Forscherin: "Wir bringen Roboter in die Haushalte"

    Interview25. Oktober 2018, 07:00
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    Feldforschung in Roboterfamilien: Interaktionsforscherin Astrid Weiss untersucht, wie "künstliche Gefährten" im Eigenheim aufgenommen werden

    Wie müssen Aussehen, Fähigkeiten und Verhalten von Robotern gestaltet sein, damit Menschen problemlos mit ihnen interagieren können? Auf diese Frage möchte Astrid Weiss, die zu Mensch-Roboter-Interaktion forscht, eine Antwort geben. Nachdem erste Robotiksysteme auch für Endnutzer verfügbar sind, ist hier die Zeit der Feldforschung angebrochen. Davon berichtet Weiss auch als Vortragende beim Austrian Robotics Award, der am Mittwoch erstmals vergeben wird.

    STANDARD: Companion-Robots sollen Menschen im Alltag unterstützen und ihre Nutzer auf einer emotionalen Ebene ansprechen. Sie starten gerade eine Langzeituntersuchung, die den Umgang mit diesen "Gefährten" zum Thema hat. Worum geht es da?

    Astrid Weiss: Derartige Systeme wurden bisher vor allem in Labors getestet. Wir wollen herausfinden, ob und wie sie tatsächlich in den Alltag der Menschen integriert werden. Wir verwenden dafür einen Roboter namens Buddy des französischen Entwicklers Blue Frog Robotics. Er soll an Aufgaben erinnern, den Haushalt überwachen, mit Kindern spielen und Mails vorlesen. Eine ganze Reihe von Fragen sollen im Projekt geklärt werden: Wird der Roboter nachhaltig akzeptiert? Wie wird er von den unterschiedlichen Nutzergruppen verwendet? Ist er vielleicht nur am Anfang spannend und verschwindet nach kurzer Zeit im Schrank? Vermissen ihn die Menschen, wenn er weg ist, oder sind sie froh darüber?

    STANDARD:Wie gehen Sie an diese Problemstellung heran?

    Weiss: Wir bringen Buddy in möglichst unterschiedliche Privathaushalte – von der Jungfamilie mit Kindern über alleinlebende Seniorinnen und Senioren bis zur Studierenden-WG. Die Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen bekommen ihn für sechs Monate und nach einer Pause für einen weiteren Monat zur Verfügung gestellt. Durch Interviews stellen wir fest, wie die Nutzung wahrgenommen wird. Aber auch Logdaten der Roboter werden ausgewertet. Diese Quellen kann man dann gegenüberstellen.

    STANDARD: Wo ist die Grenze zwischen der Bedienung einer Maschine und einer Interaktion mit ihr?

    Weiss: Maschinen werden als etwas Passives gesehen. Sie brauchen Input und reagieren mit Output. Roboter sollen dagegen selbst proaktiv Input einbringen. Ein Serviceroboter kann etwa auf einen Menschen zukommen, um ihn anzusprechen. Bei Unklarheiten kann er nachfragen. Ist ein Wunsch nicht erfüllbar, kann er Alternativen anbieten. Außerdem können Roboter die gemeinsame physikalische Umwelt manipulieren, indem sie etwa Objekte greifen.

    STANDARD: Welche Mechanismen stehen zur Verfügung, um die Interaktion zwischen Mensch und Roboter zu verbessern?

    Weiss: Man versucht, mit sogenannten Social Cues zu arbeiten, Merkmalen, die das soziale Verhalten des Menschen ansprechen. Das kann die äußere Form betreffen, etwa indem man den Roboter menschenähnlich gestaltet. Aber auch Gestik, Mimik oder Dialogfähigkeiten können angepasst werden. Man kann ihm höfliche Umgangsformen geben und "Bitte" und "Danke" sagen lassen. Zudem ist Transparenz in der Interaktion wichtig. Handlungen der Roboter sollten vorhersehbar sein. Sie sollten Feedback über ihren aktuellen Status geben. Bei einer Fernbedienung sehe ich die Knöpfe, die ich drücken kann. Bei einem Roboter ist es schwieriger, klar zum Ausdruck zu bringen, welche Fähigkeiten er hat, wie die Interaktion funktioniert und ob sie gerade erfolgreich ist.

