Die Spuren des Antisemitismus in der Türkei

    26. Oktober 2018, 06:00
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    Türkei-Experte Kerem Öktem hat jüdische Migrationswellen und Entstehung des türkischen Antisemitismus nachgezeichnet

    Es war im Sommer 2013, als sich die Wut von Millionen Türken gegen Erdogans autoritären Regierungsstil und die zunehmende Islamisierung der Türkei erstmals in großem Stil Luft machte. Auslöser der wochenlangen Proteste war eine Demonstration gegen Bauarbeiten im Istanbuler Gezi-Park. Für die Regierung war klar, dass dieser Volksaufstand von "ausländischen Kräften" geschürt wurde. Konkret nannte der stellvertretende Ministerpräsident Besir Atalay die jüdische Diaspora.

    "Wie Millionen Menschen haben natürlich auch viele türkische Juden im Ausland diese Proteste unterstützt", weiß der Türkei-Experte Kerem Öktem vom Zentrum für Südosteuropa-Studien an der Universität Graz. "Von der Regierung aber wurden die Ereignisse als Folge einer jüdischen Weltverschwörung dargestellt. An dieser absurden Schuldzuweisung zeigt sich beispielhaft, wie Antisemitismus entsteht beziehungsweise verfestigt wird."

    Umschwung im Diskurs

    Mit der Wahl der AKP gelangte 2002 in der Türkei auch der traditionell israelkritische bis -feindliche politische Islam an die Macht. Als die israelische Marine 2010 ein türkisches Schiff mit Hilfsgütern für den Gazastreifen enterte, wobei neun Aktivisten getötet wurden, verschärfte sich die antiisraelische Rhetorik.

    Der vorher noch relativ subtile Umschwung im politischen Diskurs wurde deutlicher. "Als Erdogan drei Jahre später auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Israel zornig als Unrechtsstaat bezeichnete, hatten viele türkische Juden Angst, dass diese politische Israel-Kritik in Antisemitismus umschlägt", berichtet Kerem Öktem.

    In seiner aktuellen Forschungsarbeit versucht er nachzuzeichnen, wie sich diese Ereignisse auf die jüdischen Türken ausgewirkt haben. "Aus zahlreichen Interviews ging hervor, dass viele ans Auswandern dachten." Die Gezi-Proteste haben diesen Trend weiter verstärkt: "Den Leuten war bald klar, dass es zu keiner Liberalisierung des Systems kommen würde – ganz im Gegenteil."

    In der Folge haben vor allem viele jüngere und gebildete Menschen die Türkei verlassen, darunter auch etliche jüdische Türken. "Mit den wiederholten Verweisen auf jüdische Lobbys, die das Erstarken der Türkei verhindern wollen, hat sich auch das antisemitische Grundklima verdichtet. Das hat natürlich Auswirkungen auf den Alltag der Menschen."

    Fluchtland Türkei

    Bis in die 1990er-Jahre war Antisemitismus in der Türkei kein großes Thema. Es gab sogar eine lange Phase in der türkischen Geschichte, in der verfolgte Juden sehr willkommen waren. Ab 1492 wurden zehntausende im Zuge der Reconquista aus Spanien vertriebene Juden mit offenen Armen im damaligen Osmanischen Reich aufgenommen. Dahinter stand weniger ein humanitärer Grund als die durch und durch pragmatische Politik von Sultan Bayezid II.

    "Man wollte die Juden ins Land holen, damit sie am Aufbau des Reiches mithelfen", erklärt Kerem Öktem. "Von ihnen erhoffte man sich neues technologisches Know-how und Kapital, da ja auch reiche Banker aus Spanien fliehen mussten." Weil im Osmanischen Reich damals im Gegensatz zu den europäischen Ländern Religionsfreiheit herrschte, kamen auch schon vor 1492 und danach immer wieder Juden ins Land.

    Mit der Gründung der türkischen Republik im Jahr 1923 und dem damit einhergehenden Nationalismus war es mit der friedlichen Koexistenz osmanischer Prägung jedoch bald vorbei. Ab den 1930er-Jahren wanderten in der Folge immer mehr türkische Juden nach Israel aus.

