"Fucked-up Science": Auch Forschende scheitern

    Blog24. Oktober 2018, 08:00
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    Die Wissenschaftskommunikation hat Fehlschläge und Irrwege in der Forschung als neues Themengebiet entdeckt. Wie es Forschenden damit geht und wie man Fehlschläge eigentlich verkraftet

    Kürzlich wurde ich im Zuge des FWF-Be-Open-Festivals zu einem Slam eingeladen. Es solle um "Fucked-up Science" gehen – also um Geschichten rund um Fehlschläge, Misserfolge, Frust und Frustrationstoleranz. Das klang spannend – aber auch sehr herausfordernd. Denn seien wir uns ehrlich – wer erzählt denn gerne außerhalb des engsten Familien- und Freundeskreises, was alles schiefgeht und wo man selbst Fehler gemacht hat?

    Misserfolge und Irrwege sind aber innerhalb der Wissenschaftskommunikation neu entdeckt worden – zum einen sind es ja oft Fehler oder Sackgassen, die zu eigentlichen Entdeckungen führen, zum anderen sind es Fehler, die Forscherinnen und Forscher menschlich machen beziehungsweise menschlicher erscheinen lassen. 2016 hatte der deutschen Psychologe Johannes Haushofer mit der Veröffentlichung seines "Lebenslauf des Scheiterns" eine ausführliche Debatte ausgelöst. Sei die Wissenschaft zu erfolgsorientiert? Ist es noch immer ein Tabuthema über Absagen, Misserfolge und Scheitern zu sprechen? Fallen wir wirklich täglich auf die Nase?

    Die Schattenseiten akademischer Lebensläufe

    So wie Haushofer, so haben wohl alle Forscherinnen und Forscher auch einen "negativen" Lebenslauf, der mit all den Absagen von Projekten und Anstellungen und/oder sonstigen Misserfolgen gefüllt werden könnte. Auch mein eigener Lebenslauf des Scheiterns wäre ziemlich umfangreich und würde Absagen aus Ägypten, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kanada, den USA und natürlich Österreich umfassen. In meinem offiziellen "Erfolgs-CV" gibt es übrigens eine Sparte "Nominierungen" – dort sind Vorschläge für so prestigereiche Dinge wie zum Beispiel den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis angegeben. Zwar habe ich den Preis damals nicht bekommen, ich fand es in der ganz frühen Post-Doc-Phase aber einfach toll, vom Präsidenten meiner damaligen Universität vorgeschlagen worden zu sein. Allerdings musste ich mir anlässlich von Bewerbungen auf Stellen schnell anhören: "Also so Negatives im CV wie diese nicht bekommenen Preise würde ich dringend vermeiden."

    Fehler und Niederlagen passieren auch Forschenden.

    Die Nominierung für Nachwuchspreise ist also etwas Negatives, wenn man den Preis nicht wirklich abräumt? Alleine bei Listenplätzen in Berufungsverfahren gilt, dass nicht nur der Hauptpreis zählt, sondern auch zweite und dritte Plätze in Lebensläufen angegeben werden. Ich hörte nicht auf die damaligen Ratgeber und trotz Nennung der "negativen" Preise, für die ich "nur" nominiert war, waren einige meiner Bewerbungen erfolgreich. Warum also wirklich nicht ein wenig weitergehen und wie Haushofer auch abgelehnte Drittmittelanträge anführen? Bei den Bewilligungsquoten von FWF und ERC müsste eigentlich völlig klar sein, dass nicht jeder Antrag Erfolg haben kann. Hinter beziehungsweise neben jedem erfolgreichen Antrag stehen oft mehrere Ablehnungen und Fehlversuche, die sehr viel Zeit und Mühen kosten, die anderswo eingespart werden mussten.

    Zwischen Lust und Frust

    Ganz kurz hatte ich wirklich überlegt, beim Slam auf missglückte Anträge und entsprechende Sorgen einzugehen. Von meinen letzten vier Projektanträgen wurde nämlich kein einziger bewilligt – da es hier jeweils nicht um meine Zukunft, sondern um Stellen für Doktoranden und Post-Docs ging, sitzt dieser Stachel des Versagens ziemlich tief. Natürlich arbeite ich bereits am nächsten Antrag, aber gerade das knappe Scheitern in der allerletzten Runde der deutschen Exzellenzstrategie war für meine Münchner Kolleginnen und Kollegen und mich ein gehöriger Dämpfer.

    Schließlich entschied ich mich für den Slam auf Frustrationsmomente in meiner eigenen Forschung einzugehen. Hier wäre es bei archäologischen Grabungen ein Leichtes, all die naturwissenschaftlichen Analysen anzuführen, die am Erhaltungszustand der Proben wie beispielsweise von Knochen und Zähnen gescheitert sind. C14-Datierungen von Skeletten und die Alt-DNA-Sequenzierung wären für mein Projekt so unglaublich wichtig gewesen, aber aufgrund des Probenmaterials einfach nicht machbar. In den Fokus stellte ich dann aber doch die Geschichte der Ausgrabung eines Grabes auf der Nilinsel Sai, die lange zwischen komplettem Fehlversuch und Schadensbegrenzung schwebte.

