Auch digitale Nomaden brauchen Wurzeln

    22. Oktober 2018, 14:48
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    Remote Working verändert nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Wohnwelt. Warum als Vorbild dafür eher das Tiroler Generationenhaus als der luxuriöse Skyscraper in New York taugt

    Man weiß nicht genau, ob sich 1988 irgendjemand in der Redaktion während der Vorbereitungszeit der ersten STANDARD-Ausgabe den brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, der in jenem Jahr mit dem renommierten Pritzkerpreis ausgezeichnet wurde, und seinen zentralen Gedanken "Wir müssen Träume haben, auch wenn sie nie wahr werden" zum Vorbild genommen hat.

    Vermutlich schon, und selbst wenn nicht: Wahr geworden sind die Träume trotzdem. Dummerweise gilt das auch für jene der Konterrevolutionäre, und somit hat 30 Jahre später Brasilien sehr wahrscheinlich in Kürze einen rechtspopulistischen Präsidenten.

    Jetzt wäre es natürlich zu viel, gesellschaftliche Entwicklungen rein der Architektur, der Art, wie wir unsere Lebens- und Arbeitswelten gestalten und wie wir diese Räume nutzen, zuzuschreiben. Aber man darf sie auch nicht unterschätzen.

    Individualitätskrise

    So war es zum Beispiel die Wiener Architektin und Widerstandskämpfern Margarete Schütte-Lihotzky, die 1926 die moderne Wohnküche erfand. Ehe die überzeugte Feministin ihre Frankfurter Küche für ein Wohnbauprojekt ebendort vorgestellt hat, bestanden die meisten Wohnungen aus zwei Zimmern: eines zum Kochen, Baden, Schlafen, Essen und für die meisten anderen praktischen Funktionen, und ein Zimmer für spezielle Anlässe wie Sonntage oder Familienbesuche. Man muss nicht lange grübeln, um zu erkennen, warum die von Schütte-Lihotzky erdachte Aufteilung in Küche, Wohn- und Schlafzimmer einen unaufhaltsamen globalen Siegeszug von bürgerlichen Stadtwohnungen bis zu bäuerlichen Stuben angetreten hat. Es sind eben oft die Details, die einen großen Unterschied machen: So ist es eine gängige These, dass Milchglasscheiben zwischen den Arbeitsplätzen und vier Milchsorten in den Gemeinschaftskühlschränken das US-Unternehmen We Work zum weltgrößten Coworking-Anbieter gemacht haben. Funktional und doch individuell.

    2018 befinden wir uns in einer Individualitätskrise ungekannten Ausmaßes.

    Heute würden wir alles kaufen, wenn es nur Zugehörigkeit verspricht. Marketer preisen Zahnpasta als Community-Erlebnis an, und Leute schließen sich lieber rechten Bewegungen an, als auf sich allein gestellt zu sein. Wo haben wir diesen menschlichen Maßstab verloren, und wie können wir ihn wiederherstellen?

    Die Suche nach Gemeinschaft

    Wir müssen neue Gemeinschaften bauen. Und wir müssen diese unter eine gemeinsame Verantwortung und Eigentümerschaft stellen. Denn gerade weil klassische Strukturen wie Betriebe, Vereine und Ehen sich immer mehr auflösen, werden unsere Wohn- und flexiblen Arbeitsorte zu zentralen Schauplätzen.

    Es kristallisieren sich drei große aktuelle Trends heraus, von denen man ziemlich sicher annehmen kann, dass sie auch noch die nächsten 30 Jahre bei uns bleiben werden. Das ist der Bedarf nach mehr Flexibilität, trotz mancher Regression nach mehr Globalität – und nach lebendigen sozialen Räumen.

    War früher das Vorstadtreihenhaus das höchste Ziel, so ist es für die Millennials und die nachkommende Generation ein nomadenhaftes Leben in möglichst vielen interessanten Städten. Der Dreijahresmietvertrag wird weniger relevant, genauso wie der Kauf einer Immobilie mit dem Ziel, ein Leben darin zu verbringen. Coworking-Places und eine neue Generation interessanter Langzeithotelprojekte profitieren davon.

    Denn der technologische Fortschritt macht uns ortsunabhängiger, schon lange, doch die gesellschaftliche Akzeptanz der daraus entstehenden Arbeitsmodelle folgt mit Zeitverzögerung erst jetzt. So war es schon 2005 mit Skype möglich, sich fast von überall aus zu verbinden, aber erst Tools wie Slack, Google Hangouts und Co sorgen dafür, dass Vorgesetzte die Augenbrauen nicht mehr ganz so hoch ziehen, wenn sich die freie Mitarbeiterin von Buenos Aires oder Bali aus zur Arbeit einwählt.

