"Newsweek"-Cover: Provokation als journalistische Methode

    22. Oktober 2018, 17:53
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    Das Titelbild mit dem Kanzler passt in die Tradition des Nachrichtenmagazins

    Wien – Sebastian Kurz auf dem Cover von "Newsweek" – daran scheiden sich seit vergangenem Freitag die Geister. Die einen sehen den schneidig abgebildeten Kanzler auf der Titelseite des US-Nachrichtenmagazins in voller positiver Strahlkraft dargestellt. Die anderen merken an, dass im Artikel Österreich weniger gut dasteht, das Land nach der Beschreibung der Deutschland-Korrespondentin Elizabeth Schumacher dunklen Zeiten entgegenschaut.

    In guter Gesellschaft

    So oder so, Kurz befindet sich in guter Gesellschaft. Mit provokanten Cover-Porträts weckt Newsweek gern die Aufmerksamkeit seiner Leser. Donald Trump schafft es als Präsident mit knackigen Fotomontagen besonders oft auf Seite eins, etwa mit schräg aufgesetztem Stahlhelm und dem Titel "Ready for War?". Russlands Staatschef Wladimir Putin wurde als "Paria" bezeichnet.

    Frauen sind selten ganz vorn. Angela Merkel kam zu Ehren – mit Pech an den Schultern und dem Titel "Achtung, it's Angela". Auffallend oft befinden sich die Titelhelden im Krieg, etwa "Hillary's War", "Clooney's War", "God & War" , "The War on College", "The War on Christians".

    Die Titelporträts haben eine lange Tradition beim New Yorker Nachrichtenmagazin. Von Adolf Hitler bis Albert Einstein und Bruce Springsteen reichte das Repertoire, als Newsweek relevantes Qualitätsmedium war, dem Leser rund um die Welt vertraut.

    Zu nachhaltigem Erfolg

    1933 von dem US-Soldaten und Journalisten Thomas J. C. Martyn als News-Week gegründet, übernahm die Washington Post 1961 den Titel und führte ihn mit großen Reportagen über Politik und Gesellschaft zu nachhaltigem Erfolg. Newsweek erschien da mit einer Auflage von mehr als vier Millionen Stück und galt als einflussreichstes Medium neben dem Time-Magazin.

    Das Internet brachte den Niedergang. 2010 wurde die Wochenzeitschrift um einen symbolischen Dollar an den Hi-Fi-Milliardär Sidney Harman verkauft. Die Kollaboration zwischen Newsweek und der Onlineplattform "Daily Beast" schlug fehl. Ende 2012 stellte Newsweek den Betrieb der gedruckten Ausgabe ein.

    Zu neuem Leben erweckte sie das Onlinemedienhaus IBT Media. Seit März 2014 erscheint Newsweek wieder in Print – und leistete sich prompt zum Auftakt einen peinlichen Patzer um den vermeintlichen Erfinder des Bitcoins. In der Coverstory in Newsweek International über Kurz finden sich ebenfalls etliche faktische Ungenauigkeiten.

    "Newsweek" in den Schlagzeilen

    Zuletzt geriet das Magazin selbst in die Schlagzeilen: Der Chefredakteur, der Nachrichtenchef und eine Reporterin wurden nach Recherchen über dubiose finanzielle Verbindungen zwischen dem Vorstandsvorsitzenden des Verlags und einer christlichen Kirche entlassen.

    Heute publiziert Newsweek Inc. nationale, internationale und lizenzierte Ausgaben mit einer kumulierten Auflage von rund 434.000 Stück.

    Im Ringen um Aufmerksamkeit ist dem Magazin mit dem Kanzlercover vermutlich hierzulande ein Coup gelungen. Inhaltlich wird wohl weiter um Relevanz gerungen. (Doris Priesching, 22.10.2018)

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    • Kanzler Sebastian Kurz am Cover von "Newsweek International".
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      Kanzler Sebastian Kurz am Cover von "Newsweek International".

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      Donald Trump mit Stahlhelm.

    • Viktor Orbán war "Mr. Right".
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    • Hitler am Cover von "Newsweek".
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      Hitler am Cover von "Newsweek".

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