Keiner glaubt die saudische Story

Kommentar21. Oktober 2018, 18:42
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Riad hat das Ausmaß der Khashoggi-Krise offenbar noch nicht verstanden

Nein, es funktioniert nicht. Sogar US-Präsident Donald Trump, der nichts lieber täte, als die saudische Version über den Tod Jamal Khashoggis zu schlucken, ist nicht "zufrieden". Außer ein paar braven arabischen Verbündeten will sich auf Staatenebene niemand damit abfinden, dass der saudische Publizist, der erst in seinem letzten Lebensjahr so richtig gegen den Strich bürstete, im saudischen Konsulat in Istanbul versehentlich getötet worden sein soll.

Niemand will glauben, dass die große Operation, in die dem Kronprinzen Mohammed bin Salman nahestehende Personen verwickelt waren, ohne Kenntnis von MbS, wie er genannt wird, vonstatten ging. Und dass die saudische Führung 18 Tage lang, vom 2. bis zu ihrer Erklärung am 20. Oktober, selbst im Dunkeln tappte. Dazu kommt, dass auch die Saudis ihre eigene Geschichte "entwickeln". Aus dem Faustkampf wurde mittlerweile ein Ersticken.

Uno sollte Einsicht erhalten

Noch immer wartet man auf die von der Türkei versprochenen Details: Bisher werden sie nur an Erdogan-treue Medien geleakt, Gräuelgeschichten, die einander zum Teil widersprechen. Es mag Ankara schwerfallen, aber andere Regierungen – oder die Uno – sollten Einsicht erhalten.

Nur mehr wenige der Heer scharen von (meist bezahlten) Saudi-Propagandisten treiben sich derzeit noch in den sozialen Medien herum und versuchen, gute Stimmung zu machen. Sie sind pathetisch: Jeder mache einmal einen Fehler, und der Kronprinz sei ja noch so jung! Und dass Saudi-Arabien nun alles aufgeklärt habe, sei doch ein Beweis für das Funktionieren des saudi-arabischen Rechtsstaats! Und so weiter.

System zeigt sich repressiver den je

Aber der Fall Khashoggi geht nicht weg, nicht einmal in Saudi-Arabien selbst. Auch Anhänger von MbS – die so sehr hofften, dass der 33-Jährige das Königreich tatsächlich in die Neuzeit katapultiert – sind schockiert über diese brutale Demonstration, wie der saudische Staat wirklich zu seinen Bürgern steht. MbS war für sie das gutartige, verständnisvolle, moderne Gesicht eines strengen, religiösen Königreichs. Das ultrakonservative Establishment mag tatsächlich – vorläufig – an den Rand gedrängt sein, dafür zeigt sich das System repressiver denn je.

Dass das Bewusstsein über das volle Ausmaß der Krise noch nicht bei der Führung angekommen ist, zeigt, dass der Kronprinz selbst mit der Neuordnung der Geheimdienste beauftragt wurde. Das lässt daran zweifeln, ob König Salman noch alles im Griff hat. Der entlassene Geheimdienst-Vize, Ahmed al-Asiri, war der Mann MbS’. Sein Versagen ist das von MbS.

Nichts auf eigene Faust

Bei seinem Aufstieg an die Macht riss der Kronprinz die Kontrolle über den gesamten Sicherheitsapparat an sich. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Der zweite hochrangige Entlassene, Saud al-Qahtani, wird nun überall mit einem Tweet zitiert: "Ich tue nichts auf eigene Faust, ich bin Angestellter und Exekutor der Befehle meines Königs und meines Kronprinzen."

Riad erwartet wohl, dass sich in dieser medial hektischen Zeit die Wogen bald wieder glätten. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn auf die Gunst Saudi-Arabiens zu verzichten hieße vor allem für die USA, einen großen Waffenkäufer und den wichtigsten strategischen Partner in der Region nach Israel zu verlieren. Aber wenn die Krise zu lange dauert, könnte auch in Saudi-Arabien selbst etwas in Gang geraten: etwas, was dazu führt, dass MbS doch nicht der erste Enkel von Staatsgründer Ibn Saud auf dem Thron sein wird. (Gudrun Harrer, 21.10.2018)

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