Autotune: Gefühlsecht oder Teufelszeug?

    Video24. Oktober 2018, 12:00
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    Das digitale Stimmkorrekturwerkzeug prägt moderne Popmusik. Eine kleine Kulturgeschichte anlässlich von Swamp Doggs Album "Love, Loss, and Auto-Tune"

    Vieles deutet auf ein klassisches Soulalbum hin. Die Songs heißen Lonely oder Answer Me, My Love, und der Interpret ist ein einschlägiger Veteran: Jerry Williams alias Swamp Dogg. Seine Biografie ist mit der Soul- und Funkmusik der 1960er und 1970er fest verwoben, seine frühesten Veröffentlichungen datieren gar schon in den 1950ern – da war er noch nicht einmal ein Teenager.

    Später produzierte der US-Amerikaner Alben für Atlantic Records und schrieb Lieder für Soulstars wie Doris Duke oder Z. Z. Hill. Um bei voller Narrenfreiheit einer eigenen Karriere nachgehen zu können, erfand er Swamp Dogg. Als solcher hat er ein neues Album veröffentlicht. Es heißt Love, Loss, and – jetzt kommt’s! – Auto-Tune. Doch kein klassischer Soul.

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    Deep Soul mit Autotune – geht sich das aus? Swamp Dogg versucht es: Lonely.

    Er sei mit einem Freund einen Tag lang im Auto unterwegs gewesen. Nach sieben Stunden habe er sich erkundigt, ob der, der da aus dem Radio trällere, gestorben sei. Warum sonst würde der schon den ganzen Tag gespielt? Er erfuhr, dass das lauter verschiedene Interpreten wären, bloß würden alle Autotune verwenden. Der alte Hase witterte ein Geschäft: Lass uns damit ein Swamp-Dogg-Album aufnehmen! Gesagt, getan.

    Love, Loss, and Auto-Tune ist ein Machwerk. Gut, Swamp Dogg hat viele exzentrische Arbeiten veröffentlicht, insofern fügt es sich einer Tradition. Gleichzeitig karikiert der hemmungslose Einsatz von Autotune das inflationäre Auftauchen dieser technischen Spielerei in der Popmusik.

    Digitales Helium

    Autotune ist ein digitales Werkzeug zur Stimmkorrektur. Es kommt zum Einsatz, wenn das Talent eines Sängers mit der ihm gestellten Aufgabe nicht mithält. Daraus entstand eine eigene Ästhetik, deren Übertreibung ein blutleeres Falsett aus dem Computer zeitigt. Früher musste man für einen ähnlichen Effekt Helium inhalieren, heute macht das Autotune. Wie gleichmacherisch dieser Eingriff wirkt, illustriert Swamp Doggs Anekdote.

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    Ich komme in Liebe – Swamp Dogg will es wissen.

    Autotune ist im zeitgenössischen Pop dauerpräsent. Es besitzt die Aura des Modernismus und gilt als Instrument des 21. Jahrhunderts, dabei ist es ein alter Hut. Es ist so etwas wie die digitale Version eines Vocoders. Das ist ein in den 1930ern für militärische Zwecke entwickeltes Gerät, das Sprachmitteilungen in elektronische Codes verwandelt. Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern "voice" und "encode" zusammen.

    Hippie goes Vocoder

    Seit den 1960ern ist es in der Musik als Effektgerät zur Stimmverfremdung im Einsatz. Wenn es darum ging, eine futuristische Anmutung zu erzielen, kam der Vocoder ins Spiel. Mit der Entwicklung erster Synthesizer war seine künftige Verwendungsweise programmiert. Ende der 1960er experimentierte Synthie-Pionier Robert Moog damit, Mitte der 1970er erklomm Vocodergesang erstmals die Charts der Welt: Die deutsche Band Kraftwerk setzte den Effekt in ihrem Lied Autobahn ein.

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    Kraftwerk fahren auf der Autobahn – Vocodergesang kommt erstmals in die Charts.

    In der Folge spielten experimentierfreudige Künstler wie Stevie Wonder oder Herbie Hancock damit, in den 1980er-Jahre war der Vocoder-Schmäh vielen Synthie-Poppern aber bald wieder zu fad – trotz oder wegen Phil Collins' Welthit In the Air Tonight. 1982 sang sogar Hippie Neil Young auf seinem Album Trans durch das Kastl. Irgendwann war es wieder gut, das vermeintlich Moderne trug längst einen Bart wie ZZ Top.

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    Neil Young erfindet Techno – haha, Scherz! Der ewige Hippie spielt 1982 mit dem Vocoder. Sein Album Trans gilt im Gesamtwerk des Kanadiers als eher wenig populär.

    Eine Zäsur in der Geschichte dieser Ästhetik stellte Chers Welthit Believe dar. Die 1998 erschienene Discowumme war geprägt vom Einsatz des damals neu mit Autotune hergestellten Effekts. Der sickerte anschließend in den Mainstream ein und findet heute in der Kunst von Justin Bieber, Rihanna oder Après-Ski-Techno Einsatz. Und nicht nur dort.

    Malkmus, Lambchop und Cloud Rap

    2005 spielte der Gitarrengott Bob Mould damit, zehn Jahre später war Autotune sogar im Stall der Zeitlupen-Cowboys von Lambchop angekommen. Der einstige Pavement-Sänger Stephen Malkmus verwendet es auf seinem aktuellen Album (und entschuldigt sich auf dem Cover dafür), die elektronische Tanzmusik kann gar nicht ohne, Daft Punk oder Kanye West ebenfalls nicht, Cloud Rap wäre ohne Autotune nicht denkbar.

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    Bob Mould verwendet 2005 Autotune – aus Verehrung für Cher.

    Wie bei anderen Instrumenten gilt, dass die Kreativität des Einsatzes die Qualität ausmacht. Die meisten Produktionen verwenden es als bloß als Gimmick – und klingen entsprechend: gleichmacherisch, öde, der Idee der individuellen Färbung und Emotionalität der Stimme zuwiderlaufend. Autotune wurde deshalb schon als neoliberal beschimpft und als Fälschung echter Gefühle denunziert.

    Echte oder falsche Brunft

    Davor ist nicht einmal ein alter Schwerenöter wie Swamp Dogg gefeit. Zwar befürwortet er beherzt Sex With Your Ex, doch viel mehr als eine Karikatur wahrhaftiger Brunft schaut bei seiner Autotune-Erregung nicht heraus. Ein Song wie I’ll Pretend liest sich wie da wie das Geständnis eines Fälschers. Ist es nicht, denn er spielt ja von Beginn an mit offenen Karten.

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    I'll Pretend – eine Autotune-Ballade von Swamp Dogg.

    Dennoch wird Love, Loss, and Auto-Tune bloß in seinem satirischen Schaffen als Höhepunkt Eingang finden. Musikalisch ist man mit klassischen Alben wie Total Destruction To Your Mind oder Cuffed, Collared & Tagged doch besser versorgt. Die kommen ohne Helium aus dem Computer aus. (Karl Fluch, 24.10.2018)

    • Swamp Dogg: Es ist nie zu spät für Autotune. Oder immer – je nach Weltsicht. Auf seinem Album Love, Loss, and Auto-Tune gibt er sich der Spielerei ausgiebigst hin.
      foto: erik madigan heck

      Swamp Dogg: Es ist nie zu spät für Autotune. Oder immer – je nach Weltsicht. Auf seinem Album Love, Loss, and Auto-Tune gibt er sich der Spielerei ausgiebigst hin.

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