    STANDARD: Heute verlangt die Interaktion mit Robotern Anwendern oft noch Geduld ab. Wie steht es um die Bereitschaft der Menschen, sich darauf einzulassen?

    Weiss: Da haben wir ein grundlegendes Problem: Wer an einer Robotikstudie teilnimmt, ist selten ein Technikskeptiker. Probandinnen und Probanden sind bemüht, die gestellten Aufgaben bestmöglich zu lösen. In Langzeitstudien nützt sich dieser Effekt ab, und man kann eher abschätzen, ob Menschen auch von sich aus mit den Geräten interagieren.

    STANDARD: Ein künftiger Einsatz von Robotern in der Pflege ist sowohl mit überzogenen Hoffnungen als auch mit Angstvorstellungen verknüpft. Was kann man hier in den nächsten Jahren realistischerweise erwarten?

    Weiss: Es gibt Systeme, die bereits am Markt sind. Die Roboterrobbe Paro wird gezielt im therapeutischen Kontext eingesetzt. Sie hat die Form eines Stofftiers und reagiert auf Streicheln mit Bewegungen und tierähnlichen Lauten. Absehbar ist auch der Einsatz von Robotern, die auf Gängen patrouillieren oder Wäsche und Müll einsammeln. Tatsächliche Pflegeroboter für ältere Menschen, die ihre Nutzer ohne technischen Support zu Hause unterstützen, sehe ich dagegen noch in weiter Ferne.

    STANDARD: Es gibt die Theorie des sogenannten "Uncanny Valley", laut der Roboter ein Unbehagen auslösen, wenn sie sehr menschenähnlich sind. Werden wir uns langfristig an künstliche Ebenbilder gewöhnen?

    Weiss: Das Uncanny Valley ist eine theoretische Annahme aus den 1970er-Jahren, als es noch keine empirischen Daten in diesem Bereich gab. Heute deuten erste Studien darauf hin, dass es sich bei dem Phänomen nicht nur um ein Uncanny Valley handelt, sondern um ein Uncanny Cliff – das heißt, dass diese Irritationen ab einer gewissen Menschenähnlichkeit offenbar bestehen bleiben. Wir sind aber noch weit davon entfernt, derartige Systeme im Alltagsleben testen zu können. Da ist es schwer, Prognosen abzugeben.

    STANDARD: Verbessert sich nun aber die Interaktion, wenn man Roboter möglichst menschenähnlich gestaltet? Oder ist es besser, sie klar als Maschine erkenn- und einschätzbar zu machen?

    Weiss: Es kommt auf das Interaktionsszenario an. In der Altenpflege ist die Antwort eine andere als im industriellen Kontext. Sie ist aber auch kulturabhängig. In westlichen Kulturen wird ein klares Verstehen der Funktionalität besser bewertet als Menschenähnlichkeit. Das ist im asiatischen Raum weniger stark ausgeprägt. Generell lässt sich sagen, dass eine leichte Menschenähnlichkeit hilfreich ist. Wenn man Systemteile als Arm oder als Kopf interpretieren kann, vermittelt das eine Vorstellung davon, wie man interagieren kann. Man kann aber nicht sagen, dass sich die Interaktion um einen messbaren Faktor verbessert, wenn der Roboter anthropomorpher gestaltet ist. (Alois Pumhösel, 25.10.2018)


    Astrid Weiss (36) ist am Institut für Visual Computing & Human-Centered Technology der Technischen Universität Wien auf die Erforschung der Interaktion zwischen Menschen und Robotern spezialisiert. 2017 erhielt die an der Universität Salzburg ausgebildete Soziologin ein Elise-Richter-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF. 2018 wurde Weiss Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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