Reader, Inbox, Google+: Wie Google seine größten Fans vergrault

    16. November 2018, 11:43
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    Unternehmen nimmt wirtschaftlich verständliche aber auch sehr kurzsichtige Entscheidungen vor

    Die öffentliche Kritik an Google ist in den letzten Jahren immer stärker geworden. Gleichzeitig schart das Unternehmen aber auch eine eingeschworene Fangemeinde um sich. User, die jeden neuen Service des Unternehmens ausprobieren, die auf Google-Events warten wie andere auf das neue iPhone. Doch aktuell ist der Softwarehersteller gerade auf dem "besten" Weg genau diese Gruppe zu vergraulen.

    Doppelschlag

    Zwei Entscheidungen der letzten Wochen brachten selbst die größten Google-Fans gegen das Unternehmen auf: Die Einstellung des sozialen Netzwerks Google+ und jene des Mail-Clients Inbox. Für beide hatte Google bei der Vorstellung lautstark getrommelt, und so loyale Nutzer dazu gebracht, viel Zeit in sie zu investieren. Diese nun einfach so abzudrehen, mutet manchen gar als Verrat an den enthusiastischen aller Google-Nutzer.

    Soziales Netzwerk

    Google+ war Mitte 2011 mit großen Ambitionen an den Start gegangen: Nichts weniger, als Facebook Konkurrenz machen, wollte man damals – und nahm dafür sogar so manche interne Kontroverse in Kauf. Wurde doch der Versuch Google+ zum Zentrum aller Dienste von Google zu machen, längst nicht von allen Entwicklern positiv aufgenommen. Vor allem aber betonte man damals in Interviews unmissverständlich: Hierbei handelt es sich nicht einfach um ein weiteres Experiment, man stehe langfristig hinter dem Projekt, und werde im Bedarfsfall einfach die notwendigen Anpassungen vornehmen.

    Die Realität sah freilich anders aus: Die breite Masse konnte Google+ nie erreichen. Was aber sehr wohl gelang, ist einige durchaus aktive Communities zu etablieren, die die Plattform bis zuletzt für Fachdiskussionen nutzen. Dabei drehte sich vieles um Android und Google selbst, aber auch viele prominente Open-Source-Entwickler gaben Google+ gegen Facebook den Vorzug. Google hingegen verlor nach ein, zwei Redesigns recht bald das Interesse, was sich zuletzt auch durch ein immer stärker steigendes Niveau an Spam und verschwörungstheoretischen Postern zeigte.

    Zu kurz gedacht

    Aus einer wirtschaftlichen Sicht ist das Aus für Google+ angesichts der paar hunderttausend Nutzer, die am Schluss noch übriggeblieben sein sollen, natürlich verständlich. Kein Unternehmen kann dazu verpflichtet werden, einen Dienst bei ausbleibendem Erfolg ewig zu betreiben. Trotzdem fühlen sich nun viele verbliebene Google-Fans betrogen. Immerhin hatte Google zum Start explizit betont, dass der entscheidende Gradmesser für einen Erfolg sei, die loyalsten Fans zur Nutzung zu bringen. Genau diese seien aber auch bis zum Schluss geblieben, und werden nun im Regen stehengelassen, wie Techjournalist Mike Elgan betont – und einen harten Vergleich zieht. Google sei das neue Yahoo, man könne dem Unternehmen einfach nicht mehr vertrauen.

    Die Art wie Google das Ende des sozialen Netzwerks verkündet hat, steigert da nur die Verärgerung. Mit dem Hinweis auf eine längst geschlossene Sicherheitslücken und strategisch parallel zu einem Apple-Event verkündet, sollte das Thema rasch begraben werden. Ein besonderer Treppenwitz der Geschichte ist übrigens, dass man für Google+ damals den Google Reader eingestellt hat – ein weiterer Dienst, dessen Abgang viele einstige Fans dem Unternehmen bis heute übel nehmen.

    Inbox

    Ähnlich verhält sich die Situation rund um Inbox: Der alternative Gmail-Client war Mitte 2014 ebenfalls mit großspurigen Aussagen vorgestellt worden. Jahrelang habe man im Geheimen an Inbox gearbeitet, um nichts weniger zu entwickeln als "die Zukunft des E-Mails". Und zwar eine, die signifikant anders als klassische Mail-Clients aussehen sollte: Der Maileingang wird hier als eine Art zentrale TODO-Liste betrachtet, die es abzuarbeiten gilt. Entsprechend ließen sich bei Inbox neben abzuarbeitenden Mails auch Reminder und Links auf Artikel anzeigen. Ein Konzept, das recht augenscheinlich nicht die breite Masse für sich begeistern konnte – verlässliche Zahlen zur Nutzung wurden nie veröffentlicht – aber von seinen Nutzern hoch geschätzt wurde.

    Genau dies macht das Ende von Inbox für dessen User nun auch so unangenehm: Die Empfehlung Googles einfach wieder das normales Gmail zu verwenden, mag zwar von der Papierform her richtig sein. Damit geht aber nicht nur ein komplettes Neulernen alter Nutzungskonzepte einher, Gmail kann einfach vieles weiter nicht, das Inbox für seine Nutzer so reizvoll machte. Einiges davon will Google zwar in den kommenden Monaten noch hinzufügen – wie etwa die Bundles, die verwandte Mails übersichtlich zusammenfassen – das ändert aber nichts daran, dass das Grundkonzept einfach ein anderes ist.

    Der Wert von "Early Adopters"

    Betrachtet man die Milliarden Nutzer, die Google hat, mögen diejenigen, die Google+ oder Inbox benutzt haben, statistisch kaum relevant sein. Und genau so scheint das Unternehmen solche Entscheidungen auch zu treffen: Mit einem simplen Blick auf die Zahlen. Doch dabei übersieht man etwas entscheidendes, wie Computerworld-Autor JR Raphael herausstreicht: Mit solchen Aktionen vergraule man nämlich die enthusiastischsten der eigenen Fans. Und diese werden sich beim nächsten neuen Google-Service zweimal überlegen, ob sie sich auf diesen einlassen. Genau diese "Early Adopters" sind es aber, die für das Wachstum eines neuen Dienstes essentiell sind. Insofern könnte sich Google mit seiner simplen Rechnung ganz gehörig verkalkulieren. (Andreas Proschofsky, 16.11.2018)

    • Artikelbild
      foto: noah berger / ap
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