    All das wird in Zukunft dafür sorgen, dass sich lebenslange Lokalgemeinschaften und globale Branchenzentren weiter fragmentieren und durch Gruppen ersetzt werden, die sich anhand von oft ähnlichen Interessen frei zwischen immer mehr Orten bewegen. Diese Entwicklungen machen es umso wichtiger, den Fokus darauf zu legen, dass unsere Räume sozialer gestaltet werden.

    Gefahr der Isolation

    Der aktuelle Konjunkturzyklus definiert sich durch oftmals leerstehende Luxuswohnungen, aber das hat weder hinsichtlich Lebensqualität noch sozioökonomisch eine lange Zukunft.

    Wie hoffentlich ebenso wenig die Verhärtung der Fronten im Kampf der Identitätspolitik: In San Francisco gibt es neuerdings eigene Coworking-Angebote nur für Frauen oder die LGBT-Gemeinde. Durchaus gut gemeint, birgt das natürlich das Risiko weiterer Isolation – dass unsere digitalen Filterblasen uns auch im echten Leben immer mehr abschotten.

    Wer die Zukunft sucht, findet sie eher im Tiroler Generationenhaus als im New Yorker Skyscraper. Wir brauchen Wohnräume, die es einfacher, nicht schwerer machen, sich über gefühlte Grenzen hinweg zu begegnen. In denen man flexibel Tage, Monate oder Jahre leben kann, mit einer Architektur der Optionalität und damit der Möglichkeit, zwischen Anonymität und Partizipation zu wählen. Etwa im gemeinsamen Kochstudio, statt einsam vor dem Lieferessen zu sitzen. Mit Kino im Haus statt Netflix allein.

    Neue Zugehörigkeit

    Die Aufgabe der Zukunft wird es sein, uns aus unserer Isolation zu holen und trotz Ortsunabhängigkeit echte Zugehörigkeit zu finden. Nicht nur weil es politisch und ökonomisch, sondern auch gesundheitlich überlebenswichtig ist. So zeigen Metastudien zur Langlebigkeit, dass der mit Abstand wichtigste korrelierende Faktor nicht unbedingt die Ernährung ist, sondern wie sozial wir unsere Leben führen. Es ist nicht das Olivenöl, das manche griechische Fischerdörfer alt werden lässt – es gibt französische Gemeinden, die sich nahezu ausschließlich von Butter ernähren und eine ähnlich hohe durchschnittliche Lebenserwartung haben. Der entscheidende Faktor ist, dass die Nachbarstür offen steht, wenn einen Sorgen plagen. Das man einander zuhört, auch wenn man unterschiedlicher Meinung oder politischer Zugehörigkeit ist. (Bruno Haid, 22.10.2018)

    Bruno Haid ist Gründer der globalen Coliving-Plattform roam.co. Davor gründete der Bauernsohn aus Tirol das Portal work.io. Er lebt in New York, eigentlich ist er aber "überall auf der Welt zu Hause".

    • Herbergen für Nomaden:  Die Architektur der Zukunft bietet die Möglichkeit, zwischen Anonymität und Partizipation zu wählen.
      foto: roam/kara payton/kcm studios

      Herbergen für Nomaden: Die Architektur der Zukunft bietet die Möglichkeit, zwischen Anonymität und Partizipation zu wählen.

    • Cowirking-Konzept auf Coliving erweitert: Angebote wie roam.co bieten Luxusabsteigen für Digitalnomaden, wo diese unter einem Dach zusammenleben, arbeiten und networken können.
      foto: dereck armstrong

      Cowirking-Konzept auf Coliving erweitert: Angebote wie roam.co bieten Luxusabsteigen für Digitalnomaden, wo diese unter einem Dach zusammenleben, arbeiten und networken können.

    • War früher das Vorstadtreihenhaus das große Ziel, so ist es jetzt ein Leben an möglichst vielen aufregenden Orten. Der Immobilienkauf wird irrelevant.
      foto: christopher wise

      War früher das Vorstadtreihenhaus das große Ziel, so ist es jetzt ein Leben an möglichst vielen aufregenden Orten. Der Immobilienkauf wird irrelevant.

    • Wir brauchen Wohnräume,  die es einfach, nicht schwerer machen, sich über gefühlte Grenzen hinweg  zu begegnen.
      foto: roam

      Wir brauchen Wohnräume, die es einfach, nicht schwerer machen, sich über gefühlte Grenzen hinweg zu begegnen.

    • Ab 1800 Dollar im Monat kann man jederzeit in einem der vier Coliving-Spaces von Bali bis New York absteigen.
      foto: roam

      Ab 1800 Dollar im Monat kann man jederzeit in einem der vier Coliving-Spaces von Bali bis New York absteigen.

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