den Beruf, weil sie gut in dem Fach sind, 46 Prozent landeten zufällig in der Branche.Trotz des steigenden Frauenanteils zeigt der Report auch, dass Frauen immer noch Benachteiligung erfahren.

    Benachteiligung erlebt

    So geben fast zwei Drittel der Teilnehmerinnen an, aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt zu werden. Zum Beispiel durch Ablehnung ihrer Vorschläge, ständige Unterbrechungen in Konferenzen oder Bevorzugung männlicher Kollegen bei der Beförderung. Doch nicht ernst genommen zu werden ist nicht die einzige Herausforderung: Für rund ein Drittel der Befragten ist es Sexismus, 43 Prozent vermissen weibliche Vorbilder und etwas weniger sehen ungleiche Bezahlung als größte Herausforderung. Die gleiche Entlohnung ist für die Befragten übrigens auch der Hauptfaktor, den Firmen ändern müssten, um mehr Frauen in die Branche zu bekommen. So verdienen Mint-Absolventinnen zwischen 500 und 600 Euro weniger im Monat als ihre männlichen Kollegen, zeigt die IHS-Studie.

    Auch Vorträge an Schulen und Unis, sowie Frauen in Führungspositionen oder flexible Arbeitszeitmodelle würden helfen. Egerth sieht das ähnlich: An den Absolventinnenzahlen liege es nicht – immerhin schlossen im Studienjahr 2015/2016 rund 36 Prozent der Frauen ein Mint-Studium an einer Universität und 23 Prozent an einer Fachhochschule ab. und auch die Zahl der belegten, begonnenen und abgeschlossenen Mint-Studien ist in den letzten fünf Jahren um jeweils etwa zehn Prozent gestiegen, zeigt die IHS-Studie. Sondern die Unternehmen würden sich noch zu wenig bemühen, Frauen zu gewinnen. Das könnte sich mit dem aktuellen wirtschaftlichen Druck und dem Druck, qualifizierte Fachkräfte zu finden, ändern, vermutet Egerth.

    Frauen im Recruiting ansprechen

    "Firmen müssen Lösungen finden, um für Frauen attraktiver zu werden", sagt die FFG-Geschäftsführerin. Da gehe es einerseits um Klassiker wie den Betriebskindergarten, um Familie und Beruf zu vereinbaren, aber es gehe auch darum, Frauen schon im Recruiting direkter anzusprechen. So würden Tech-affine Startups, die es schwerer haben als große Firmen, qualifizierte IT-Fachkräfte zu finden, häufig Teilzeitstellen ausschreiben. "So fischen sie in einem anderen Bewerberpool, bekommen viele Frauen, weil die oft Teilzeit arbeiten und können eine Vollzeitstelle mit zwei Personen besetzen", sagt Egerth.

    Was die Teilzeitarbeit betrifft, dürften Frauen die Firmen auch "fordern, ein Meeting nicht Freitagnachmittag, sondern am Vormittag zu machen". Egerth plädiert auch für mehr weibliche Vorbilder – bei der Ivanti-Befragung gaben nur 3,5 Prozent an, aufgrund eines Vorbilds an der Schule oder Uni einen technischen Beruf erlernt zu haben. Wichtig sei auch, das Rollenverständnis zu stärken und Kollegen zu schulen, sensibler zu sein.

    Berufseinsteigerinnen rät Egerth, sichtbar zu sein und sich einen Mentor zu suchen, so, wie Männer "ganz selbstverständlich auf ihre Netzwerke setzen". Das muss nicht zwingend eine Frau sein, sondern die beste Person für das Thema: "Wahrscheinlich ist hier manchmal ein Mann besser, dass nicht der Eindruck eines – oft belächelten – Frauennetzwerks entsteht." Auch knapp die Hälfte der befragten Frauen raten Einsteigerinnen, sich einen Mentor zu suchen, 80 Prozent empfehlen, Erfolge hervorzuheben. Und 52 Prozent raten, sich eine dicke Haut zuzulegen. Ob das wieder zu mehr Programmiererinnen als Programmieren führt, wird sich zeigen – zumindest wollen die Vorschläge altbekannte Hürden für Frauen abbauen. (Selina Thaler, 6.11.2018)

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