    Auch Frankreich war ein wichtiges Zielland: "Viele türkische Juden sprachen Französisch, da von jüdischen Verbänden in Frankreich ab Mitte des 19. Jahrhunderts moderne jüdisch-französische Schulen im Osmanischen Reich finanziert wurden", sagt Öktem.

    Gerettete Retter

    Aber Frankreich wurde für Juden ab 1942 zur tödlichen Falle, zigtausende von ihnen wurden in Nazi-KZs deportiert. Einige konnten sich aufgrund ihres osmanischen Passes allerdings in die Türkei retten. Auch österreichische und deutsche Juden entgingen durch ihre Flucht in die Türkei dem sicheren Tod.

    Einer davon war der Frankfurter Pathologie-Professor Philipp Schwartz, der durch den Erlass des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" 1933 wie alle Universitätsprofessoren jüdischer Herkunft fristlos entlassen wurde. "Schwartz gründete die sogenannte Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, die hunderte Professoren in die Türkei vermittelte", berichtet Kerem Öktem. "Bereits 1933 konnte er die Leitung der pathologischen Abteilung der Universität Istanbul übernehmen."

    In Würdigung dieses geretteten Retters wurde übrigens vor drei Jahren von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung die Philipp-Schwartz-Initiative ins Leben gerufen. Das Programm ermöglicht es gefährdeten und verfolgten Wissenschaftern aus der ganzen Welt, in Deutschland zu forschen und zu lehren. In den letzten Jahren haben davon auch mehrere Hundert türkische Forscher davon profitiert.

    Importierte Hetze

    Auch wenn sich viele Juden vor der Nazi-Verfolgung in die Türkei retten konnten, war die Haltung dieses Landes in der Judenfrage höchst ambivalent. Mehrere Flüchtlingsboote wurden abgewiesen, zudem war die massive antisemitische Propaganda Deutschlands nicht spurlos an der türkischen Bevölkerung vorübergegangen. "Etliche türkische Zeitungen und Zeitschriften übernahmen begeistert die (Bild-)Sprache des 'Stürmers'", schildert Kerem Öktem. "Das war der Anfang des modernen Antisemitismus in der Türkei."

    Mit der Staatsgründung Israels 1948 wurde dieser weiter geschürt. "Etwa die Hälfte der rund 100.000 türkischen Juden ist damals nach Israel ausgewandert." In den 1970er-Jahren kam es dann zu ersten Kontakten linker Gruppierungen mit der PLO, die Kritik an Israel und seinem Umgang mit den Palästinensern wurde vor allem bei den Linken schärfer.

    Mit dem politischen Islam der AKP wurden schließlich auch die antisemitischen Untertöne immer lauter. So hat man nicht nur die Gezi-Proteste als Folge einer jüdischen Verschwörung gesehen, sondern auch den gescheiterten Putschversuch im Juli 2016. Die darauffolgende massive Entlassungswelle in Justiz, Militär, Universitäten und Schulen etc. spülte von der ohnehin auf höchstens 15.000 Menschen geschrumpften jüdischen Community einen weiteren Teil aus dem Land.

    "Heute ist der Antisemitismus in der Türkei ein konstituierendes Element im politischen Diskurs", sagt Öktem. "Gleichzeitig hat sich aber das Handelsvolumen zwischen Israel und der Türkei in den letzten Jahren verzehnfacht." Ein Widerspruch, der eine große Portion Pragmatismus in sich birgt. Den zumindest hat die heutige türkische Politik mit den Osmanen des 15. Jahrhunderts gemein. (Doris Griesser, 26.10.2018)

    • Eingang der aschkenasischen Synagoge im Istanbuler Stadtteil Galata. Sie wurde 1900 von österreichischen Juden errichtet.
      foto: kerem öktem

      Eingang der aschkenasischen Synagoge im Istanbuler Stadtteil Galata. Sie wurde 1900 von österreichischen Juden errichtet.

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