Warum Windows-Updates immer wieder zum Desaster werden

    28. Oktober 2018, 08:53
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    Microsoft kämpft schon länger mit Problemen bei der Qualitätssicherung, seit Windows 10 sind sie deutlicher sichtbar geworden

    Verschwundene Dokumente, Ausfall des Sounds und nun auch Datenverlust durch das integrierte ZIP-Tool. Die Auslieferung des "October 2018 Update" für Windows 10 verlief für Microsoft und einige User unerfreulich. Schon kurz nach Start des allgemeinen Roll-out wurde es daher wieder zurückgezogen und befindet sich seit rund drei Wochen wieder in der Überarbeitung.

    Auch wenn Microsoft betont, dass etwa das Problem mit verschwundenen Dateien im "Dokumente"-Ordner nur 0,01 Prozent der Nutzer betreffen würde, ist es ein neuer Eintrag in einer bereits beachtlichen Chronologie von Schwierigkeiten durch Windows-Updates. Und nicht zum ersten Mal rutschen Fehler durch, die schon Teilnehmer des Windows Insider-Programms gemeldet hatten, im Rahmen dessen Nutzer freiwillig Vorabversionen neuer Windows-Updates erproben.

    Update-Prozess: Kaum öffentliche Informationen

    Eine STANDARD-Anfrage bei Microsoft, wie der Kontrollprozess vor der allgemeinen Freigabe eines Updates erfolgt, wurde aus Redmond mit einem Verweis auf zwei Blogposts beantwortet. Diese stammen von John Cable, der unter anderem für das Rollout-Management zuständig ist.

    Zu erfahren ist dort, dass das "October Update" zuerst nur Usern angezeigt wurde, die manuell über Windows Update nach Aktualisierungen gesucht haben. Wem wann ein Update angezeigt wird, wird über "Echtzeitfeedback" und Telemetriedaten ermittelt. Konkrete Angaben zum "Werdegang" einer Aktualisierung sucht man dort vergeblich.

    Bekannt ist, dass eigentlich mehrere interne Teststufen für ein Update vorgesehen sind, ehe es im zweistufigen (Fast Ring und Slow Ring) des Insider-Programms landet. Bewährt es sich dort, erfolgt die Freigabe. Wie viele Leute an den jeweiligen Tests beteiligt sind, weiß man nicht genau. Im März 2017 erklärte zuletzt ein Microsoft-Manager auf Linkedin, dass es mittlerweile mehr als zehn Millionen "Windows Insider" gibt.

    Historisch gewachsenes Problem

    Bei Ars Technica sieht man unter anderem ein historisches Problem als Grundlage für die Misere. Das Unternehmen war lange auf viel längere Update-Zyklen eingespielt, sowohl was neue Windows-Versionen, als auch größere Erweiterungen durch "Service Packs" angeht. Eine Folge des nun viel dichteren Zeitplans mit zwei großen Updates pro Jahr ist, dass die Entwicklung für ein Update nun schon startet, bevor das aktuelle an den Start geht. Ab diesem Zeitpunkt werden für die anstehende Aktualisierung nur noch kleinere Änderungen umgesetzt.

    Die erste Version eines Windows 10-Updates, das an "Insider" verschickt wird, ist tendenziell noch sehr fehlerbehaftet, wie auch Microsoft selber warnt. Problematisch ist allerdings, dass es offenbar bis dahin kaum zu umfassenden Tests kommt, falls nicht überhaupt nur automatisierte Tests durchgeführt werden. Mit der Folge, dass die Bugs in den ersten Insider-Builds die Rechner der jeweiligen Nutzer auch schon lahmgelegt haben.

    Zugute halten muss man Microsoft, dass Windows 10 sehr regelmäßig aktualisiert wird und seit dem Erscheinen 2015 zahlreiche sinnvolle Verbesserungen und neue Features erhalten hat. Und freilich ist es auch nicht ganz leicht, ein System zu entwickeln, das auf abertausenden Rechnerkonfigurationen laufen und gleichzeitig möglichst abwärtskompatibel sein soll.

    "Insider" statt Testpersonal?

    Probleme dieser Art kennt man aber nicht erst seit Windows 10. Schon bei älteren Ausgaben des Systems galt oft das Credo, dass man besser auf das erste Service Pack warten sollte, weil die ursprünglich veröffentlichte Ausgabe zu viele Fehler mitbrachte. Etwas, das sich nun auch auf die halbjährlichen Updates übertragen lässt.

    Microsoft hat mittlerweile angekündigt, Insider-Teilnehmern die Möglichkeit geben zu wollen, genaueres Feedback zu liefern. Das könnte zwar manche Probleme lösen, aber würde nichts an den grundlegenden Schwierigkeiten ändern. Einst hatte der Konzern eine große Zahl eigens angestellter Softwaretester. Viele von ihnen mussten infolge der Massenentlassungen 2014 allerdings gehen. Scheinbar hoffte man, das mit dem Insider-Programm kompensieren zu können, tatsächlich dürfte sich die Problematik damit aber verschärft haben.