    Von der Enttäuschung zum i-Tüpfelchen

    Die Arbeiten meines Projekts AcrossBorders in einem großen Friedhofsareal auf der Insel im Sudan begannen zunächst 2015 sehr enttäuschend. Fast zwei Wochen lang säuberten wir eine große Fläche, ohne jeglichen Hinweis auf ein Felsgrab. Erst als wir ein neues Areal in Angriff nahmen, gelang tatsächlich die erhoffte Entdeckung: Ein tiefer Schacht zeichnete sich ab und führte zu unterirdischen Kammern. Schnell wurde durch sehr kleine Knochensplitter in der Schachtverfüllung klar, dass das Grab antik beraubt war, wir also unsere Erwartungen an den unterirdischen Teil gering halten sollten. Dennoch war es eine Art Super-GAU, als wir zu Beginn der nächsten Ausgrabungskampagne erfuhren, dass während der Sommerpause Grabräuber eingedrungen waren. Eine schnelle Kontrolle stellte aber sicher, dass in den unteren Kammern wenig zerstört worden war, wir also mit einem Schrecken davon gekommen waren.

    foto: julia budka
    Die zunächst erfolglose Suche nach einem neuen Felsgrab auf der Insel Sai.
    foto: julia budka
    Das schockierende Bild nach der Sommerpause: Moderne Grabräuber hatten den von uns gesicherten Schacht komplett leergeräumt.

    Die Ausgrabung lief dann fast planmäßig und auch wenn der Erhaltungszustand der nun zu Tage kommenden Skelette schlecht war, die Arbeitsbedingungen mühsam und alles viel langsamer ging als geplant, so machten wir das Beste daraus. Zwar lief uns die Zeit davon und der Druck stieg, da der Aussagewert der Funde bis 2016 sehr eingeschränkt war. Dennoch machte ich die finale Dokumentation und Ausgrabung im Grab zum Fokus der letzten Kampagne von 2017 und plante zähneknirschend umfassend Zeit ein – die ich natürlich anderswo einsparen musste. Aber dann lief plötzlich alles wie am Schnürchen. Eine tatsächlich noch intakte, verborgene Grabkammer mit zwei Bestattungen und tollen Funden kam ebenso zum Vorschein wie eine weitere Kammer mit fast einem Dutzend gut erhaltener Skelette. Nach drei Jahren Grabungen mit vielen Nieten und Rückschlägen, hatte das Projekt genau das erreicht, was geplant war: gut datiertes Skelettmaterial und assoziierte Funde, um Aussagen über die Bestattungssitten und den Gesundheitszustand der Bewohner von Sai machen zu können.

    Mitten im Leben – Wissenschaft als Prozess

    Neben einer gewissen Flexibilität in der Planung und Durchführung von Projekten gehört also meist auch eine Portion Beharrlichkeit sowie das nötige Quäntchen Glück zum Erfolg dazu. Forschung umfasst verschiedene wissenschaftliche Arbeitsprozesse, die je nach Fach und Fragestellung komplexer und mehrphasiger sein können, aber generell eben immer eine Abfolge darstellen. Während eines Prozesses können immer Probleme auftreten und die Ergebnisse sind nie gesichert. Wissenschaft funktioniert nicht auf Knopfdruck und es gibt keine Maschine die einfach rundum fertige Resultate ausspuckt – mit Analysen, Experimenten oder Ausgrabungen beginnen erst die eigentlichen Arbeiten und Denkvorgänge.

    Ähnlich komplex wie unsere Forschung und Arbeitsprozesse sind auch wir Forscherinnen und Forscher selbst. Auch wenn wir meist nur dann prominent in Erscheinung treten, wenn wir Preise und Projekte einfahren oder Publikationen vorstellen – dahinter steckt immer viel mehr, auch viele Schattenseiten, viel vergebliches Daumendrücken und zahlreiche Rückschläge. Das konnte beim Slam die Gewinnerin Miriam Unterlass besonders gut darstellen – zu ihrer so unglaublich überzeugenden Erfolgsgeschichte gehören auch etliche Enttäuschungen, die aber nicht sichtbar sind sondern unter der Oberfläche bleiben.

    Mir selbst gehen Absagen zwar noch immer nahe, aber ich habe mir auch eine "Jetzt-erst recht"-Haltung angeeignet, die mich motiviert und anspornt. Jeder geht anders mit Erfolgen und auch mit Fehlschlägen um – im Umgang mit letzteren könnte es in der Tat helfen, sich bewusst zu machen, dass man keinesfalls als alleinige Versagerin dasteht, sondern in sehr guter Gesellschaft ist. Mitten im Leben eben. (Julia Budka, 24.10.2018)

    Julia Budka ist Ägyptologin und Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München. Sie forscht mit einem Kooperationsprojekt in Ägypten (Anch-Hor-Projekt) auch am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 2014 wurde sie zum Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW gewählt und fungierte von 2015 bis 2018 im fünfköpfigen Direktorium. Twitter: @jubudka

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