    Denn es führt dazu, dass nun Nutzer Tests durchführen, die sie eigentlich nicht machen sollten. Viele von ihnen können Bugreport-Formulare nicht so präzise und verständlich ausfüllen, wie geschultes Personal. Zudem sieht es so aus, als würde Microsoft mit ihnen herausfinden wollen, ob ein neues Feature überhaupt funktionstüchtig sei. Etwas, das man eigentlich schon vorher in internen Testläufen eruieren sollte.

    Der Qualitätsverlust im Code wiederum hat zur Folge, dass die Vorschauversionen von Updates immer seltener auf den primär verwendeten Rechnern der Insider aufgespielt werden, sondern zunehmend auf Zweit-PCs oder virtuellen Maschinen, womit das Feedback an Wert verliert.

    Änderungen nötig

    Um wieder verlässlich gute Updates zu liefern, müsste Microsoft seinen Entwicklungsprozess umstellen. Statt kaum getesteten und fehlerhaften Code bei den Insidern "reifen" zu lassen, müsste man schon zuvor mehr Zeit und Ressourcen aufwenden, um ihnen bereits möglichst stabile Software zu liefern, die keine groben Probleme mehr mitbringt.

    Das verlangt jedoch nach Umstellungen lange gewachsener Prozesse und kann daher nicht von heute auf morgen geschehen. Notwendig ist es aber, will man sich nicht in steter Regelmäßigkeit den Ärger der Windows-Nutzer einhandeln.

    Eine unvollständige Übersicht über Probleme mit Windows-Updates

    • October 2018 Update

    Zahlreiche Nutzer beklagten das Verschwinden ihrer Dateien im "Eigene Dokumente"-Ordner. Microsoft stoppte die Auslieferung des Updates. Auch kam es wegen unpassender Treiber zu Ausfällen des Systemsounds. Das integrierte ZIP-Tool überschrieb oder löschte in bestimmten Fällen außerdem Dateien beim Entpacken eines Archivs. Auffällig: Das Problem mit den verschwundenen Dateien war schon bei Vorabtests des Updates im Insider-Programm gemeldet worden.

    • April 2018 Update

    Auf verschiedenen Laptops des Herstellers Alienware sorgte das Update für einen schwarzen Bildschirm, wenn der Rechner aus dem Standby geholt. Dazu vertrug sich die Aktualisierung auch nicht mit verschiedenen Intel-SSDs, weswegen diese Rechner nach der Installation nicht mehr ins System starteten. Berichtet wurde auch über Abstürze von Googles Chrome-Browser.

    • Fall Creators Update (Oktober 2017)

    Einige Nutzer meldeten Probleme mit der Installation. Teilweise führte dies auch zu Startschwierigkeiten. Darüber hinaus kam es nur zu kleineren Bugs – etwa Treiberproblemen oder Abstürzen von Microsofts Browser Edge.

    • Creators Update (April 2017)

    Das automatische An- und Abschalten des frisch eingeführten Nachtmodus setzte aus, wenn der Rechner bei aktiviertem Blaulichtfilter neu gestartet wurde. Was allerdings bemerkenswert ist, dass dieser Fehler auch schon von Nutzern gemeldet worden war, die Vorabversionen des Updates im Rahmen des Insider-Programms getestet hatten.

    • Anniversary Update (August 2016)

    Das erste große Update für Windows 10 sorgte für relativ wenige Fehlermeldungen. Einige User berichteten Abstürze diverser Apps aus dem Windows Store. Vereinzelt wurden auch Probleme beim Start ins System dokumentiert, verursacht durch Fehler bei der Installation von Grafiktreibern.

    • Probleme mit anderen Updates

    Auch bei kleineren Aktualisierungen kam es immer wieder einmal zu größeren und kleineren Schwierigkeiten. Recht flott reagierte Microsoft etwa auf die Berichte zu den Sicherheitslücken Meltdown und Spectre und schickte ein außerplanmäßiges Sicherheitsupdate an den Start. Dieser sorgte allerdings bei Nutzern älterer AMD-Prozessoren für eine unschöne Überraschung. Nach der Installation blieben ihre Rechner beim Windows-Logo hängen oder gerieten in eine Neustartschleife. Microsoft stoppte schließlich den Roll-out des Patches.

    Auch frühere Windows-Versionen waren in den vergangenen Jahren von Update-Schwierigkeiten betroffen. Ende 2015 lieferte Microsoft ein Update für Windows 7 aus, das bei vielen Usern Outlook abstürzen ließ, teilweise den Login verhinderte und diverse andere Probleme mit sich brachte. Es musste zurückgezogen und repariert werden. (gpi, 22.10.2018)

    • Der dichte Updatezyklus für Windows 10 macht die Probleme bei ihrer Entwicklung deutlicher.
      foto: derstandard.at/pichler

      Der dichte Updatezyklus für Windows 10 macht die Probleme bei ihrer Entwicklung deutlicher.

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